Karawane der Bücher – Auf den Spuren von Jamila Hassoune

„Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.“

Margit Seibel und Jamila Hassoune, Copyright: Margit Seibel
Margit Seibel und Jamila Hassoune, Copyright: Eva-Maria Preiß

„Meine Familie ist sehr traditionell,“ berichtet sie. „Ich bin sehr behütet aufgewachsen und war nach der Schule immer zuhause.“ Sie sei ein eher scheues Kind gewesen, mit wenigen Freundinnen, aber mit einer großen Liebe zu Büchern. „Ich war schon immer ein neugieriger Mensch,“ sagt sie lachend.

Ihr Leben änderte sich 1994 abrupt, als ihr Vater starb und sie seine Buchhandlung übernahm. Mehr und mehr begann sie, sich für die aktuellen sozialen Themen zu interessieren. Vom Analphabetentum und der Unwissenheit der Frauen in den ländlichen Regionen und der beruflichen Perspektivlosigkeit der jungen Leute fühlte sie sich tief betroffen. Sie suchte nach Wegen für Hilfe und Veränderung. Bildung erschien ihr als Grundlage dafür unabdingbar zu sein und dafür konnte sie etwas tun.

 

Die Karawane der Bücher

Im Frühjahr 1995 bepackte sie zum ersten Mal ihr Auto und fuhr in die kleinen Dörfer des Hohen Atlas, wo es damals keine Elektrizität und kein fließendes Wasser gab, um dort für Literatur zu werben und Bücher zu verteilen. Die Resonanz war überwältigend. Zurück in Marrakesch, suchte sie nach Gleichgesinnten und Mitstreitern, um weitere Fahrten finanzieren zu können. Universitätsprofessoren, Schriftsteller, Künstler und andere Intellektuelle waren fortan an ihrer Seite. Von 1996 an besuchte sie die abgelegenen Schulen, verlieh Bücher, die bei den Schülern gefragt waren, vor allem Bücher über Philosophie, fremdsprachliche Gedichtbände, Bücher über Menschenrechte und ausländische Medien.

Besondere Unterstützung erfuhr sie von Fatima Mernissi, Universitätsprofessorin für Soziologie in Rabat, Frauenrechtlerin und Autorin. Mit ihr begann sie 1999 die „Caravane Civique“ (Bürger-Karawane). Es sei Jamilas Traum vom „fliegenden Teppich“ gewesen, Bücher in die entlegenen Gebiete des Hohen Atlas zu transportieren, schreibt Mernissi. 2006 entwickelte sich aus den Bücherfahrten und den verschiedenen kulturellen Projekten die „Caravane du Livre“, die Karawane der Bücher. Sie hat Jamila Hassoune internationale Bekanntheit und Anerkennung eingebracht. Jedes Jahr im April zieht die Karawane unter Jamilas Leitung für vier Tage in ein anderes Dorf, mit Büchern, Workshops und kulturellen Projekten im Gepäck. Zur Teilnahme an den Bücherkarawanen lädt sie auch regelmäßig Interessierte aus dem In- und Ausland ein.
Jamila Hassoune sieht sich inzwischen als kulturelle Netzwerkerin zwischen Autoren, Intellektuellen, sozial engagierten Menschen und Kulturschaffenden, ganz speziell aber als Organisatorin für Frauenprojekte. Ihr Engagement und Ideenreichtum wirken ansteckend, Hilfe ist ihr jederzeit willkommen. 2010 gründete sie die „Ain Agadem Foundation“, eine Stiftung, deren Ziel die Förderung von Bildung, Kultur, Geschichte und Umwelt ist.

Die Karawane zieht weiter

Am nächsten Morgen bricht unsere Gruppe zur zweiten Etappe unserer Reise auf. Wir fahren in unserem Kleinbus in den Hohen Atlas, über enge, gewundene Straßen, an steilen, felsigen Abhängen entlang. Von den schneebedeckten Gipfeln stürzt das Schmelzwasser des beginnenden Frühlings ins Tal. An den schroffen Hängen der Berge kleben immer wieder Ansammlungen ockerfarbener Lehmhäuser. Das sind die Orte, in die Jamila fährt. Karge, ärmliche und archaisch anmutende Dorfgemeinschaften, wie abgeschnitten von der modernen Welt. Nur hin und wieder zeigen vereinzelte weiße Satellitenschüsseln, dass auch hier das 21. Jahrhundert bereits Einzug gehalten hat. Über den 2.260 m hohen Pass Tizni-n-Tichka, über Agdz und Ouarzazate geht usnere Fahrt ins Draa-Tal nach Zagora.

Marianne, eine Buchhändlerkollegin aus der Schweiz, wartet schon auf uns. Zusammen mit ihrem berberstämmigen Ehemann Hamid und dessen Familie betreibt sie im Winterhalbjahr, der Saison für Wüstenreisen, die Agentur „Caravane Chaima“.
Mit Geländewagen werden wir von Hamid und weiteren Fahrern zum Karawanentreffpunkt gebracht. Die Chameliers, die Kamelführer, erwarten uns bereits.1 Das Aufladen des Gepäcks geht schneller als gedacht. Jeder Handgriff sitzt. Im Nu sind die großen, geflochtenen Korbtaschen mit unseren Rucksäcken und Reisetaschen gefüllt, dazu gepackt werden die Küchengeräte, Essensvorräte und ein großes Nomadenzelt.

Vor uns erhebt sich in der Ferne der Gebirgszug des Djebel Bani. Ein dunkles Felsmassiv aus spitzzackigen Höhen und tiefen Einschnitten mit Geröll und großen Steinen. Bis zum Mittag haben wir die Berge erreicht. Nach einer zweistündigen Mittagsrast, in der uns unsere Begleiter süßen Pfefferminztee, eine bunte Salatplatte und Brot servieren, steigen wir zu Fuß auf, gefolgt von unseren Begleitern mit den Kamele. Die Luft ist klar und angenehm. Ein ideales Klima zum Wandern. Auf der anderen Seite der Berge erwartet uns eine Mondlandschaft, die Hammada.2 Felsen und Steine – soweit das Auge reicht. Am Horizont stehen einzelne Palmen und eine ferne Dünenlandschaft lässt erahnen, dass dort der Erg Chegaga, eine der Sandwüsten Südmarokkos, beginnt.
„Die Wüste ist der Garten Allahs, aus dem er alles Überflüssige entfernt hat, damit er in Frieden darin wandeln kann,“ lautet eine arabische Weisheit. Ein Meer aus gelbbraunen Sanddünen liegt nun vor uns. Abends, bevor uns das mehrgängige Abendessen serviert wird, holen wir unsere Bücher hervor und lesen abwechseln vor.

Marokkanische Frauenliteratur

Unser besonderes Interesse gilt der Literatur, die von Frauen geschriebenen wurde. In ihr geht es um die Situation von Frauen in einer Kultur, die vielen auch heute noch nur einen begrenzten Rahmen zuweist. Neben Fatima Mernissis „Der Harem in uns“ und „Der politische Harem“, die Standarts der politisch engagierten marokkanisch-arabischen Frauenliteratur sind, haben es uns zwei weitere Autorinnen besonders angetan: Leila Abdouzeid (geb. 1950) mit ihrem Roman „Eine Verstoßene geht ihren Weg“, der im Schicksal seiner Protagonistin die Auswirkungen der politischen Entwicklung mit den traditionellen Nachteilen für Frauen verbindet.
Und Rachida Lamrabet (geb. 1970), die bereits einer anderen Generation angehört. Sie lebt heute in Belgien. In ihrem Roman „Frauenland“ (ein Begriff, mit dem die marokkanischen Männer Westeuropa bezeichnen) geht es um das Leben einer selbständigen, beruflich erfolgreichen jungen Marokkanerin in Europa. Neben unserer Lektüre erzählt uns Marianne von den einheimischen Frauen, die zu ihrer Familie gehören und von Nachbarinnen oder Freundinnen. „Für die Frauen in den ländlichen Gegenden gelten die traditionellen Normen der Großfamilie wie eh und je,“ erklärt sie uns. Von den Reformen, mit denen König Mohamed VI. bald nach seinem Amtsantritt 1999 die Rechte der Frauen stärkte, sei im Süden wenig zu spüren. Das Heiratsalter wurde per Gesetz auf 18 Jahre angehoben. Aus gutem Grund!

„Aber, wer kümmert sich schon darum,“ sagt Marianne. „Die Liebe, wie wir sie kennen, wird besungen und in Geschichten verewigt, aber in der Realität findet sie nicht statt.“ Auch heute noch würden 90% aller Frauen von der Familie verheiratet. Je früher, desto besser. „Bestenfalls entwickelt sich die Liebe im Laufe einer Ehe.“
Die romantische, selbstbestimmte Liebe, die in den traditionellen Liedern und Gedichten so oft beschworen wird, geht wohl deshalb auch in der Poesie selten gut aus. Dem Ungehorsam gegen Pflicht und Tradition folgt die Strafe auf dem Fuß. Die Liebenden verschmachten in der Wüste, wohin sie sich geflüchtet haben oder enden auf andere tragische Weise. „Solange Frauen nicht ausgebildet und finanziell unabhängig sind, läuft nichts!“ sagt Marianne.
Mit diesem Resümee bestätigt sie, was auch Jamila Hassoune erkannt hat und wofür sie arbeitet und kämpft.

Autor

Margit Seibel

1 Die korrekte Bezeichnung für das Kamel der Sahara ist „Dromedar“, weil es nur einen Höcker hat. Seine Artgenossen, mit dem Namen „Kamel“ haben davon zwei und leben in den Wüsten und Steppen Asiens.
2 Hammadas sind neben den Sandwüsten die häufigste Wüstenform in der Sahara.

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