Marrakesch – die Rote

Erwartungen bestimmen unser ganzes Leben. Manchmal werden sie erfüllt, manchmal auch enttäuscht. Je mehr es uns gelingt, uns von Erwartungen frei zu machen, desto offener können wir dem entgegensehen, was auf uns

 Zum ersten Mal in Marokko

Nach nur dreieinhalb Stunden Flug Landung am Flughafen Marrakesch, der klein, überschaubar aber hypermodern ist. Die Fahrer der Hotelshuttles stehen mit Schildern in der Halle und warten geduldig und freundlich, bis ihre Gäste auftauchen. Teils haben sie die Namen der Hotels auf den Schildern, teils auch die Namen der Gäste. Zum Parkplatz geht es über einen breiten Weg vor dem Flughafen, eine kleine Treppe hinauf und schon ist man da. Die Fahrt in einem vollklimatisierten SUV ist Luxus pur und der Ausblick auf die Stadt, die mit Olivenhainen links und dem bekanntesten Luxushotel, dem Maimuna rechts grüßt, ist einladend. In rötlichem Stein erbaut, passen sich die fast ausschließlich zweistöckigen Gebäude in diesem Teil der Stadt der Farbe der Erde an und die Weite, mit der alles großzügig angelegt ist, und die vielen Blumenrabatten in der Mitte und am Rand der Straßen zeigen das Bemühen der Mrrakshi (der Einwohner von Marrakesch), ihre Stadt zu einem kleinen Schmuckstück zu machen, woran sowohl der König als auch die Bürgermeisterin von Marrakesch ihren Anteil haben.

Nach einer knappen Viertelstunde kommt das Auto nicht weiter, weil die Straßen zu eng sind. Unser Gepäck wird daher umgeladen in einen bereitstehenden Handkarren, der von einem freundlich lächelnden Mann mit nur noch wenigen Zähnen im Mund zügig durch den Stadtverkehr gelenkt wird. Nach wenigen Schritten geht es in eine Fußgängerzone. Nach ein paar Minuten geht es rechts hinter einem Burgerladen in eine kleine Gasse. Die gepflasterte, sauber gefegte Gasse ist kaum drei Meter breit und es sieht hier nach einem reinen Wohnviertel aus. Fast jedes dritte Haus weist sich als Riad aus. Wir lassen etliche hinter uns liegen, biegen bald links, bald rechts ab und bleiben schließlich mitten in einer weiteren Gasse vor einer Holztür mit dem typischen marokkanischen Klopfer stehen. Wir sind angekommen. Ahlan wa Sahlan! Das Riad l’Heure d’Été empfängt uns mit einem umwerfenden Duft, der durch das ganze Haus strömt. Hinter der Rezeption steht eine freundliche junge Frau mit offenen, welligen Haaren. Madiha spricht perfekt Französisch und begrüßt uns so herzlich, als wenn wir uns schon seit langem kennen.

Rund um den Djamaa el Fna

Da in allen Reiseführern betont wird, dass man die einheimische Küche auch auf dem Djamaa el Fna, von dem wir lediglich fünf Fußminuten entfernt sind, bedenkenlos genießen kann, wollen wir gleich dorthin. Zurück auf der Fußgängerzone komme ich mir vor, als hätten mich die kleinen Gassen wie einen Fremdkörper ausgespuckt. Das lärmende Treiben in der Fußgängerzone setzt sich fort in Richtung Djamaa und wir lassen uns mit dem Strom treiben. Erstaunlich, dass die Mehrheit der Menschen hier Einheimische sind. Ich beobachte viele Frauen in der traditionellen Kleidung Marokkos, der Abbaya, in den unterschiedlichsten Farben, Stoffqualitäten, Mustern, Schnittvarianten. Eine richtige Modenschau. Um uns erst einmal in Ruhe einen Überblick zu verschaffen, trinken wir am Rande des Djamaa el Fna einen Kaffee. Der Café au lait dort ist klein, stark und sehr würzig. So gestärkt ziehen wir unsere Kreise langsam enger auf dem Platz und trauen uns schließlich unter die Schirme der Essensstände, die umlagert sind von Kellnern, die speziell zu ihrem Stand einladen. Es gibt die Nationalgerichte Marokkos Couscous und Tagine, außerdem Salate, Suppe, Pastilla, Meeresfrüchte, Fisch, Schnecken, für Hartgesottene Hammelköpfe. Alles wird direkt am Stand frisch zubereitet und die Rauchschwaden der Grills vernebeln je nach Windrichtung den halben Platz, tragen aber auch die anregenden Essensgerüche zu den bedürftigen Mägen. Wir entscheiden uns für einen Stand gleich am Anfang der Reihen und werden freundlich zu einem weniger beräucherten Platz geleitet. Schnell kommen wir mit den Kellnern ins Gespräch und erfahren, dass sie Ägypten, die ägyptischen Filme und Musik mögen. Ihr absoluter Liebling ist der Komiker Adel Imam. Da sie durch die Filme den ägyptischen Dialekt recht gut verstehen, ist die Verständigung auf Arabisch – manche Kellner müssen dazu allerdings ihre Schulkenntnisse hervorkramen – einigermaßen gewährleistet. Mit Französisch habe ich es da leichter. Da gibt es wenigstens keinen marokkanischen Dialekt. So nach und nach lernen wir auch die wichtigsten Worte im marokkanischen Dialekt und einige Ausspracheregeln, dass z. B. viele Vokale einfach verschluckt werden. So heiß Marrakesch bei den Einheimischen kurz „Mraksh“, wovon sich der Landesname Marokkos wahrscheinlich ableitet. Nachdem wir mit Salat, Suppe, einer Lammtajine und Getränken gestärkt sind, machen wir eine weitere Runde vorbei an Hennamalerinnen, Wahrsagern, Verkäufern von Naturheilmitteln wie „Viagra nature“, Lampen, Räucherwaren, Tierdompteuren mit Äffchen in Windeln, einem Mann mit einem zahmen Igel, einem Geier und anderem Kleingetier, das er zur eigenen Belustigung und zur Freude der Kinder vorführt. Gern lässt er sich für ein paar Dirham mit seinem Getier fotografieren, wie überhaupt alle Schausteller auf dem Platz. Der Wasserverkäufer, der nur noch sein Kostüm als Fotokulisse verkauft, weiß sich geschickt wegzudrehen, wenn er von fern eine Kamera auf sich gerichtet spürt. Die Gnawa-Gruppen spielen sich am anderen Ende des Platzes warm. Ihre Rhythmen ergänzen sich nach einer Weile des Zuhörens und wirken wie ein Grundbeat, der beständig die vielen weiteren Geräusche des Platzes begleitet und untermalt. Lediglich wenn der Azan erklingt, schweigt der gesamte Platz ebenso sowie die Musik aus den CD-Läden in der nahen Fußgängerzone. Daran merkt auch der Tourist, dass er sich in einem islamischen Land befindet.

In der Mellah

In den nächsten Tagen führen uns unsere Wege durch die Souks in Richtung Mellah, dem alten Judenviertel, wo es die Ruinen des alten Palastes El Badii zu bewundern gibt. Doch der ist wegen des „Festival du Rire“, einer der vielen Veranstaltungen, die dort in malerischer Kulisse stattfinden, leider geschlossen. Also schlendern wir durch die Mellah, bleiben bei einer Frau mit einer kleinen Teestube stehen, die sich als Suppenstube entpuppt und bekommen dort die traditionelle Harira, eine Suppe, ähnlich dem Haferschleim, nur salzig und lecker und sicher sehr nahrhaft. „Die Mrrakshi essen die Harira morgens, bevor sie zur Arbeit gehen,“ erklärt uns die Inhaberin der Suppenstube, die aus einer Bank für zwei Personen und einen dazu passenden Tisch besteht. Wir bekommen noch einen The à la menthe, den traditionellen Minztee, und gute Wünsche für unseren Aufenthalt mit auf den Weg. In der Stoffweberei „Atlelier El Bahia“1, in der traditionell nur die Männer an den Webstühlen arbeiten, erfahren wir, dass die feinen Stoffe, die dort angeboten werden, alle handgearbeitet sind: Gemische aus Naturseide, Baumwolle und Leinen, in einer Größe von 2,40 x 3,00 m. Muster, Farben und auch Stoffqualität können auf Wunsch vom Kunden bestimmt werden. „Wir machen viele Auftragsarbeiten und exportieren bis nach Europa.“ Von der jungen Verkäuferin, die uns sowohl auf Arabisch als auch auf Französisch die Herstellung der Stoffe erklärt, bekommen wir noch den Tipp mit auf den Weg, doch in den Bahia-Palast zu gehen. Dieser vom Großwesir Si Moussa Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Palast zeigt uns die ganze architektonische Pracht Marokkos, wie sie außerhalb der Mauern des Palastes kaum vorstellbar ist. Zur privaten Nutzung erbaut, wurde der Palast auch bald zu Repräsentationszwecken genutzt. Allein der Bereich der vier Ehefrauen und mehr als 20 Konkubinen umfasst einen groß angelegten Garten mit Wasserbecken. Leider war dieser Bereich wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Doch auch der uns zugängliche Teil des Palastes, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, war noch so groß, dass wir mehrere Stunden darin zubrachten.

Übrigens, typisch für Marokko: Die Außenmauern sind dick und schlicht, meistens ohne Fenster auf die Straße oder Gasse, die Türen oft so niedrig, dass man sich beim Eintreten bücken muss. Aber ist man drinnen, zeigt sich eine Wohnkultur, die ihresgleichen sucht. Die vielen kleinen Riads sind oft geschmückt mit Kacheln in orientalischen Mustern, manchmal ganze Wände, manchmal nur einzelne kleine Elemente wie Treppenabsätze, Podeste, Brunnen, Mauervorsprünge.

Sightseeing

Von fast überall in der Stadt erblickt man das Minarett der Kutoubia-Moschee, das Wahrzeichen von Marrakesch und hat so immer eine gute Orientierung. Lediglich in den Souks, die alle abgedeckt sind, funktioniert das nicht oder in den schmalen Gassen der Medina, die oft so schmal sind, dass man sich an die Wand drücken muss, um ein Fahrrad oder ein Mofa mit Anhänger oder einen Handkarren mit Touristengepäck vorbeizulassen. Am nächsten Tag durchqueren wir die Souks Richtung Norden. Das Musée de Marrakesch, das hauptsächlich auf die Berberkultur spezialisiert ist, lassen wir zunächst rechts liegen und gehen an der niedrigen Ben Youssef-Moschee entlang, wo wir einen kleinen Einblick durch das geöffnete Portal erhaschen. Da alle Moscheen Nichtmuslimen den Zutritt verwehren, gehen wir in Richtung Medersa Ben Youssef weiter zum Musée de la Photografie. Doch wir haben w Pech. Es ist geschlossen. „Madam, wir haben heute Freitag,“ sagt uns ein Marokkaner entschuldigend. Na gut. Daran hätten wir denken sollen. Aber die Medersa, die Koranschule, hatte geöffnet und so gehen wir dorthin zurück. Uns empfängt ein großer Hof, der wieder im Stil der andalusischen Bauart ausgestaltet ist, mit hölzernen Deckenmalereien, Stuckarbeiten und den typischen Kacheln. In der Mitte des Hofes befindet sich ein großes Wasserbecken. Im Gegensatz zum Badia-Palast gibt es in diesem Innenhof keine Pflanzen. Wir erklimmen die steile Treppe zum oberen Stockwerk, wo sich die Schlafräume der Koranschüler befanden und stoßen auf Hochbetten und viele enge, zum Teil nur durch einen kleinen Luftschlitz in der Wand erhellte Zellen. Insgesamt fanden mehr als hundert Schüler dort Unterkunft.

Am nächsten Tag ist es richtig heißt mit 40° C. Aber wir wagen trotzdem den Fußweg zum Ensemble Artisanal. Es entpuppt sich als weitläufiger Gebäudekomplex, in dem verschiedene Kunsthandwerker z. T. mit ihren Werkstätten untergebracht sind. Eigentlich wollten wir ja nichts kaufen, aber hier geraten wir beide in einen regelrechten Kaufrausch. Die Produkte: Leder, Kleidung, Töpferwaren, Schmuck, Öle und Räucherwaren usw. sind hervorragend gearbeitet, es gibt eine große Auswahl und wenig Käufer. Im Gegensatz zum Souk ist es hier luftig und lichtdurchflutet und die Händler haben feste Preise. Zum Teil sind sie extrem günstig (der kleine Herrenschneider mit zwei Nähmaschinen), zum Teil sind sie aber auch teurer als im Souk (etwa die typischen Babuschen). Ein kleines Restaurant sorgt für unser leibliches Wohl und nachdem wir uns ein wenig gestärkt haben, gehen wir bestückt mit Mitbringseln und einigen schönen Stücken für uns selbst zurück zum Hotel. Unterwegs machen wir noch einmal am Djamaa el Fna in unserem Stammcafé Pause und werden wehmütig bei dem Gedanken, dass es unser letzter Abend ist. Für unseren nächsten Besuch schmieden wir bei Thé à la menthe und Café au lait bereits Pläne.

Autor

Ulrike Askari

1 Atelier El Bahia, Rue des Dommaine 24, Bahia, Marrakesch

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