Isli und Tislit – Geschichten um den Heiratsmarkt von Imilchil

Es war einmal, vor langer langer Zeit, da lebten in einem von hohen Bergen umschlossenen Tal ein junger Mann und eine junge Frau. Beide waren einander in inniger Liebe herzlich zugetan. Viele Jahrtausende zuvor soll in unmittelbarer Nähe des Tals ein doppelter Meteoriteneinschlag zwei tiefe Krater in den steinigen Boden jener Hochebene gerissen haben. Angefüllt mit den Tränen der beiden Liebenden tragen die beiden so entstandenen Seen noch heute deren Namen: Isli und Tislit

Imilchil pflegt seine Traditionen

Die mehr als 2000 m über dem Meer gelegene Hochebene erstreckt sich zentral im Hohen Atlas auf einer elliptischen Fläche von rund 175 km². Von der marokkanischen Regionalhauptstadt Beni-Mellal führt die Nationalstraße N8 zum Abzweig in südliche Richtung auf die Landstraße R317. Sie ist die einzige mit dem Wagen befahrbare Straße, die die Ebene mit der Außenwelt jenseits der Berge verbindet. Entlang der Strecke, im Tal Assif Melloul liegt ein Städtchen: Imilchil

Alljährlich findet dort im September ein „moussem“ statt, die französisierte berberische Ableitung aus dem arabischen „mausim“ mit der Grundbedeutung von Jahreszeit, Saison und Festzeit. Mit vorangestelltem Artikel bezeichnet das Wort ein muslimisches Wallfahrtsfest. Weitere Bedeutungen sind Festtag und Feiertag, Jahrmarkt und Messe sowie insbesondere die Ernte und die Erntezeit. Jeder der aufgezählten Begriffe – und weitere – prägen den Moussem von Imilchil, der als bekanntester Marokkos gilt. Der Jahrmarkt von Imilchil trägt den arabischen Zusatz „al-khutouba“, die Brautwerbung und Verlobung, was romantisierend auf die Legende von Isli und Tislit anspielt. Der Heiratsmarkt von Imilchil besitzt einen eigenen Charme. Seine besonderen Charakteristika verleihen ihm in der Region und weit darüber hinaus eine herausragende und einzigartige Stellung.

Die westliche Region Nordafrikas ist seit alters her von Berbern (griechisch Barbar, „der, der Blabla spricht“) bewohnt. Deren Herkunft ist unter Forschern nicht unumstritten, was durchaus auch der Tatsache geschuldet sein mag, dass „die Berber“ keine homogene Ethnie im weitesten Sinne darstellen. Die Römer übernahmen die Bezeichnung für die Bevölkerung der Atlasländer und beeinflussten nachweislich die agrarische Produktion und die Sprachen der Berber. Mit den Römern verbreitete sich dort ebenfalls christliches Gedankengut. Im Laufe der langwierigen Eroberung des Maghreb durch die Araber ab dem 8. Jahrhundert nahmen die meisten Berber den muslimischen Glauben an. Das Gebiet war im ständigen Aufbegehren gegen die Eindringlinge aus dem Osten. Zahlreiche Berberstämme konnten indes ihre Unabhängigkeit bewahren indem sie die Herrschaft des Sultans nominell anerkannten. Im späten 19. Jahrhundert erfolgte die zumindest formale Kolonisation durch die Europäer.

Eine Gegend mit eigenwilligen Einwohnern

Die Atlasregion galt den Arabern als „Land des Aufruhrs“ und den Franzosen als „Unsicherheitszone“. Einer der letzten Stämme, die von den Franzosen besiegt wurden, waren die Ait Haddidou, einem Stamm aus der übergeordneten Konföderation der Ait Yafelmane. Deren Sprache ist Tamazight, eine von drei Sprachen der Berbervölker, die von rund der Hälfte der Marokkaner gesprochen wird. Seit dem Jahr 2011 ist Tamazight, als Oberbegriff für die Berbersprachen und –dialekte, neben Arabisch als offizielle Sprache des Königreichs von Marokko gleichberechtigt anerkannt.

Die Ait Haddidou eroberten im 17. Jahrhunderts die Region der Hochebene mit dem Seen-Plateau und den Tälern des Assif Melloul. Zwei Fraktionen bewohnen heute die Gegend: die Ait Brahim das obere Flusstal, die Ait Yazza das Gebiet um Imilchil. Letztlich handelt es sich dabei um eine Anzahl von verstreut auseinanderliegenden Dörfern, in denen jeweils eine Großfamilie lebt. Imilchil, eine Kleinstadt mit deutlich unter 10.000 Einwohnern, ist die sogenannte Hauptstadt der Ait Haddidou. Dort kreuzen sich wichtige Verkehrswege für den Transport und Austausch über und jenseits des Atlasgebirges hinaus. Die nächstgelegene kleinstädtische Ansiedelung ähnlicher Größe liegt mehr als 30 km Luftlinie entfernt. Der jährliche Markt von Imilchil ist in mehrfacher Hinsicht von immenser Wichtigkeit für die dort ansässige Bevölkerung und die teilnehmenden Akteure. Er ist ein Spiegel der hermeneutischen Dynamik zwischen dem historischen und gegenwärtigen Kontext mit all seinen religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Bezügen, sowohl auf individueller und gemeinschaftlicher als auch auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene.

Maßgeblich prägend für soziale Strukturen menschlicher Gemeinschaften sind in der Regel die vorherrschenden klimatischen und geographischen Verhältnisse sowie insbesondere die Verfügbarkeit von Wasser. Ansiedlungen finden sich in der Region von Imilchil zumeist nur in ganzjährig wasserführenden Tälern. In älteren Reiseführern finden sich noch warnende Hinweise darauf, dass die Gegend nur „zwischen März und November sowie mit einem voll intakten Fahrzeug“ befahrbar sei. Von Fahrten auf den schwierigen Pisten mit Steigungen über 20% werde insbesondere nach Regenfällen dringend abgeraten. Dass die Vegetation dementsprechend einen limitierenden Faktor darstellt und keine paradiesischen Lebensbedingungen bereithält, lässt sich anhand der geringen Bevölkerungsdichte sowie dem Fehlen größerer Ortschaften anschaulich verdeutlichen. Im Winter, die Frost- und Schneeperiode erstreckt sich von Oktober bis Mai, toben Schneestürme. Im Sommer brennt eine „unerbittlich bleierne Sonne“ und es ist mit täglichem Regen zu rechnen.

Der arabische Artikel zu Imilchil bei Wikipedia widmet sich nur beiläufig dem Heiratsmarkt und „wirft [stattdessen] ein Licht auf die Ursachen der wichtigsten sozialen Strukturprobleme, denen das vom Rest der Region isoliert liegende Imilchil ausgesetzt ist“. Die schlechten Verkehrsanbindungen erschwerten insbesondere im Winter den Austausch und Begegnungsmöglichkeiten zwischen der Bevölkerung der weit verstreut liegenden Ansiedlungen. Die bereits angesprochenen klimatischen Verhältnisse sowie naturbedingte Gegebenheiten wie beispielsweise die baumlosen Steilhänge erschweren die stets von Erosion bedrohte Subsistenzwirtschaft.

Jahrmärkte und Pilgerfeste

Die Ursprünge des Jahrmarktes von Imilchil liegen im Dunkeln. Das Prädikat eines Heiratsmarktes kam erst sehr viel später hinzu. Ansiedelungen und Märkte verdanken ihre Entstehung in vielen Fällen der geographischen Lage als Schnittpunkte von Handelswegen oder als Zentren der Rohstoffproduktion. Der Name „Imi-Lchil“ sei mit „die Getreidepforte“ zu übersetzen. Unweit von Imilchil, rund 20 Kilometer liegt flussaufwärts in süd-östlicher Richtung das Grabmal von Sidi Mohammed Al-Murghani, dem Stammesheiligen der Ait Haddidou. Dort findet der dreitägige Jahrmarkt nach Abschluss der Erntesaison im September statt. Dr. Detlef Schäfer unterstreicht in einer ethnologischen Untersuchung aus dem Jahr 1980 drei unterschiedliche Bedeutungen des „agdoud“ genannten Festes. Das Grabgebäude, als Stammesheiligtum der Ait Haddidou, „die Kubba ist Mittelpunkt der großen jährlichen Gemeinschaftswallfahrt (moussem)“. Der Jahrmarkt habe somit als Pilgerfest religiösen Charakter, stärke mit seinen sozialen Funktionen das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerung indem die Fraktionen ihre Stammeszugehörigkeit demonstrieren und eine gemeinsame „Kollektivhochzeit“ abgehalten wird. Schließlich der entscheidende, für das Überleben notwendige wirtschaftliche Aspekt des Marktes, mit der „vielleicht letzten Gelegenheit, sich für den langen Winter mit allem Nötigen zu versorgen.“

Aktuelle marokkanische Quellen berichten darüber hinaus, dass der Moussem der Ait Haddidou nach wie vor einer der wichtigsten Viehmärkte Marokkos ist und für die Nachbarstämme „das größte jährlich wiederkehrende Ereignis“ der Region sei. Händler verkaufen lokale Produkte des täglichen Bedarfs. Im Angebot finden sich Silberschmuck und Keramikgeschirr, gewebte Decken, Matten und Stoffe, Trockenfrüchte und Gewürze sowie vieles mehr und in zunehmendem Maße auch Billigimportware von eher bescheidener Qualität. Den „Heiratsmarkt“ gebe es in der heutigen Form allerdings erst seit Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die mittlerweile „größte professionelle Veranstaltung des Landes“ entwickelte sich zu einem Publikumsmagneten, der jährlich Tausende Besucher aus dem In- und Ausland anzieht. Das Fest stellt für die Region einen nicht unerheblichen wirtschaftlichen und finanziellen Einkommensfaktor dar. Das Angebot reagiert entsprechend auf die Nachfrage und umgekehrt. Wie viel davon letztlich der strukturschwachen Region zu Gute kommt, bleibt abzusehen.

Die Legende zweier Liebender

Imlchil-moussem-zskdan-58 © Zakaria ElQotbi
Imlchil-moussem-zskdan-58 © Zakaria ElQotbi

Die Legende von Isli und Tislit ist tief im kollektiven Bewußtsein der Imazighen – den Freien, wie die Selbstbezeichnung der lokalen Bevölkerung lautet – verankert. Sie erscheint zunächst als einfaches Liebesmärchen. Bei eingehender Betrachtungsweise eröffnen sich Einblicke sowohl auf die Sitten, Gebräuche und Sozialstrukturen der Berber als auch auf den Heiratsmarkt von Imilchil. Die Zusatzbezeichnung geht auf die beiden Liebenden zurück. In Tamazight – der Sprache der Imazighen – stehen deren Namen für Braut und Bräutigam, Tislit und Isli. Über das Arabische und Französische wurde daraus im Deutschen der Heiratsmarkt und das Fest der Brautleute. Treffender und romantischer ist die Variante, die das Fest als den Markt der Verliebten bezeichnet.

Die Freiheit der Berber sowie andererseits das tragische Ende von Isli und Tislit, ausgelöst durch das Hochzeitsverbot, stehen scheinbar ebenso im Widerspruch zueinander wie Tradition und Selbstbestimmung. Wer gegen die Tradition aufbegehrt, isoliert sich. Ohne den Segen ihrer Eltern hätten Isli und Tislit weder zusammenkommen noch überleben können. Beide fügten sich der Tradition und fanden dennoch, selbstbestimmt, einen Weg zueinander. Die Legende von Isli und Tislit würdigt diesen Zwiespalt und heroisiert gleichzeitig deren Verhalten. Traditionen und Hierarchien, die Befolgung von Regeln sichern den Fortbestand von Gemeinschaften, insbesondere in Gegenden wo auf sich Alleingestellte kaum Überlebenschancen haben. Die scheinbare Ausweglosigkeit, das Dilemma des Aufbegehrens spiegeln sich in der Geschichte von Isli und Tislit wieder. Durch ihren Tod transzendieren beide die Tradition um sich auf anderer Ebene vereint wiederzufinden und lösen somit den vermeintlichen Widerspruch.

„Denn als die Braut aus dem Berberstamm der Ait Yazza ihren Bräutigam aus dem Stamm der Ait Brahim wegen Stammesstreitigkeiten nicht ehelichen durfte, zerflossen beide Liebenden in unaufhörlichen Tränen, deren Wasser sich zu den beiden Seen sammelte.“ Und auch wenn beide längst gestorben sind, so leben sie doch noch heute.

Autor

Christian M. Jolibois

Tipp

wunderschöne Fotos vom Hochzeitsmarkt in Imilchi finden Sie hier

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