Morbide Magie in der Medina von Tanger

In der Region Tanger-Tétouan leben 2,5 Mio. Menschen. Dynamik bestimmt das Leben – dazu leistet der neue Hafen Tanger Med, in dem die meisten Besucher, die per Schiff reisen, ankommen, einen entscheidenden Beitrag. Seit der König vor sieben Jahren den Wirtschaftsaufschwung initiierte, boomt die Region und davon profitieren Kultur und Tourismus. Die „neue“ Kulturmetropole hat ihren Charme zurück gewonnen – mit Weltoffenheit und kultureller Vielfalt.

Wer Tanger im 20. Jahrhundert kannte, traut seinen Sinnen kaum: Tanger (die Einheimischen sagen „Tandscha“) hat eine seltsame Wandlung erfahren. Jahrzehntelang wurde am Image von Schmuddelstadt, gefährlichem Pflaster, Ort für Mädchenhandel, Schmuggler- und Drogenparadies, Prostitutionszentrum, Sündenbabel und ähnlich Verheißungsvollem gearbeitet. Die Lasterhöhle war deshalb Ziel von US Dollarmillionären, die hier „verarmten“ (wie Barbara Hutton), Filmschauspielern, Schriftstellern, Künstlern, Hippies und Jet Set Nomaden. Inzwischen hat sich die weiße Stadt am Mittelmeer herausgeputzt, riecht gut, ist sauber und sicher. Der Besucher kann heute ungestört zu jeder Tages- und Nachtzeit durch die Stadt flanieren, das Flair der berühmten, historischen Plätze Grand und Petit Soco genießen und zahlreiche Museen und Kunstgalerien besuchen. Kenner bewegen sich auf den Spuren von Matisse, Delacroix und Paul Bowles, dem berühmten amerikanischen Schriftsteller, den die Stadt so in ihren Bann zog, dass er den größten Teil seines Lebens hier verbrachte.

 Träumen im Palast

Wer Ruhe und Ursprünglichkeit sucht, ist in der Medina gut aufgehoben, hier befindet sich in Hanglage eines der schönsten Kolonialhotels Nordafrikas, das renovierte Hotel Continental: eine Institution mit etwa 130 Jahre alter Tradition und wechselvoller Geschichte. Man schwelgt in Erinnerungen, denn schon Winston Churchill, Paul Bowles, Humphrey Bogart und weitere prominente Persönlichkeiten aus aller Welt gehörten zu den Gästen dieses ältesten Hotels in Tanger, bezeugt durch Bücher und eine historische Fotoausstellung in den vielen Gesellschaftsräumen des Hotels, das auch über einen eigenen, großen Basar verfügt. Bernardo Bertolucci drehte in dem mit wunderschönen Kacheln dekorierten Restaurant eine Szene des Films „Himmel über der Wüste“ nach dem gleichnamigen Roman von Paul Bowles.

im Hotel Continental, Tanger, Foto: Barbara Schumacher
im Hotel Continental, Tanger, Foto: Barbara Schumacher

Abends hängt man an den Lippen von Hotelmitbesitzer Abdeslam, 64, der seit 1957 im Hotel lebt, mehrere Fremdsprachen spricht, als Nachtportier arbeitet und die Berühmtheiten persönlich kannte. „Paul Bowles hat im Jahr 1931 hier eine Nacht verbracht, Anfang der 1950-er Jahre kam er für einen Monat. In den Jahren 1965/66 wohnte er in einem Appartement in Tanger, nutzte das Hotel jedoch als ̦Briefkasten.ʻ Er übergab nur mir persönlich Briefe, die für Hotelgäste aus aller Welt bestimmt waren. Sie enthielten Einzelheiten zu Treffen mit dem Schriftsteller, wie er mir erzählte. Er war stets sehr freundlich. Sein Zimmer im Hotel war Zimmer 105 und das Restaurant im Hotel, in dem eine Szene des Films ̦Himmel über der Wüsteʻ gedreht wurde, ist unverändert. Paul Bowles ist in dieser Szene zu sehen. Er nimmt einen Drink im Restaurant, sein Stuhl ist noch da. Ich war bei den Dreharbeiten dabei.“

 Im Labyrinth der Medina

Vielfältige Architektur – im französischen Kolonialstil sowie im arabisch-islamischen Stil und in gepflegtem Zustand – ist unmittelbar am Rand der von einer Stadtmauer und Toren umgebenen Medina sowie innerhalb der Medina zu sehen. In diesem Gebiet befindet sich ein großer Teil der kulturellen Sehenswürdigkeiten der Stadt, die man mit einem undefinierbaren Gefühl von Einzigartigkeit, Freiheit und Großzügigkeit genießt.

Kunstgalerien

Die Stadt versucht, an die bekannte Künstlertradition anzuknüpfen, denn berühmte Maler, Schriftsteller, Fotografen, Schauspieler, Filmregisseure und Modeschöpfer vieler Nationalitäten wurden von Tanger inspiriert und hinterließen ihre Spuren in Hotels und Cafés. Die bekanntesten Maler sind wohl Eugène Delacroix und Henri Matisse. International bekannte Künstler aus Tanger sind allerdings sehr rar. Durch die guten Beziehungen mit Frankreich im Kulturbereich ergeben sich jedoch immer wieder Möglichkeiten, die Arbeiten von Künstlern zu sehen, die zwischen Frankreich und Tanger pendeln. Auf der Suche nach Kunstgalerien sollte man die Galérie d’Art im ehemaligen Kunstmuseum und die Galérie Delacroix gegenüber dem El Minzah Hotel (auch einen Besuch wert wegen seiner Architektur, Gartenanlage und Sammlung historischer Fotos) nicht versäumen. Hier gibt es ständig wechselnde Kunstausstellungen, genauso wie in der Galerie Ibn Khaldoun in der Rue de la Liberté, die oft Nachwuchstalente ausstellt. In den Gassen der Medina gibt es zahlreiche Läden, die Kunsthandwerk verkaufen. Einige dieser „Galerien“ führen Aquarelle und Ölgemälde von Nachwuchskünstlern der Region, wie Abderrahim Leayd, der sich schon mit seinen Aquarellen einen Namen gemacht hat oder Khalid al-Mhrabet mit stimmungsvollen Ölgemälden. Beide Künstler malen abstrakt/realistische Motive von Medina und Kasbah.

Grand und Petit Socco

Gran Socco, Tanger, Foto: Barbara Schumacher
Gran Socco, Tanger, Foto: Barbara Schumacher

Zum Tee trifft man sich am Grand Socco (Großer Souk), einem großen Platz, direkt am Tor zur Medina, auf dem sich die Teestuben aneinanderreihen. Hier sind besonders viele Rif-Bäuerinnen anzutreffen, die man an großen, mit Wolltroddeln verzierten Strohhüten erkennt. Meist verkaufen sie frische Minze, Obst oder Gemüse. Durch das Bab Fahs geht es in die Medina. Die Ladenstraße der Rue des Siaghin führt zum Petit Socco (Kleiner Souk), der früher wegen der dort abgewickelten zwielichtigen Geschäfte von Schmugglern, Drogen- und Menschenhändlern berüchtigt war. In der Rue de la Marine steht die große Moschee, die unter Moulay Ismail im 17. Jh. mit schönem Eingangstor erbaut wurde. Gleich gegenüber befindet sich eine ehemalige Koranschule aus der Merinidenzeit.

Auf den Spuren von Bowles und Delacroix in der Amerikanischen Gesandtschaft

In der Rue d’Amerique, in der südlichen Medina, liegt die ehemalige amerikanische Gesandtschaft, in einem prachtvollen Palais, das die Amerikaner nach ihrer Unabhängigkeitserklärung von Sultan Moulay Slimane geschenkt bekamen – seit 1956 Museum, das die marokkanisch-amerikanischen Beziehungen dokumentiert: es gibt z. B. Briefe von George Washington an den damaligen Sultan Moulay Abdallah, eine Spiegelsammlung, Werke von Malern wie Delacroix, Lecouteux, Ali R’Bati und vieles mehr zu besichtigen.

Nur auf Klingeln öffnet der Wächter der Amerikanischen Gesandtschaft, Heimat amerikanischer Diplomaten von 1821 bis 1961. Das großzügige Haus maurischer Architektur mit Innenhöfen und dem original erhaltenen Mobiliar ist ein Ort historischer Premieren: Marokko war das erste Land, das die Unabhängigkeit der USA 1777 anerkannte. Das Haus war das erste Gebäude für diplomatische Zwecke, das jemals von den USA bezogen wurde – im Jahr 1821. Vom US Innenministerium wurde es 1882 als erstes und bis heute einziges historisches Wahrzeichen im Ausland gewählt. In der Bibliothek findet man das Buch „Yesterday’s Perfume“ der bekannten Amerikanischen Fotografin Cherie Nutting über den amerikanischen Schriftsteller Paul Bowles und seine Kreise, die hier wirkten. Bowles (1910-1999) hatte zu Cherie Nutting großes Vertrauen, so erklären sich die vielen privaten Fotos und die Schilderung einer Fülle privater Begebenheiten. Bowles, dem viele internationale Schriftsteller und Maler nach Tanger folgten, weilte erstmals 1931 in Tanger, kehrte 1947 mit seiner Frau zurück und ließ sich später für 30 Jahre in Tanger nieder, wo er 1999 starb. In dem Buch wird auch das Hotel Continental erwähnt: „Das Hotel Continental wurde im Jahr 1888 eröffnet. Damals kamen die Meereswellen noch bis an die Hotelmauer. Es war zu Glanzzeiten das beste Hotel der Stadt und war daher auch bei Schmugglern beliebt. Noch heute hat es einen gewissen morbiden Charme und ist daher für Kenner immer noch das beste Hotel. Abdeslam1 und sein Bruder managen das Hotel und behandeln alle Gäste wie Familienmitglieder.“ Im letzten Quartal 2010 fanden aus Anlass des 100. Geburtstags von Paul Bowles zahlreiche Veranstaltungen in Tanger statt, die von der Amerikanischen Gesandtschaft organisiert wurden.

Durch die Medina zur Kasbah

in der Medina von Tanger, Foto: Barbara Schumacher
in der Medina von Tanger, Foto: Barbara Schumacher

Sobald man die engen Gassen der Medina betritt, wird es leer, denn hier befinden sich nur noch Wohngebiete. Dem Auge bieten sich hinter jeder Biegung wechselnde Eindrücke, die Gemälden ähneln. Spätestens jetzt versteht man, warum Tanger und speziell die Medina, die man als Gesamtkunstwerk bezeichnen kann, so viele europäische Künstler angezogen hat. Bögen überspannen die Gassen, es geht bergauf über uralte Stufen, die Hauswände variieren in den Farben von rosa über gelb bis ocker. Die Rue Ibn Battuta im Viertel Fuente Nueva auf den Höhen der Medina führt direkt zum kleinen Mausoleum des berühmten Sohnes der Stadt, nach dem auch der Flughafen benannt ist. Ibn Battuta ist als weltoffener Gelehrter, Pilger, Forscher, Reisender bekannt, der 1304 in Tanger geboren wurde. Bereits mit 22 Jahren begab er sich auf die Pilgerfahrt nach Mekka, was gleichzeitig der Beginn seiner berühmten und außergewöhnlichen Reise war, in der er eine viel größere Entfernung bewältigte als Marco Polo.

Die Kasbah – Krone von Tanger

Nachdem man eine weitere steile Treppe erklommen hat, kommt man durch das in die Stadtmauer integrierte Bab el Assa Tor mit wunderschönem Kachelbrunnen, bei dem einst nach Gerichtsverhandlungen die Verurteilten ausgepeitscht wurden. Und dann öffnet sich der Grand Mechouar, der weite, große Versammlungsplatz der Kasbah vor dem Sultanspalast, der von einem Ensemble schneeweißer Gebäude und mehrere Stadttore umgeben ist.

Club für traditionelle Musik

Jeden Abend gegen 18:30 Uhr treffen sich hier die Musiker, aber auch tagsüber ist der Club offen und man kann den stimmungsvollen Clubraum besichtigen, den traditionelle Instrumente wie Oud (Laute), Violine, Cello, Rabab (Spießgeige), Tar (Trommel mit Schellen), Nay (Flöte) und Derbouka (Bechertrommel) schmücken. Senhaji Abdelouahid spielt und unterrichtet seit 35 Jahren Oud und ist fast jeden Abend hier anzutreffen. „Jeden Abend kommen etwa sechs, sieben Musiker. In unserem Orchester spielt nur ein Musiker die Nay. Wir spielen marokkanische und andalusische Musik,“ so Senhaji Abdelouahid. „Ich spiele noch in anderen Musikgruppen z. B. im Ensemble Ibn Arabi, das sich der Sufi-Musik widmet. Die Nay spielt eine wichtige Rolle. Sufi-Musik ist in anderen arabischen oder islamischen Ländern anders als in Marokko. Bei uns wird nur die kleine Nay gespielt, die große Nay findet man hauptsächlich in der Türkei.“

Sultanspalast

Höhepunkt des Besuchs der Kasbah ist die Königsresidenz mit dem früheren der Sitz des Sultans (Dar el Makhzen). Er liegt auf der Kuppe des Kasbah-Hügels im Norden der Medina, gleich neben der Kasbah-Moschee, deren achteckiges Ziegelstein-Minarett den höchsten Punkt der Stadt bildet. Der Sultanspalast wurde während der Zeit Moulay Ismails im maurischen Stil erbaut und im frühen 19. Jahrhundert erweitert. Heute sind im Palast das archäologische Museum und das Museum für marokkanische Künste, beide auch als Musée de la Kasbah bekannt, untergebracht. Der Konservator des Museums und Archäologe Abdelaziz El Idrissi führt Besucher zuweilen persönlich durch die Räume des Palastes. Im Museum für marokkanische Künste im Hauptbau sind die verschiedenen landestypischen Kunsthandwerksprodukte, nach verschiedenen Regionen geordnet, zu bewundern. Das Spektrum der Schaustücke reicht von intarsienverzierten Waffen und Töpferwaren aus dem Norden, Teppichen aus Rabat, Schmuck, Keramik, Holzschnitzereien, Musikinstrumenten bis zu traditionellen Kleidern. Im prunkvollen Fes-Saal sind alte Koranhandschriften und typische Feskeramik zu besichtigen. Auch ein Gemälde des Malers Delacroix findet sich dort.

1er ist in diesem Buch abgebildet

Autor

Text und Fotos: Barbara Schumacher

 

Tipps

In und um Tanger finden jährliche viele verschiedene Veranstaltungen statt:

März: Festival der schöpferischen Frauen von Asilah

April: Internationale Buch- und Kunstmesse

Juni: Festival Tan-Jazz ) und „Les Nuits de la Méditerranée“

Juli: Internationales Treffen von Tanger

August: Internationales Kulturfestival von Asilah

November: Tanja Latina

eine kleine Auswahl von Festivals finden Sie auch auf der Seite des marokkansichen Fremdenverkehrsbüros

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