Die „Revolution“ ist weiblich

Als ich das letzte Mal vor sieben Jahren in Suez war, begegneten uns in der Hauptgeschäftsstraße zahllose Frauen mit Niqab, dem Gesichtsschleier. Modisch in hellblau, hellgrün, rosa, braun und natürlich in Standard schwarz. Würde es noch schlimmer sein, weil sich unter Mursi mehr Frauen verschleiert hatten, aus welchen Gründen auch immer? Oder würde man überhaupt eine Veränderung im Straßenbild bemerken? Vgl. Wikipedia: Niqab und Artikel der taz zum Thema Niqab

Ich war auf alles gefasst. Ein guter Indikator ist für mich immer die eigene Familie. Sie ist groß und weit verzweigt, alle sozialen Schichten sind vertreten, besonders aber die untere Mittelschicht. Die Cousinen meiner Töchter – ebenso alt wie sie – haben beide studiert, ihr Vater ist Fliesenleger in Suez, die Mutter war im Rentenversicherungsamt tätig. Inzwischen sind die Mädchen verheiratet, Maisoun hat einen dreijährigen Sohn und wohnt in Kairo. Auf meine Frage, ob ich auf meinem Blog zwei Fotos von ihnen mit der Cousine aus Deutschland veröffentlichen darf, kam prompt die befürchtete Antwort:

„I’m sorry but our husbands will not agree for the pictures.“ „Es tut mir leid, aber unsere Ehemänner werde mit der Veröffentlichung der Fotos nicht einverstanden sein.“

Bitte keine Fotos

Eben sowenig erlaubt Maisouns Ehemann ihr, sich weiter zu bilden, geschweige denn zu arbeiten. Schließlich ist er Lehrer und als solcher und als Mann verpflichtet und in der Lage, die Familie zu versorgen. Auch wenn er nur ungefähr 300 ägyptische Pfund im Monat verdient. Argumentieren zwecklos. Ich frage mich ernsthaft, wie sie über die Runden kommen. Immerhin hat sie sich durchsetzen können und darf uns und ihre Eltern udn Geschwister ohne ihren Mann in Suez besuchen.

Ihre Schwester Marwa hat es anscheinend ein wenig leichter. Sie darf sogar in der Öffentlichkeit rauchen. Ihr Mann ist immerhin so galant, ihr das Feuerzeug zu reichen, wenn sie sich eine Zigarette anzündet. Aber ihr Foto darf nicht in der Öffentlichkeit erscheinen. Egal, wie verhüllt sie darauf ist. Immerhin tragen beide junge Frauen Kopftuch – zumindest in der Öffentlichkeit. Für mich ist es immer ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn wir die Familie zu Hause besuchen, zusammen essen und dann später rausgehen, um eine Shisha zu rauchen und einen Tee zu trinken. Dann verwandeln sich die Frauen in andere Wesen. Gern hätte ich einen visuellen Eindruck davon vermittelt. Aber ich respektiere selbstverständlich den Wunsch meiner Nichten.

„Mach mir Tee“

Aber letzten Endes ist es nicht nur das Stückchen Stoff, das uns deutlich voneinander trennt. Es ist eher die Art und Weise, wie Männer und Frauen miteinander umgehen. Da ist immer noch wenig Respekt vor weiblichen Wesen, vor weniger Begüterten, vor einfachen Angestellten, Arbeitern, denen, die auf der sozialen Leiter ganz unten stehen.

Einer meiner Neffen – Sohn eines anderen Bruders meines Mannes – kommt zu Besuch, um uns zu sehen. Kaum dass er durch die Tür kommt, ruft er als erstes seiner Cousine zu, sie solle ihm doch einen Tee machen. Kein „Bitte“, kein, „Es wäre nett …“ kein „Hallo“. Und der Ton lässt jeden Zweifel an seiner Autorität schwinden. Brav steht die Angesprochene auf und eilt in die Küche. Erst danach sind wir mit einer Begrüßung dran …

Ich frage mich, woher das kommt. Ist das der Islam? Soweit ich mich erinnere, wird im Koran an verschiedenen Stellen betont, dass Männer und Frauen gleich sind und daher die gleichen Pflichten haben. Was die Rechte angeht, so sind diese zwar eingeschränkt, aber oft mit der Begründung, dass die Frauen schwächer sind, als die Männer.

Die Revolution der Frauen

Nun, in einer Gesellschaft, in der die Frauen für die Revolution gut und stark genug sind – immerhin haben sie einen großen Beitrag dazu geleistet -, sollen sie zu schwach sein, einen Beruf auszuüben oder sich trotz Ehe und Familie weiterzubilden? Da kann ich nur hoffen, dass die ägyptischen Frauen dem Beispiel der algerischen folgen werden und sich nach der erfolgreichen Revolution (in Algerien war es der Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich) nicht wieder von ihren Männern wegsperren lassen.

Das Fazit meiner Tochter dazu:

„Die Revolution ist für mich erst dann wirklich erfolgreich und beendet, wenn die ägyptischen Frauen die gleichen Rechte haben, wie die Männer.“

Übrigens ist es nicht schlimmer geworden mit der Verschleierung ganz allgemein und dem Niqab im Besonderen. Ganz im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass weit weniger Frauen als vor sieben Jahren unter einem Vollschleier oder gar einem Niqab verschwinden, was natürlich auch daran liegen kann, dass diese Frauen gar nicht erst das Haus verlassen.

Aber eine Hoffnung bleibt mir – und vielen ägyptischen Frauen:

Die Revolution ist weiblich!

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