Buchbesprechung: Tanger Trance

Um die Mittagszeit am Atlantik. Menschen auf einem mauerähnlichen Flachdach. Die Kuppel einer Gedenkstätte. Gleißendes Licht und kühler Schatten. Variationen von mediterranem Blau. Vereint auf dem Titelbild von Tanger Trance. Als Übergang in eine andere Welt öffnet sich eine Tür. Zugang haben alle Bewohner und Besucher von Tanger – die, die waren, die, die sind und die, die sein werden – denen der Bildband gewidmet ist.
Das Vorwort des tunesisch-französischen Autors Abdelwahab Meddeb1 führt in einem eleganten Bogen, ohne den Bezug zu Tanger aus den Augen zu verlieren, vom griechischen Philosophen Empedokles zu den weltanschaulichen Ansichten eines Wärters, der sich um das Mausoleum des marokkanischen Sufis Ahmed Ibn Ajiba kümmert.
Abgetrennt und signalisiert durch eine königsblaue Seite gliedert sich der Bildband in sieben Sektionen. 25 Textseiten beinhalten 63 „zusammengetragene Momentaufnahmen“ des Autors Florian Vetsch. Ebenso wie das Vorwort sind sie in drei Sprachen übersetzt und umschließen die drei längeren Bildpassagen. Die kurzen Texte vermitteln eine unmittelbare Teilhabe am Leben in der marokkanischen Hafenstadt, die sich, je nach Standpunkt, entsprechend offenbart.
Die Bilder der Photographin Amsel, einem Anagramm aus Selma, lassen Raum – ausreichend Raum für eigene Gedanken und Assoziationen zu den Momentaufnahmen, die, ebenso wie die Texte, beim Durchstreifen der Stadt entstehen. Immer wiederkehrend ist das changierende Blau von Himmel und Meer sowie Frauen in Rot und Menschen bei der Arbeit. Versteckte Anspielungen im Kreislauf des Lebens. Auf ein Rentnerpaar folgen illuminierte Balkone und eine glücklich lächelnde Braut. Eine ländliche Idylle endet für Vierbeiner beim Schlachter, für Zweibeiner auf dem Friedhof. Und das Leben geht weiter seinen gewohnten Gang. Beeindruckend ist die Reminiszenz an Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“, hervorragend die Komposition der Zweiergruppen: Betende und Spaziergänger sowie Frauen in Rot und weiße Schuhe am Meer. An zentraler Stelle des Bildbandes, von Flaggen umrahmt, der König, der schützend seine Hand über das Land hält. „Eine intensive Begegnung.“ Der Klappentext hält Wort.

Amsel und Florian Vetsch: Tanger Trance.
260 S., Bern 2010, Benteli Verlag

1 Zwischen Europa und Islam. 115 Gegenpredigten, s. Al-Maqam, 2008, Nr 1, S. 53, www.al-maqam.de

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