Traditionelle Tänze in Marokko

Wer traditionelle marokkanische Tänze sehen will, ohne viel Mühe auf sich zu nehmen, sollte das Festival National des Arts Populaires in Marrakesch besuchen. Das Festival findet seit 1960 jeden Sommer unter der Schirmherrschaft des marokkanischen Königs statt. Dort treten zahlreiche Tänzer aus den verschiedenen Gebieten Marokkos auf. Ziel des Festivals ist es, angesichts der fortschreitenden Verstädterung, die vom Verschwinden bedrohten traditionellen Künste zu fördern und zu bewahren. Natürlich verändern die Tänze durch diese Form der Präsentation ihren Charakter, denn sie werden aus ihrem sozialen Kontext gelöst und in einen neuen, den eines Festivals, gestellt. Aber nur in der Veränderung liegt auch die Chance zu überleben.

Marokko verfügt über eine große Vielfalt regional verschiedener Tänze. Wir nennen hier nur die wichtigsten und bekanntesten Tänze.

Der Ahidous

marokkTanzist der traditionelle Tanz der berbersprachigen Gruppen des Mittleren Atlas und des östlichen Hohen Atlas. Er wird, wie die anderen traditionellen Gruppentänze, vor allem anlässlich von landwirtschaftlichen Festen und Feiern wie Verlobungen, Hochzeiten, Beschneidungen, Feiern zu Ehren eines Heiligen (Moussem) getanzt und drückt die Freude am Zusammensein und an der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft aus. Die meisten Ahidous werden von Männern und Frauen getanzt, wobei Männer und Frauen sich in zwei Reihen gegenüberstehen oder abwechselnd nebeneinander in einem Kreis tanzen. Männer und Frauen singen dazu im Wechsel zur Begleitung von Rahmentrommeln und Händeklatschen im 5/4-Takt oder einem anderen ungeraden Rhythmus.

Der Ahouach

Die zweite große Tanzform der berbersprachigen Bevölkerung ist der Ahouach, der im westlichen Hohen Atlas und im Anti-Atlas verbreitet ist. Auch er ist ein Reihentanz oder auch Kreistanz. Männergruppen und Frauengruppen sind jedoch getrennt (dies ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zum Ahidus) und stehen oft in zwei Halbkreisen gegenüber. Der Ahouach wird zu einem geraden Rhythmus auf der Stelle getanzt.

Die Guedra

Ein Tanz, der gerne bei folkloristischen Darbietungen vorgeführt wird, ist die Guedra, ein Tanz von Frauen aus der Region von Goulimine, im „Großen Süden“ Marokkos. Das Wort Guedra bezeichnet die Tontrommel, die den Tanz begleitet. Männer und Frauen sitzen zu dem Tanz im Kreis und singen und klatschen mit den Händen, alle in Indigoblau oder Schwarz gekleidet. Eine Frau begibt sich zum Tanzen in die Mitte. Auf den Fersen hockend oder auch aufrecht, beginnt sie sich nach und nach hinzuknien, der untere Teil des Körpers ist an diesem Tanz nicht beteiligt. Die Tänzerin ist zunächst verschleiert und enthüllt dann langsam ihr Gesicht. Sie vollführt rhythmische Oberkörper- und Kopfbewegungen, dabei sind die Arme in Brusthöhe ausgestreckt und bewegen sich abwechselnd nach links und rechts, mit charakteristischen Hand- und Fingerbewegungen. Der Rhythmus der Musik wird immer intensiver und die Atmung der Tänzerin wird heftiger und keuchend. Mit geschlossenen Augen und angespanntem Gesicht tanzt sie sich in Ekstase, bis sie vor Erschöpfung abbricht. Danach ist zunächst Stille, bis die nächste Tänzerin beginnt.

Ekstatische Tänze

findet man häufig auch bei den Gnaoua sowie verschiedenen islamischen Bruderschaften. Die Gnaoua sind Nachkommen der ehemaligen Sklaven aus Schwarzafrika und sind vor allem in städtischen Gebieten zu finden. Sie sind in Bruderschaften organisiert, die sich auf Sidi Bilal, den schwarzen Muezzin des Propheten Muhammad, zurückführen. Sie treten in kleinen Gruppen von Musikern und Tänzern auf. Bei den Aufführungen der Gnaoua unterscheidet man zwischen Auftritten auf öffentlichen Plätzen, bei Festen und anderen Veranstaltungen und den Zeremonien in Privathäusern. Im ersten Fall überwiegen die akrobatischen Schautänze zu einer stark rhythmusbetonten Musik. Bei den Zeremonien in Privathäusern werden Rituale zur Heilung von bestimmten Krankheiten durchgeführt, die auf die Besessenheit durch Geister zurückgeführt werden. Dabei spielen Trancetänze eine große Rolle.

Typische Instrumente in beiden Fällen sind die großen Metallkastagnetten (Qarqeb) und die Guembri, eine Laute mit kastenförmigem Körper.

Man kann die Gnaoua z. B. auf dem Djemaa el Fna in Marrakesch und natürlich auf dem dortigen Folklore-Festival sehen, aber vor allem auch auf dem Festival d’Essaouira Gnaoua Musiques du Monde, zu dem in jedem Jahr in Essaouira hunderttausende Besucher kommen und wo neben Gnaoua-Musikern auch internationale Stars aus Rock und Jazz auftreten.

Ekstatische Tänze sind ebenfalls ein Markenzeichen islamischer Bruderschaften wie der Hamadcha und der vor allem in Meknès beheimateten Aissaoua. In ihrem zentralen religiösen Ritual, Lila genannt, gibt es individuelle sowie Gruppentänze und als Höhepunkt einen Tanz, der in die Trance führt.

In ihrer Mehrzahl sind die traditionellen marokkanischen Tänze jedoch Volkstänze, die wie überall auf der Welt, dem Vergnügen und der Stärkung der Verbundenheit der Gemeinschaft dienen. In diesem Kontext erfahren sie, besonders in den ländlichen Gebieten, auch heute noch ihre Bestätigung. Bleibt zu hoffen, dass beides, die Pflege der Traditionen im Privaten wie auch die Bewahrung dieses Kulturgutes durch Festivals und Shows, zu einem nachhaltigen Erhalt der so umfangreichen Tanztradition Marokkos führen.

Autoren:

  • Renate Behrens. Bibliothekarin und Trainerin für orientalische Tänze
  • Wolfgang Neumann. Studium der Psychologie und Ethnologie. Arbeitet als Lektor und Übersetzer. www.kulturbuero-neumann.de

Literatur und Weblinks

Viviane Lièvre: Die Tänze des Maghreb. Marokko – Algerien – Tunesien. Frankfurt a.M. 2008
www.marrakechfestival.com
www.festival-gnaoua.net

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