Die marokkanische Literaturszene im Wandel der Zeiten

Das entscheidendste und bis heute prägendste Ereignis in der Geschichte Marokkos war die Ankunft der Araber und des Islam im Jahre 683. Unter dem arabischen Feldherren Oqba Ben Nafi gelangten die arabischen Reiterscharen über die unwegsamen Atlasketten bis zum Atlantik. Dort, so die Überlieferung, in der näheren Umgebung von Agadir in der Souss-Ebene, im Angesicht der schäumenden Atlantikwellen soll er ausgerufen haben: „O Gott des Propheten Mohamed, ich würde deinen Glanz noch weiter tragen, wenn mich nicht die Wellen dieses Meeres aufhielten.“ Die imazighischen Marokkaner, die gegen die Arabisierung militärischen Widerstand leisteten, nahmen dagegen den Islam ohne Zögern an und beteiligten sich an der Eroberung Spaniens im Jahr 711.

Die Geschichte von Bayad und Riyad, 13. Jh.
Die Geschichte von Bayad und Riyad, 13. Jh.

Linguistische Arabisierung

Im 11. und 12. Jh. drangen die Beduinenstämme der Beni Hillal, Beni Solaïm und Mâqil mit etwa 200.000 arabischen Nomaden, in das 788 n. Chr. gegründete marokkanische „Scherifische Kaiserreich“ ein. Erst mit der zweiten Einwanderungswelle im 13. Jh. setzte eine allmähliche Verschmelzung, die sozio-kulturelle Arabisierung von Arabern und Berbern ein. Die Arabisierung begann bescheiden: Die frisch zum Islam konvertierten Imazighen, die des Arabischen nicht mächtig waren, mussten zunächst einige arabische Sätze wie das Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohamed ist sein Prophet“ und zwei oder drei kurze Suren aus dem Koran auswendig lernen, da der Koran als göttliche Offenbarung keine Veränderungen erfahren durfte.

Doch vorerst dominierte das „Tamazight“, einer der fünf Zweige der semitisch-hamitischen (afro-asiatischen) Sprachfamilie. Als literarische Glanzleistung gelten eine Koran-Übersetzung sowie das „Loblied auf den Propheten Mohamed“ von Al-Busiri (1213-1295). Damals wurden außerdem zahlreiche juristische, theologische und wissenschaftliche Dokumente in „Tamazight“ abgefasst, wobei man sich des arabischen Alphabets bediente. Die Araber brachten zwar den Islam, die arabische Sprache und die nahöstlich-muslimische Zivilisation, aber als Volk gingen sie unter den Imazighen auf.

Sprachliche Vielfalt

Marokko, das sozio-kulturelle Produkt einer gemeinsamen imazighischen und arabisch-muslimischen Vergangenheit, hat neben unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen – Arabern, Imazighen, Juden und Schwarzafrikanern – vor allem zwei Landessprachen vorzuweisen: das Arabische und das Tamazight; zu Beginn des 20. Jh. kamen dann noch die Sprachen der Protektoratsmächte Frankreich und Spanien hinzu, die das Land am Atlas von 1912 bis 1956 besetzten. Das Arabische und das Tamzight treten jeweils in drei Varianten auf: „Altarabisch“ oder klassisches Hocharabisch (Koran-Arabisch), „Neuarabisch“, das leicht vereinfachte Hocharabisch der Massenmedien, sowie „Volksarabisch“ (arab.: Darija), die Umgangssprache der arabophonen Marokkaner.

Viele Imazighen benutzen als zweite Alltagssprache das „Volksarabisch“, weil die zahlreichen Dialekte des „Tamazight“ oft so unterschiedlich sind, dass eine inter-

imazighische Kommunikation nur schwer möglich ist. Das „Tamazight“, Sammelbegriff für die drei Hauptsprachen Taschilheit (Hoher und Anti-Atlas, Souss-Ebene um Agadir bis Sidi Ifni in der Westsahara), Tamazight (Mittlerer Atlas) und Taghifit (östliches Rif-Gebirge), hat ebenso wie das Arabische den Status einer offiziellen Landessprache und ist seit 2011 in der neuen Verfassung verankert. Der jahrhundertlange arabisch-imazighische Kontakt mündete schließlich in eine spezifische Mischkultur, der marokkanischen Zivilisation, in der das literarische Schaffen bis zum Beginn des 20. Jh. im Schatten der traditionellen, mündlichen Überlieferungen – Geschichten, Legenden, Lieder, Märchen, Poesie, Schwänke und Sprichwörter – dahin vegitierte. Bis heute ist von der arabischsprachigen Literatur Marokkos – die oftmals nur in Manuskripten vorliegt – kaum etwas bekannt, sieht man einmal von den großen mittelalterlichen Reiseschriftstellern Ibn Battuta (1304-1377), Hassan Ibn Mohammed Fassi (1491-1550) und Ibn Abd al-Dhabbar al-Figuigui (16. Jh.) ab.

Selbst die Autoren der letzten 50 Jahre sind so gut wie unbekannt geblieben, obwohl sich während der Kolonialzeit eine arabischsprachige Literatur entwickeln konnte, die sich stark an den literarischen Traditionen des Nahen Ostens – Taha Hussein, Aqqad, Nuayam und Tawfiq al-Hakim – orientierte. Die Verteidigung des Islam blieb für Mohamed Ibn Ibrahim (gest. 1955), Mokhtar al-Soussi – ein arabisch schreibender Amazigh (gest. 1963) und Allal al-Fassi (1910-1974) die Richtschnur ihres Schaffens. Die Generationen nach ihnen – dazu gehören Abdelkrim Ghallab, Mohamed al-Habib al Forkani, Mohamed Berrada, Abdeljebar S

himi und Mohamed Zniber – setzten sich verstärkt für eine Öffnung gegenüber anderen Kulturen und für eine Modernisierung der arabischen Sprache ein.

Analphabetentum

Tifinagh-Alphabeth
Tifinagh-Alphabeth

Von 1957 bis 1980 sind insgesamt nur 34 Romane in arabischer Sprache erschienen, eine auf den ersten Blick ernüchternd geringe Zahl. Unabhängig von den Schwierigkeiten, die das Arabische, als sakrale Sprache, den Autoren bei der kritischen Auseinandersetzung mit der Welt von heute bereitet, wo technischer Fortschritt und mehr Weltoffenheit gefordert sind, hat es die in Marokko verlegte Literatur schwer, überhaupt Leser zu finden. Das hängt nicht nur mit den wenigen Titeln, den kleinen Auflagen und den hohen Buchpreisen zusammen, sondern hat vor allem damit zu tun, dass über die Hälfte der Marokkaner keine schriftlich fixierbaren Sprachen benutzt. Selbst das in der Schule erlernte klassische Arabisch ist eine „fremde Sprache“ – auf keinen Fall Muttersprache, und es ist eine Binsenweisheit, dass man nur in seiner Muttersprache wirklich „zuhause“ ist. Erste Anfänge in Volksarabisch und Tamazight Prosa, Poesie und Theaterstücke zu verfassen, sind gemacht. So erschien 1995 in den Niederlanden der Band „Rhmrat tamghrant“ von Moussaoui Bouzian mit neun Erzählungen in Taghifit: Inzwischen wurde Tamazight in den Grundschulen als Unterrichtssprache eingeführt.

Während des Protektorats gab es ab den dreißiger Jahren ein bescheidenes Verlagswesen, das ausschließlich französische und spanische Bücher verlegte. Die Kolonialmächte sorgten dafür, dass die arabische Sprache weitgehend aus dem marokkanischen Kulturleben verdrängt wurde. Allal al-Fassi musste einen großen Teil seiner Werke in Kairo veröffentlichen. Erst in den 80-ziger Jahren des 20. Jh. etablierten sich Verlagshäuser wie Le Fennec, Eddif, Orient-Afrique u.a., die darüber klagen, dass zu wenig brauchbare Literaturmanuskripte angeboten werden. Unterstützt werden die mit viel Enthusiasmus geführten Verlage von den etwa 240 Buchläden, die zum Teil von „Amateuren“ geleitet werden. Die in Marokko verlegten Bücher machen etwa nur zehn Prozent der jährlich 600 Titel aus, die auf den Markt kommen. Auf das „literarische Buch“ – Romane, Erzählungen, Märchen und Gedichte – entfallen lediglich zwei Prozent. Das Gros der in Marokko verkauften Bücher sind Schulbücher.

1960 waren neun von zehn Marokkanern Analphabeten, heute sind es immer noch fünf, genauer gesagt auf dem Lande sind es sieben von zehn und in den Städten vier von zehn. Das Bildungsniveau der Jugendlichen macht nur mässige Fortschritte, zweifelsohne ein wichtiger Grund für den „kränkelnden Buchmarkt“, der es den Autoren nicht gestattet, vom Schreiben zu leben.

Aufbruch ins 21. Jahrhundert

In den dreißiger Jahren avancierte Französisch in Marokko zur verbindenden Sprache der Intellektuellen und Künstler. Die in dieser Sprache erschienenen Romane, Erzählungen und Gedichte marokkanischer Autoren bilden einen festen Bestandteil der Gegenwartsliteratur des Landes. Dazu gehört auch Literatur in spanischer Sprache, wie z.B. Mohammed Lahchiris 24 autobiographische Novellen, die der ebenfalls arabisch schreibende Autor 1995 unter dem Titel „Pedacitos entrañables“ veröffentlichte. Sein Kollege Mohamed Chakor, der 1992 den Band La Llave y Latidos del Sur“ mit Gedichten und Prosa publizierte, lebt heute in Madrid.

Kein Problem mehr dürfte die innere Zerrissenheit und schmerzliche Selbstfindung der Marokkaner französischer und spanischer Feder sein, wenn es darum geht, zu entscheiden, in welcher Sprache man schreibt. Für den Amazigh Mohammed Khair-Eddine (1941-1995), der Koran-Arabisch und Französisch gleichzeitig studiert hat und dessen Muttersprache Taschilheit ist, gilt: “Ecrire en français est un choix délibéré qui ne m’a nullement été imposé,“ und er gesteht, dass Französisch für ihn auf jeden Fall “un instrument de travail et un instrument de jouissance“ ist. Was immer auch behauptet wird, den französisch schreibenden Autoren Driss Chraibi, Tahar Ben Jelloun, Mohammed Khair-Eddine,

Abdellatif Laabi, Abdelmaliek Seghane, Mohamed Choukri (1935-2003), Leila Houari u.a. ging und geht es zunächst darum, einen Markt und Leser zu finden.

Gesellschaftliche und individuelle Probleme

Laila Abouzeid: Eine Verstossene geht ihren Weg
Laila Abouzeid: Eine Verstossene geht ihren Weg

Selbstbewusster und kritischer als ihre Kollegen arabischer Sprache können die französisch schreibenden Autoren, die mit dem orientalischen und dem okzidentalen Gedankengut gleichermaßen vertraut sind, ihre Blicke auf gesellschaftliche und individuelle Probleme sowie auf geistige und moralische Engstirnigkeit, Hindernisse auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, richten. Nicht nur die Intellektuellen, sondern auch die Regierenden in Marokko haben mittlerweile begriffen, dass sich die notwendige Modernisierung der Gesellschaft nur Hand in Hand mit einer Modernisierung ihrer Kultur, bei einer gleichzeitigen Emanzipation der Frau, erreichen lässt.

Marokkos Schriftsteller haben sich diesen gesellschaftlichen Herausforderungen schon längst gestellt. Neue Inhalte, Formen und stilistisch-avantgardistische Experimente haben den alten „arabischen Realismus“ der fünfziger Jahre endgültig hinweggefegt.

Eine generelle Infragestellung überkommener Werte und Ideale, als Vorstufe zum Abbau von reaktionären Tabus – Religion und Sexualität – und der Wille, sich vom Etikett eines exotischen Tausendundeine-Nacht-Landes unter dem Halbmond zu befreien, lassen sich in der modernen marokkanischen Literatur überall ausmachen, und wenn Thomas Mann recht hat mit seinem Ausspruch: „Schriftstellertum ist Sensitivität und ein Voransein um mindestens fünf bis zehn Jahre“, dann können wir von der marokkanischen Literatur, ganz gleich in welcher Sprache sie sich zu Wort melden mag, in den kommenden Jahren Interessantes erwarten.

Autor

Murad Kusserow

Hinweis:

Der Mainzer Donata Kinzelbach Verlag veröffentlicht ausschließlich Literatur aus dem Maghreb, vor allem auch aus Marokko, wie Tahar Ben Jelloun, Mohamed Khair-Eddine etc.

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