Neue UNESCO Weltkulturerbestätten

Erbil Zidadelle Südseite © Barbara Schumacher
Erbil Zidadelle Südseite © Barbara Schumacher

Bei der 38. UNESCO-Sitzung, die vom 15.-25. Juni 2014 in Doha, Qatar stattfand, wurden erwartungsgemäß zahlreiche Sehenswürdigkeiten aus aller Welt von der UNESCO zu Weltkulturerbestätten ernannt. Aus der arabischen Welt sind zwei dabei, eine in Irak, nämlich die Zitadelle von Erbil, die andere in Saudi-Arabien: Al Balad, die Altstadt von Jeddah.

Bei beiden handelt es sich um einzigartige, architektonische „Gesamtkunstwerke“. Diese Auszeichnung bedeutet nicht nur Prestige, sondern sie bringt neben finanziellen Mitteln auch wertvolle Ratschläge internationaler Experten auf verschiedenen Gebieten.

UNESCO Weltkulturerbestätten in Irak

Irak hat bereits drei Weltkulturerbestätten, nämlich Hatra (1985), Assur (2003) und Samarra (2007). Nun ist die Zitadelle in Erbil (Hauptstadt von irakisch Kurdistan – Nord-Irak) hinzugekommen.

Zitadelle als Zeugnis einmaliger Baukunst

Erbil Zitadelle Eingang © Barbara Schumacher
Erbil Zitadelle Eingang © Barbara Schumacher

Erbil gehört zu den ältesten Städten der Welt. Die Millionenstadt wächst stetig. Nord-Irak, Gebiet der irakischen Kurden, gilt als sicher. Wirtschaft und Kultur florieren. Kaum ein Besucher versäumt die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt. Dies ist die Zitadelle mit kreisförmigem Grundriss, die sich – ähnlich wie die Zitadelle von Aleppo – auf einem die Stadt 28-32 m überragenden Hochplateau befindet. Das Plateau ist nicht nur Ort der Festung sondern einer ganzen Stadt in Adobe-Ziegelstein-Architektur. Die Zitadelle umfasst eine Fläche von 11 ha, hat einen Durchmesser von etwa 1,5 km und ist über 6000 Jahre alt. Archäologen glauben, dass sie bereits in der neolithischen Periode bewohnt war und somit zu den am längsten bewohnten Orten der Erde gehört. Sie war u. a. im Besitz der Assyrer, Sumerer, Akkader, Babylonier, bevor die Muslime sie eroberten.

Gang durch Jahrhunderte

Erbil Zitadelle Rashid Haus © Barbara Schumacher
Erbil Zitadelle Rashid Haus © Barbara Schumacher

Es war Ziel aller seit 2007 in der Zitadelle laufenden Restaurierungsbemühungen des „Erbil Citadel Revitalization Project“ (www.erbilcitadel.org), bei denen die UNESCO als Partner der kurdischen Regionalregierung fungierte, es auf die Liste der UNESCO Weltkulturerbestätten zu schaffen. Die Kosten der Restaurierung werden mit 1,5 Millionen US-Dollar angeben, der Masterplan stammt von Oktober 2010. – Besucher betreten die Zitadelle durch das monumentale, durch die Restaurierung fast modern wirkende Eingangstor des Haupteingangs, das von Mubarak Ben Ahmed Sharaf-Aldin (1169-1239), geboren in Erbil, in Form einer meterhohen Skulptur „bewacht“ wird. Er wurde Ibn Almustawfi genannt, war nicht nur Minister in Erbil, sondern machte sich auch als Historiker und Schriftsteller in der Ära von Sultan Muzafaradin einen Namen. Sein bekanntestes Werk sind vier Bände zur Geschichte von Erbil. Die schönsten hochherrschaftlichen Häuser, die unweit des Eingangs stehen, wurden renoviert: Das Agha Nour al Din Rashid Haus und das Agha Ali Waisi Haus mit großen Arkaden-Innenhöfen und farbiger Stuckdekoration an Säulen, Arkadenbögen und Wänden im Innern, sowie bemalten Holzdecken. Auch Außenmauern der repräsentativen, mächtigen Häuserfronten am äußeren Ring der Zitadelle wurden renoviert, einschließlich der Rundbogenfenster und Balkone, sowie der Dekoration der Adobe-Ziegelstein-Mauern. Beim Gang durch die Zitadelle passiert man breite Wege und enge Gassen, in jedem Fall gesäumt von Häusern und Ruinen, bei denen die einstige Pracht der Adobe-Architektur gut zu erkennen ist. Auch die Moschee präsentiert sich in Adobe-Architektur, das Minarett besteht aus farbig glasierten Ziegelsteinen. Auf keinen Fall sollte man rechter Hand hinter dem Haupteingangstor den Besuch des Kurdischen Textil-Museums versäumen mit einer großen Auswahl an Möbeln, kostbaren Webteppichen, traditioneller Kleidung, Schmuck und Dekorationsgegenständen.

UNESCO Weltkulturerbestätten in Saudi-Arabien

Nach der legendären Nabatäerstadt Madein Saleh (2008) und Diriyah (2010), der 35 km von Riyadh entfernten früheren Hauptstadt des Königreichs, ist nun Al Balad, die Altstadt von Jeddah, „Dritte im Bunde“.

Was hat die UNESCO-Auszeichnung in Madein Saleh und Diriyah gebracht?

Madein Saleh Qaser Al Fareed © Barbara Schumacher
Madein Saleh Qaser Al Fareed © Barbara Schumacher

In Madein Saleh gibt es ein neues, repräsentatives Eingangstor und man renovierte das einzigartige Museum für die Hejaz-Bahn auf dem Gelände der historischen Bahnstation. Außerdem sind die Straßen durch das großflächige Gebiet markiert, man durchfährt sie mit dem eigenen PKW mit Hilfe eines Lageplans und es gibt nützliche Informationen für Besucher: Alle Sehenswürdigkeiten, vor allem die berühmten Nabatäer-Gräber mit ihren typischen Giebeln wie das frei stehende Qasr Al Fareed sowie die „Votiv“-Nischen, in riesige Felsformationen eingemeißelt, sind in Englisch und Arabisch beschriftet. – In Diriyah mit seinen sich bis zum Horizont erstreckenden Palästen und Häusern in traditioneller Lehmarchitektur sind weitgehende Renovierungsarbeiten an den historischen Lehmpalästen der Al Saud-Dynastie, Moscheen, Badehäusern und einigen Lehmhäusern im Gange, auch ein Hotel soll dort entstehen. Die Renovierung des Saad bin Saud Palastes war bereits Anfang 2000 begonnen worden. Da das gesamte Areal unbewohnt und im Besitz des Staates ist, gibt es hinsichtlich der Bauarbeiten keine Probleme.

Al Balad: Einklang von Hedjaz-Architektur und Architektur des Roten Meeres

Jeddah, kosmopolitische Metropole am Roten Meer und zweitgrößte Stadt des Königreichs Saudi-Arabien, ist eine moderne Stadt mit wichtigem Hafen, die schon seit Jahrhunderten als „Tor nach Mekka“ fungiert. In Jeddah entsteht derzeit der „Kingdom Tower“, das mit über 1.000 m höchste Gebäude der Welt in der „Kingdom City“, einem neuen Stadtviertel aus Glas und Beton mit ultramoderner Architektur. Die UNESCO-Auszeichnung gilt jedoch nur für Al Balad, die Altstadt von Jeddah. – Der Ernennung vorausgegangen waren Bemühungen seit dem Jahr 2006. Wegen offensichtlichen Desinteresses großer Teile der Bevölkerung sowie eines fehlenden Masterplans für die Sanierung der Altstadt konnte die offizielle Ernennung nicht früher erteilt werden. Al Balad kann man als Gesamtkunstwerk ansehen mit Jahrhunderte alten Plätzen, auf denen sich das gesellschaftliche Leben abspielte und wichtige Feste gemeinsam gefeiert wurden, Gassen, Moscheen und Häusern aus Korallen-Sandstein. Diese Häuser haben eine in der Welt einmalige, phantastische Fülle überhängender, kunstvoll geschnitzter, fast filigraner Holzveranden (rawashin) und holzverkleideter Balkone (shish), die die Intimität des Privatlebens sichern. Hier sind auf einer Fläche von einem Quadratkilometer die einzigen Überbleibsel der traditionellen Hedjaz-Architektur (Merkmal sind die Holzarbeiten) bzw. der traditionellen Korallensandstein-Architektur von Küstenorten des Roten Meeres – mit Einflüssen von Materialien und Handwerkskunst, inspiriert von den damaligen Handelsrouten im Indischen Ozean – in ihrer ehemaligen Pracht und Schönheit zu sehen. Ein weiteres Beispiel der „Architektur des Roten Meeres“, nämlich Korallensteinhäuser mit kunstvollen Holzbalkonen, gab es auf der Insel Suakin. Diese Insel liegt 65 km südlich von Port Sudan in der heutigen Republik Sudan im Roten Meer. Nur acht Stunden braucht die regelmäßig heute noch verkehrende Fähre nach Jeddah. Suakin war wie Jeddah Zwischenstation für Mekka-Pilger, durch Suakin kamen Pilger aus Afrika. Alle Häuser von Suakin sind leider verfallen. Ein exzellentes Beispiel der Hedjaz-Architektur mit Steinhäusern und einer grandiosen Vielfalt von Holzbalkonen war Mekka. Alle traditionellen Häuser fielen den Bauarbeiten für die Modernisierung der Stadt zum Opfer.

Spekulanten kontra Sanierer

Diriyah Saad Bin Saud Palast © Barbara Schumacher
Diriyah Saad Bin Saud Palast © Barbara Schumacher

Umso wichtiger ist der Erhalt der Altstadt von Jeddah. Die Erstellung des von der UNESCO geforderten Masterplans war deshalb so schwierig, weil sich die Altstadthäuser in Privatbesitz befinden und die Wohnungen an meist mittellose Gastarbeiter und Familien aus der Republik Sudan, Südsudan, Jemen und anderen Ländern vermietet sind. Viele Häuser sind seit Jahrzehnten dringend sanierungsbedürftig, aber wenn die Situation unklar ist, die Spekulationen über einen Abriss der gesamten Altstadt, die auf dem teuersten Baugrund Jeddahs steht, ihre Blüten treiben, die Aussicht, danach mit neuen Häusern 20mal höhere Mieteinnahmen zu haben als bisher (wegen der seit Jahren fehlenden Infrastruktur), dann ist es nachzuvollziehen, wenn Hausbesitzer, oft auch wegen mangelnden Bewusstseins für den wahren Kulturerbe-Wert ihres Besitzes, mit Investitionen zögerlich sind. Es gibt ein Gesetz, dass Sanierung nur mit Original Baumaterialien erfolgen darf, also Korallensandstein aus dem Roten Meer – aufwändig und teuer. In den letzten 12 Jahren gingen etwa 150 der damals rund 600 Häuser (es sind verschiedene Zahlen im Umlauf) durch Brände und Einsturz verloren.

Bedeutende Rolle der Saudi Commission for Tourism and Antiquities (SCTA)

Seit König Abdullah bin Abdul Aziz im Jahr 2013 die Renovierung der beiden ältesten, historischen Moscheen Al Shafi und Al Mem’ar angeordnet hatte, kam endlich Bewegung in das Thema der Sanierung der Altstadt Al Balad. Das Center for National Built Heritage hat hinsichtlich des Schicksals der Altstadt seit 2013 die Regie übernommen und es hat weitere prominente Unterstützer: Nicht nur Prinz Khalid Al Faisal, bis Ende 2013 Gouverneur der Provinz Mekka (in der Jeddah liegt), und der neue Gouverneur Prinz Mishaal Bin Abdullah, sondern auch der Bürgermeister von Jeddah und Prinz Sultan Bin Salman, Präsident der Saudi Commission for Tourism and Antiquities, gehören dazu. Er sieht in einer sanierten Altstadt nicht nur den Erhalt einer unschätzbar wertvollen Kulturerbestätte, sondern auch eine attraktive Touristenattraktion, vor allem vor dem Hintergrund der geplanten Ausweitung des „Religionstourismus“. Im vorigen Jahr wurden die Visa-Bestimmungen für Pilger dahingehend geändert, dass diese auch die Möglichkeit haben, im Rahmen der Hadsch-Reise die zahlreichen großartigen Sehenswürdigkeiten im Land zu besuchen. Um es in diesem Jahr auf die Liste der UNESCO Weltkulturerbe zu schaffen, wurde zur Unterstützung des Antrags von der SCTA im Januar 2014 ein Fest in Al Balad veranstaltet, auf dem

Jeddah Altstadt Haus © Barbara Schumacher
Jeddah Altstadt Haus © Barbara Schumacher

auch vom Aussterben bedrohte handwerkliche Traditionen gezeigt wurden. Laut Medienberichten sollen etwa 750.000 Besucher gekommen sein. Von der SCTA wurde für die Sanierung von zunächst 34 Häusern, Straßen, Straßenbeleuchtung, der alten Stadtmauer und historischer Plätze ein jährliches Budget von zehn Millionen Euro angekündigt. Ein Hotel ist geplant. Diese neuen Entwicklungen und die Vorlage eines Masterplans haben zur UNESCO-Ernennung geführt. Sie wurde am 21. Juni 2014 von Prinz Sultan Bin Salman offiziell verkündet. (www.scta.gov.sa/en)

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Kann man nun hoffen, dass die Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe die Stadt Jeddah zum raschen Häusererwerb und darauf folgender Sanierung ermutigt und die verbleibenden Hausbesitzer dazu bewegt werden, die Sanierung der Häuser zum Erhalt der einmaligen Architektur fachgerecht voranzutreiben? Wer heute durch die Altstadt spaziert, sieht neben Häusern mit morbidem Charme auch sanierte Gebäude, darunter das Bait Nour Wali mit vielfältigen grünen Veranden und das Al Naseef Haus der gleichnamigen wohlhabenden Händlerfamilie, heute im Besitz der Stadt, das man als Museum besichtigen kann – mit wundervollem Blick über die Altstadt von der Dachterrasse im vierten Stock …

Text und Fotos: Barbara Schumacher

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