Silberschmiede der Tuareg – Zwischen Tradition und modernem Marketing

Die Schmiede tauchen mit ihren Vorstellungen und Traditionen in die Landeskultur ein, in denen sie Handel betreiben, egal ob sie im afrikanischen, europäischen oder amerikanischen Ausland sind. Die Kunden sind die Einheimischen, die in ihrer eigenen, gewohnten Umgebung agieren – die Tuareg sind Fremde und Gäste gleichermaßen.1

Die Interaktion zwischen beiden findet auf einer Ebene statt, die durch die Wahrnehmung des Westens (bei Europa- und USA-Reisen) geprägt ist. D.h. es wäre anzunehmen, dass sie sich in „traditionelle“ Gewänder kleiden und einen blauen Turban (tagelmust) tragen, um sich so dem allgemeinen Bild „des Tuaregs“ von Plakaten oder Bildern im Internet2 anzupassen. Auf diese Weise sind sie unverkennbar für

Tuareg-Schmuck, Foto: Hanna Sotkiewicz
Tuareg-Schmuck, Foto: Hanna Sotkiewicz

den Kunden, der gezielt ihre Produkte erwerben möchte. Die Ursprünge der Beziehung zwischen beiden Akteuren liegen in einem Patron-Schutz-Verhältnis, das geprägt ist von nomadischer Lebensweise.3 Die Handwerker haben mit dem Aufkommen des Sahara-Tourismus im 20. Jahrhundert einen entschiedenen Vorteil: Sie können sich zwischen den Kulturen frei bewegen, lernen Sprachen, kennen sich hervorragend in der Region aus und werden häufig deshalb Touristen-Führer. Die Interaktion zwischen Handwerkern und ihren Klienten spielt sich auf zwei Ebenen ab: Die Einheimischen und die Touristen. Die Schmiede fertigen nach wie vor Dinge für die Tuareg an, die im Alltag benötigt werden. Bis in die 80er Jahre verkauften sie Waren hauptsächlich an Einheimische oder im Land lebende Ausländer.4 Erst mit dem aufkommenden Sahara-Tourismus konnten neue Verkaufswege und Märkte erschlossen werden. Die Schmiede fertigen innovative Waren an, die sie leichter an Ausländer verkaufen können. Es gibt nichts, was sie nicht herstellen können. Man trifft auf Brieföffner, Schlüsselanhänger, Möbelbeschläge oder Feuerzeugetuis, die nicht zum traditionellen Repertoire gehören, sich aber verkaufen lassen.

Besuch eines Tuareg Schmieds in Süddeutschland

Eine ganz besondere Begegnung ist ein Treffen mit einem Handwerker, der seine Produkte in Niger produziert und sie dann (in diesem Fall) in Deutschland auf einem Afrika-Festival vertreibt. Er trägt einen Tagelmust und ein Gewand, jedoch nicht zu Marketingzwecken wie es bei vielen seiner Kollegen der Fall ist. Derek ist zum ersten Mal im Ausland, lebt weitestgehend nomadisch und seine Gewänder gehören für ihn unabdingbar zu seiner Lebensweise. Sein Silberschmuck ist filigran, traditionell und von sehr guter Qualität. Alles natürlich Unikate und auf ursprüngliche Weise hergestellt. Er legt viel Wert auf die handwerklichen Traditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und die er von seinem Großvater und seinem Vater erlernt hat. Dereks ganze Familie führt die Schmiede- und Handwerkstradition seiner Sippe fort: Die Frauen der Familie fertigen Lederprodukte, die Männer arbeiten mit Metall und Holz. Er gesteht allerdings, dass – obwohl er mystische und magische Zeichen und Symbole verwendet -deren Bedeutungen häufig bei den Tuareg selbst nur

Tuaregschmied Dere, Foto: Hanna Sotkiewicz
Tuaregschmied Dere, Foto: Hanna Sotkiewicz

unzureichend bekannt sind. Nur noch ältere Menschen, von denen er sich inspirieren lässt, kennen die Symbolik. Er geht ganz bewusst auf die alten Traditionen und die Mystik ein bei seinen Produkten und deutet auf den Zusammenhang bei Formen und Ornamenten in Gedichten und Liedern der Tuareg hin. So spiegeln sich in seinen Schmuckstücken beispielsweise die Schönheit der Frauen wieder, deren Anmut, Charaktereigenschaften der Menschen oder der Mut eines Kriegers. Dereks Symbole entstehen in seinen Gedanken, die er dann im Handwerk umsetzt. Das häufigste Schmuckstück, das er verkauft, ist jedoch das Agadezkreuz, das bei seinen ausländischen Käufern bestimmte Assoziation weckt. Das Agadezkreuz ist die populärste Form, die man im Ausland finden kann.

Das moderne Tuareg Marketing der Schmiede

Der schmale Grad zwischen Angebot und Nachfrage, der Produktion und dem Vertrieb, der althergebrachten Traditionen, Mystik, Magie und dem modernen Marketing, ist ein Hochseilakt. Der Verkauf soll die Familie ernähren, die entstehenden Kosten für die Herstellung, Flug, Aufenthalt im Ausland usw. decken und bestenfalls noch Rücklagen für das Material zur Anfertigung weiterer Stücke bilden. Die Schmiede müssen sich mit dem Geschmack ihrer Kunden auskennen, ohne dabei ihre eigenen „typischen“ Tuareg Formen zu vernachlässigen und mit den Ansprüchen der Zeit gehen. So kommt es zu einem Wandel bei der Trageweise der Schmuckstücke und den Größen oder Materialien, die den Bedürfnissen der Europäer angepasst sind. Die Produkte werden allerdings von den Käufern über spezifische Merkmale identifiziert. Deshalb ist aus Marketinggründen der Handwerker entsprechend gekleidet und preist seine Schmuckstücke als Sahara-Tuareg-Ware an. Man kann beobachten, dass sich die Schmiede auch gegenwärtiger Partizipationsmöglichkeiten im Internet bedienen (Social Media, Onlinemarketing) und vorzugsweise NGOs und anderer Organisationen und Institutionen bedienen. Dem Erfindungsreichtum und Geschick im Umgang mit der Vermarktung scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Dabei ist den Akteuren bewusst, dass die althergebrachten Bedeutungen und mystische Zeichen und Symbole in den Hintergrund treten. Es kommt häufig nicht mehr auf die Bedeutung der Schmuckstücke an, sondern auf die Funktionalität und das Design. Dennoch kann man feststellen, dass das Kunsthandwerk weiterlebt und eine besondere Faszination auf Menschen ausübt, mit der Zeit geht und im ständigen Wandel ist, ohne das Wesen und die Traditionen komplett abzulegen.

Autor

Hanna Sotkiewicz

1„Fremde“ und „Gäste“ verstehe ich in dem Zusammenhang als Menschen, die eine andere Gesellschaftsordnung, Bräuche und Traditionen pflegen, als in dem Land, in dem sie sich zeitweilig aufhalten. Man könnte sie auch als „internationale Händler“ verstehen, die zweckgebunden und Ziel orientiert ihre Güter in kleineren Mengen im Ausland vertreiben.

2Darstellungen von den Tuareg findet man als Poster beispielsweise bei Einrichtungshäusern, als Kunstdrucke auch Nachbildungen u.a. der Maler Pascal Maitre und Alexandra Behm oder des Fotographen Jean-Luc Manaud. Darüber hinaus zeigt die Suchmaschine „google.de/bilder“ bei dem Begriff „tuareg“ bereits mehr als 400.000 Bilder an. Sollte man das Suchwort „touareg“ eingeben, werden 3.000.000 Ergebnisse mit Fotos des Geländewagens von VW gefunden.

3 Scholze Marko (Moderne Nomaden und fliegende Händler. Tuareg und Tourismus im Niger, Berlin 2009, S. 391)

4Der “National Geographic”-Reporter Michael Kirtley äußerte sich folgendermaßen: “Though today you can find Inadan work being sold in Europe and in America, back in the late 70s it was much more rare. Some tourists brought back jewelry and camel-skin cases, and sold them occasionally, but there were almost no sales being done directly by the Inadan or other Tuaregs. For the most part, crafts were made for local consumption.”, Interview vom 26. November 2011. Er verfasste einen Artikel zu den Schmieden der Tuareg in späten 70ern (The Inadan. Artisans of the Sahara, in: National Geographic, Bnd. 156, 1979, S. 282-298)

Ein Gedanke zu „Silberschmiede der Tuareg – Zwischen Tradition und modernem Marketing

  • 23. Juni 2014 um 9:09 pm
    Permalink

    Danke für die Inspiration 🙂
    Wir machen selber Schmuck und versuchen uns auch an anderen Kulturen zu orientieren und dieser Beitrag hat mir doch schon einen echt netten Eindruck beschert.
    Danke und Grüße,

    Julia von
    Julia und Amely

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