Der palästinensische Maler Ibrahim Hazimeh

Der palästinensische Maler Ibrahim Hazimeh war fast 20 Jahre in Berlin als Kunst- und Beschäftigungstherapeut tätig. Zuvor hatte er seine Ausbildung in Leipzig bei Prof. Bernhard Heisig erhalten. Bis dahin war er Autodidakt.

Buddy-Bären

Ibrahim und Bärbel Hazimeh bereiten mir einen freundschaftlichen Empfang, als ich zu ihnen nach Berlin-Britz komme, um mehr über die Bilder des Palästinensers zu erfahren. Bei Kaffee und Kuchen erzählt Ibrahim Hazimeh, dass er seinen Buddy-Bären jetzt fertig hat. Seine Frau ergänzt, dass er mit auf Tournee gegangen ist und damit Palästina im internationalen Reigen der Bären nun auch vertreten ist. Von dem kleinen Bären konnte er sich nicht trennen, denn darauf hat er sein Vaterhaus gemalt und seine ganze Seele hinein gegeben. Der Auftraggeber Herlitz hatte dafür Verständnis und schickte einen neuen Bären, damit er ihn bemalen konnte. Ich bekomme in einem Film den großen Bären zu sehen und Gedichte einer Freundin, die sie zu einzelnen Bildern geschrieben hat. Sie rühren mich genauso zu Tränen wie die Bilder von Ibrahim Hazimeh, die oft mit den Grundfarben blau oder blaugrün arbeiten. Er erläutert, dass ihm die Farben wie aus seinen Adern, aus seinem Blut kommen. Er überlegt nicht intellektuell und bewusst, sondern lässt seine Seele sprechen, drückt seine Gefühle aus. Dabei ist er dennoch bestrebt, mit einer sauberen Technik zu arbeiten. Bei den Farben versucht er, zu einer harmonischen Wirkung aller Farben zu kommen. Speziell das Blau komme eigentlich von Akka, seiner Heimatstadt, die ja eine Wasserstadt ist, vom Horizont, der Weite und Tiefe.

Selbst in seinen dunkelsten Bildern ist immer noch Licht, das für seine Hoffnung steht. „Ich bin ein optimistischer Mensch,“ sagt der Maler bescheiden. „Und blau ist für mich die Farbe der Hoffnung. Nicht wie bei Picasso in seiner blauen Phase. Blau kann die anderen Farben in ihrer Wirkung steigern. Aber auch die Farben der Erde sind für mich wichtig. Sie tauchen in den Gesichtern der Menschen auf, in den Mauern der Häuser.“

In seinen Bildern spielt auch ein musikalisches Element eine wichtige Rolle, das den Bildern eine träumerische, bewegliche Note gibt. Sie ist für Hazimeh die Übersetzung seiner persönlichen Gefühle. Beim Malen mit Aquarell empfindet der Künstler Musik, quasi Töne sehend. Dann fühlt er sich ganz frei, wie ein Musiker, der mehrere Instrumente beherrscht und zu seinem ersten Instrument zurückkehrt.

Das erste, was ein Maler herausbringt, wenn er seine Technik beherrscht, ist eine Komposition, in der es gilt, den höchstmöglichen Ausdruck zu erreichen. Der Rest bleibt dem Betrachter überlassen,“ erläutert er.

Die Geschichte Palästinas erzählen

Ibrahim Hazimeh malt oft nachts zu klassischer Musik, wenn seine Gefühle ihn dazu drängen, in Bilder übersetzt zu werden. Seine Aufgabe sieht er nicht nur darin, schöne Bilder zu malen, sondern seine Mission sei es, dem eigenen Volk zu zeigen, welche Kapazitäten es habe, Mut und Hoffnung für ein besseres Leben zu geben. Er möchte mit seinen Bildern das Problem Palästina klarer machen, die Geschichte Palästinas erzählen, in Vergangenheit, Gegenwart und den Traum von einer besseren Zukunft. Die Hauptmotive, die fast alle seine Bilder bestimmen, sind die Frau, das Haus und der Baum. Ähnlich wie in der Arabeske wir das Motiv nicht einfach nur wiederholt, sondern weiterentwickelt auf der unendlichen Linie, wie das Blut, das durch die Adern fließt, das kommt und geht und wieder kommt und geht.

Das Motiv der Frau lässt sich darauf zurückführen, dass man in der arabischen Sprache nicht von Vaterland sondern vom Mutterland spricht. Auch das Motiv der Mutter mit dem Kind taucht immer wieder auf, denn es steht für die Zukunft. „Die Mutter behütet das Leben.“

Mehr Bilder können Sie auf der Webseite von Ibrahim Hazimeh sehen.

Maria mit dem Kind

Hazimeh erzählt mit einem bescheidenen Lächeln, dass er vermutlich viele Male mehr das Motiv der Mutter mit dem Kind gemalt hat als irgendein Maler, der Maria mit dem Kind gemalt habe. Und nichts anderes sei gemeint: Maria, die Palästinenserin mit dem Kind, diese auch von den Arabern hoch verehrte Frau, der im Koran sogar eine ganze Sure gewidmet ist.

Ein weiteres, wichtiges Motiv ist das Fenster, das für die Erinnerung an das Vertriebenwerden steht. Der Maler erzählt mit bewegenden Worten, wie er mit seinem Vater das Haus verlassen musste, während seine Mutter vor der Tür stand, direkt unter dem Fenster seines Zimmers. Während der Bus abfuhr, wurden Mutter, Haus und Fenster immer kleiner.

In seinen Bildern spielen daher das schützende Haus und die verschiedenen Fenster eine große Rolle. „Manche Bilder zeigen nur Häuser und manche Häuser darin sehen aus wie Gesichter, die nach ihren Bewohnern rufen.“ Aber immer gibt es auch irgendwo einen Baum, die Palme, das Symbol für Leben.

Symbole der Religionen

Was würde ich malen, wenn es das Problem Palästina nicht gäbe?“ sinniert Ibrahim Hazimeh, während mir seine Frau einen Kalender von Missio, dem internationalen katholischen Hilfswerk, zeigt. 12 Bilder von Ibrahim Hazimeh sind dort in hervorragender Druckqualität zu sehen. Bis heute werden Motive dieser Bildern für Flyer und Prospekte von Missio verwendet. Es erfüllt den Maler mit einem bescheidenen Stolz, dass er als Muslim auch von den Katholiken entdeckt wurde. Es ist ihm nie wichtig gewesen, auf seine Religion hinzuweisen, ganz im Gegenteil.

In dem Bild „Jerusalem nach dem Regen“ habe er ganz bewusst auf die Symbole der Religionen, den Halbmond, das Kreuz und den Davidsstern verzichtet, habe sie weggelassen, um nicht auf die Unterschiede hinzuweisen sondern das Gemeinsame hervorzuheben. Der Regen gilt ihm dabei symbolisch und zeigt eine frisch gewaschene Stadt, in der alle Religionen verschmolzen sind.

Zu dem Bild „Fülle des Lebens“, das auch mit dem Titel „Mystik“ versehen ist, erklärt mir der Künstler, dass Mystik ja aus dem Orient komme und für ihn eine Mischung aus Traum und Aberglauben sei. Wobei für ihn eine Tendenz zum Surrealismus hinzukomme. Allerdings ist der Traum für ihn ein eigenbestimmter, in dem er die volle Freiheit hat, zu denken und Dinge zu tun oder auch zu lassen.

Manchmal kommen Dinge einfach so. Ich weiß nicht, warum ich sie male.“

Sie kommen aus der Tiefe seiner Seele, um andere Seelen zu bewegen.

Wenn es das Problem Palästina eines Tages nicht mehr gibt, weiß ich, was Ibrahim Hazimeh dann malen wird. Seine Frau Bärbel hat mir gezeigt, dass er auch ein begnadeter Portraitmaler ist und im Urlaub wunderschöne, realistische Aquarelle von Landschaften malt. Ob wir davon je eine Ausstellung zu sehen bekommen, können wir nur in der Hoffnung auf die Erfüllung des Traumes von einem freien Palästina abwarten.


 

Ibrahim Hazimeh – Vita

In Syrien, wohin er mit seiner Familie geflüchtet war, erhielt der junge Palästinenser eine Ausbildung als Lehrer. Zum Malen war er angeregt worden durch eine Ausländerin, die im Café seines Vaters zeichnete und ihn mit den ersten Materialien versorgte. Zunächst bildete sich Hazimeh autodidaktisch, bis er 1957 beim “Herbstsalon” in Damaskus drei seiner Bilder zeigen durfte und auf Anhieb den ersten Preis gewann. Professor Bernhard Heisig aus Leipzig war zur Eröffnung der Ausstellung in Damaskus und bot dem jungen Hazimeh einen Studienplatz in Leipzig an. 1961 hatte es Hazimeh dann endlich geschafft, Ausreisepapiere zu bekommen. Bis 1974 blieb er mit seiner Frau und seinem Sohn in der DDR. Danach war er kurz als Professor im Libanon tätig, bevor die Familie nach Westberlin ging. Hier arbeitete er 19 Jahre als Kunst- und Beschäftigungstherapeut mit psychisch Kranken. Nebenher arbeitete er als freischaffender Maler. Die meisten ausgestellten Bilder entstammen seiner “Reifezeit” von 1990 bis 2002. Jetzt hoffen wir, dass der 70jährige noch viele weitere Bilder malen wird.

© Al-Maqam, Zeitschrift für arabische Kunst und Kultur, 4, 2008

Ein Gedanke zu „Der palästinensische Maler Ibrahim Hazimeh

  • 24. August 2014 um 8:08 pm
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    Guten Tag,habe ein Druck von 1976 auf dem eine Palaestinenserin zu sehen ist Farben blau,weiss,schwarz.Wie bekomme ich dieses Bild.?Unsere Tochter mochte es von uns erben.Muss sie warten bis wir tot sind?Wie komme ich u.a.an das Bild Jerusalem?
    Mit freundlichem Gruss
    Christa u.Fayez Abdulhadi

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