Ramadan karim – Ein ganz gewöhnlicher Tag im Fastenmonat

Es ist 4:30 Uhr. Schlaftrunken hangele ich mich die Treppe von meinem Hochbett hinunter, schlüpfe in den Morgenmantel, schleiche ins Bad. Katzenwäsche. Mir ist kalt und ich bekomme die Augen noch gar nicht richtig auf. Geschlafen habe ich etwa vier Stunden. Das ist normal im Ramadan. Da gibt es eben einen ganz anderen Tagesablauf.

Gefrühstückt wird vor dem Morgengebet oder, um ganz genau zu sein, noch bevor man im natürlichen Licht einen weißen Faden von einem schwarzen unterscheiden kann.

In der Küche hantiere ich mit dem Teetopf, stelle Marmelade und Toastbrot bereit, ein wenig Käse und Oliven. Das Fladenbrot schiebe ich in den Backofen, damit es schön kross wird, wie frisch gebacken.

Während ich noch hantiere, höre ich bereits den ersten verschlafenen Mitbewohner im Bad. Noura muss ich wecken. Sie schläft tief und fest, will aber unbedingt an diesen ersten Tagen mitfasten. Abdullah setzt sich lediglich aus Solidarität mit uns an den Frühstückstisch. Er muss eigentlich nicht fasten, er hat Diabetes. Aber er tut es dennoch. Es klärt das Gehirn, reinigt die Gedanken, sagt er.

Und tatsächlich, fällt mir jedes Jahr wieder auf, dass ich nach ein paar Tagen eine ganz andere Wahrnehmung bekomme. Die Gerüche, die mich umgeben, nehme ich viel intensiver wahr, auch Farben leuchten kräftiger. Essensduft kann ich einfach genießen, ohne zu denken, „Oh, jetzt dies oder jenes essen“. Meine Bedürfnisse an leiblichen Genüssen reduzieren sich merklich – bis auf das unbedingte Bedürfnis nach Reinlichkeit, das sich eher noch steigert. Hygiene ist daher in diesen Wochen ganz besonders groß geschrieben.

Frühstück

Der Tee ist fertig, der Toast duftet einladend, doch wer einmal versucht hat, mitten in der Nacht zu frühstücken, wenn man doch normalerweise überhaupt nicht frühstückt, kann sich sicher vorstellen, wie unser vorzeitiges Frühstück aussieht. Eher lustlos und gezwungenermaßen knabbern wir an einem Toast mit Marmelade herum. Noura hängt bereits mit dem Kopf über ihrem Tee und ich schicke sie schnell wieder ins Bett. Im letzten Jahr habe ich wegen der übergroßen Müdigkeit auch oft lieber weitergeschlafen und auf das Frühstück verzichtet, aber dann ist der Tag wirklich hart. Dann kommen gegen Mittag die Kopfschmerzen, am frühen Nachmittag die Müdigkeit, kurz vor dem Fastenbrechen der Riesenhunger, und dann, wenn es so weit ist, kann man nicht mehr richtig essen.

Also zwinge ich die letzten Bissen meines Toasts in mich hinein und versuche, auch noch eine zweite Tasse Tee herunter zu bekommen, aber die Uhr mahnt unerbittlich, dass es gleich Zeit zum Morgengebet ist und damit Ende der Essenszeit.

In Ägypten muss es jetzt nett sein, im Kreise der Großfamilie zu sitzen und seinen Milchtee mit Büffelmilch und ein paar Keksen, ein wenig Yoghurt und ein paar Oliven zu essen. Früher wurde man in Ägypten von einem „Rufer“ geweckt, der mit einem Blechgefäß durch die Straßen seiner unmittelbaren Umgebung lief, darauf herumtrommelte, seinen Vers sang und wartete, dass man ihm einen Guten-Morgen-Gruß zurief, um sicher zu gehen, dass seine Bemühungen erfolgreich waren.

Hier aber bleibt uns nur der unbarmherzige Wecker, der uns gemahnt, dass es Zeit für eine letzte kleine Mahlzeit ist. Bisweilen muss ich sie sogar ganz allein in mich hineinzwingen, weil dann alle anderen es vorziehen, durchzuschlafen. Immerhin sind wir erst gegen 1:30 Uhr im Bett gewesen, nachdem der letzte Besuch gegangen war.

Alle sind längst wieder in die Betten gekrochen, ich husche schnell wieder ins Bad, mache meine rituelle Waschung, damit ich noch pünktlich mein Morgengebet machen kann.

Anschließend überlege ich, ob ich meine Morgenmeditation gleich jetzt mache. Wach bin ich jetzt sowieso. Bis ich wieder einschlafen kann, dauert es mindestens eine Stunde. Dann ist es fast schon 6 Uhr. Um 7 Uhr muss ich dann die Kinder zur Schule wecken. Beide haben immerhin einen Schulweg von fast 40 Minuten. Gern würde ich mich danach noch einmal hinlegen, aber genau für heute haben sich die Handwerker angesagt. Das Bad soll endlich gekachelt werden.

Widerstrebend lege ich mich ins Bett, kann aber – wie bereits befürchtet – nicht einschlafen, knipse also das Licht wieder an und lese ein paar Zeilen. Dabei muss ich wohl eingeschlafen sein. Etwa gegen 6:30 tobt die Katze mit ihrer Spielmaus durch den Flur und veranstaltet dabei einen derartigen Radau, dass ich hochschrecke. Na ja, auch ganz gut so, denn ich hatte vergessen, mir den Wecker neu zu stellen, für 7 Uhr.

Also dann jetzt die Morgenmeditation. Das schaffe ich gerade, bevor ich die Kinder wecken muss. Nachdem die beiden gegangen sind, klingelt es auch schon an der Wohnungstür und der erste Trupp Handwerker steht vor mir. Während sie sich im Bad ausbreiten, setze ich mich an den Schreibtisch und überlege, womit ich meinen Tag beginnen soll. Die Monatsabrechnungen liegen noch herum, die Steuerberaterin wartet bereits darauf. Post muss auch noch beantwortet werden. Und um 10 Uhr kommt eine Kundin, die eine erste Beratung möchte, für eine komplette Neugestaltung ihrer Wohnung. Da bin ich dann sicher 2 bis 3 Stunden beschäftigt. Also komme ich dann nicht mehr zum Einkaufen auf den Markt. Der Einkauf muss also vorher untergebracht werden.

Essensvorbereitungen

Ich überlege, was ich zum Abendessen kochen kann und entscheide mich für Nudelauflauf und frischen bunten Salat. Zum Nachtisch will ich „Amaredin“, einen typisch ägyptischen Aprikosenpudding machen. Wer den ganzen Tag tapfer gefastet hat, der soll schließlich abends entsprechend dafür belohnt werden. Datteln und Feigen werde ich auch gleich noch mitbringen, das traditionelle Trockenobst im Ramadan. Lecker sind in Milch eingeweichte Datteln, die es als Vorspeise gibt, gleich nach dem Fastenbrechen. Aber bis nach 17 Uhr müssen wir noch durchhalten, bis die Sonne untergegangen ist. Jetzt im Winter ist die Zeit des Fastens ja Gott sei Dank recht kurz, weil die Sonne erst spät auf- und früh wieder untergeht. Aber mit Grausen denke ich schon jetzt an die Zeit, wenn der Ramadan wieder in den Sommer fällt. Da muss man dann schon mal 15 Stunden und mehr durchhalten.

Gerade jetzt weiß ich es wieder besonders zu schätzen, dass ich mich im vergangenen Jahr doch selbständig gemacht habe. So kann ich es mir dann manchmal erlauben, eine Pause einzuschieben wie heute nach dem doch recht anstrengenden aber erfolgreichen Gespräch mit meiner Kundin – eine Stunde Mittagsruhe auf dem Sofa. Angenehm tönt aus dem Nebenzimmer, in dem Abdullah über seiner Doktorarbeit in Politiologie brütet, leise Koranrezitation. Ich liege kaum, da bin ich auch schon eingeschlafen. Erst als die Kinder aus der Schule kommen, wache ich wieder auf. Jetzt aber Beeilung. Es ist immerhin schon 15 Uhr. Also wird der Pudding wohl erst zum späten Abend fertig sein. Aber man kann ja sowieso nicht alles auf einmal essen. Schnell die Nudeln aufsetzen, dann das Hackfleisch braten, damit man es schichten kann und ab damit in den Backofen. Das Gemüse für den Salat kann ich auch schon putzen. Die Marinade mache ich separat, so dass sich jeder so viel nehmen kann, wie er möchte. Die Datteln in Milch lachen mich im Kühlschrank an und ich merke, wie mir das Wasser im Munde zusammen läuft. Da fällt mir ein, dass ich das Mittagsgebet verpasst und das Nachmittagsgebet verschlafen habe. Also wieder ins Bad. Ach du meine Güte, hier sieht es ja aus! Zwar haben die Handwerker alles weggeräumt, aber ein Schmierfilm breitet sich über den gesamten Fußboden, die Kacheln, den Spiegel. Ich kämpfe mit mir, erst die Gebete, dann putzen, oder erst putzen, dann duschen, dann die Gebete. Ich entscheide mich für letzteres. Gerade habe ich die nassen Haare mit einem Handtuch umwickelt, da klingelt das Telefon. „Ahmed, salam aleikum, …“ Ob wir zum Essen kommen möchten?

Abendessen

ägyptische Tafel © Ulrike Askari
ägyptische Tafel © Ulrike Askari

Na ja, eigentlich haben wir heute selbst so viel gekocht, „Wollt ihr nicht …?“ Wir verabreden, dass Ahmed mit Familie und seinem Essen heute zu uns kommt. Regina ist gerade von der Arbeit gekommen, sie hat zwar nicht gefastet, isst aber gern mit, Max, Stephanie und Leila freuen sich auf den Besuch bei uns und sind deshalb mitgekommen. Ahmed geht erst nach dem Essen zur Arbeit. Er arbeitet als Koch in einem Nobelhotel und hat heute Spätschicht.

Sabine hat noch eine Schulfreundin mitgebracht, jetzt sind wir zu zehn. Da reicht der Tisch in der Küche nicht mehr aus. Deshalb wird kurzerhand das Tischtuch im großen Zimmer auf dem Fußboden ausgebreitet und wir decken dort, verteilen Kissen, Teppiche, Decken zum Draufsetzen und dann wird aufgetragen. Ahmed hat Suppe mitgebracht, Hühnerschenkel, gebratene Auberginen, eingelegte Limonen, die seine Mutter ihm aus Ägypten mitgegeben hat, und noch mehr Käse, Oliven, Fladenbrot. Krüge mit Saft, Wasser, den eingelegten Datteln und Gläser stehen griffbereit.

Erwartungsvoll sitzen wir alle um den gedeckten Tisch, bis Abdullah sagt „Bismi-llah, im Namen Allahs, guten Appetit“ und dann dürfen wir endlich nach 12 Stunden Fasten wieder etwas trinken. Die ersten Schlucke werden hastig hinuntergestürzt, dann geht es schon langsamer und genießerischer. Die Suppe wird aufgetan. Es ist die typische ägyptische Mulucheija, die die Kinder und ich so lieben. Diese spinatähnliche Pflanze gilt in Ägypten als dem Pharao vorbehalten und als eine der vorzüglichsten Mahlzeiten überhaupt. Viele Touristen mögen sie aber nicht, weil sie eine Fäden ziehende Substanz absondert, die nicht gerade sehr appetitanregend aussieht. Dafür ist sehr viel Knoblauch drin und mit einem Hühnerschenkel dazu schmeckt es herrlich. Da ist auch noch ein Topf Reis. Und eigentlich wollte ich noch Salat essen, die Auberginen probieren, … Ich gebe auf, mein Magen drückt bereits. Die anderen essen immer noch, ich gehe schon mal in die Küche, um Wasser für Tee und Kaffee aufzusetzen.

In wenigen Minuten ist die Schlacht geschlagen, alles Wesentliche verzehrt, der „Tisch“ abgeräumt, und der Tee serviert. Regina überrascht mit Kuchen, der Amaredin ist auch inzwischen abgekühlt und fest. Aber es ist wirklich nur mehr ein Schauen und Naschen. Es geht einfach nichts mehr in die Mägen hinein. Die Kinder haben sich längst in ihre Zimmer verzogen, während die Erwachsenen jetzt die erste Zigarette zum Kaffee genießen, denn auch die ist während des Fastens verboten. Demonstrativ bedankt sich Abdullah mit einem Kuss (denn auch diese körperliche Liebesbeteuerung ist während des Fastens nicht erlaubt) bei mir für das gute Essen und die Idee, gleich das erste Ramadanmahl mit Freunden zu teilen.

Der Abend wird wieder lang, zwar sind Ahmed und Familie längst gegangen, dafür aber sind Hassan, Ali und Samir zum Tee gekommen und haben die leckeren kleinen orientalischen Süßigkeiten dabei, trinken Tee und Kaffee, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Kannen Tee ich heute Abend wieder gekocht habe. Kurz vor 24 Uhr falle ich erschöpft ins Bett, da fällt mir ein, Gebete. Also, noch einmal raus, denn noch habe ich eine viertel Stunde Zeit, das Abend- und das Nachtgebet zu machen, bevor der nächste Tag (nach islamischer Rechnung) anfängt. Danach schleiche ich noch einmal in die Küche. Von dem Amaredin hatte ich nicht so richtig probiert, aber jetzt habe ich Appetit darauf. Ich treffe auf Abdullah, der sich ebenfalls am Kühlschrank zu schaffen macht, ein Stück Käse hervorzerrt, etwas sauer eingelegtes Gemüse, etwas Fladenbrot dazu. Noch etwas trinken ist ganz wichtig. Das ist immer mein Problem im Ramadan, dass ich es nicht schaffe, in der kurzen Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang meine zwei Liter Flüssigkeit in mich hineinzubringen. Zwar habe ich morgens einen großen Becher Tee getrunken, dann abends noch einmal zwei, ein Glas Milch mit Datteln und ein Glas Saft. Aber da kommen nicht einmal eineinhalb Liter zusammen, wenn es hoch kommt. Und dann habe ich morgen wieder Kopfschmerzen. In den ersten drei oder vier Tagen ist das immer das Schlimmste. Diese Entgiftungskopfschmerzen. Danach geht es dann wieder. Und dann habe ich diesmal genau nach zwei Wochen Fasten meine Regel, bin also für die Zeit der Blutung befreit. Aber danach wieder einzusteigen ist hart, noch härter ist es nachzufasten. Deshalb habe ich mich entschieden, lieber meinen Obulus zu spenden für die nicht gefasteten Tage. Einmal habe ich geglaubt, ich könne mich über alle Traditionen und Vorschriften hinwegsetzen und trotz meiner Regel weiterfasten. Aber es war schlimm. Ich konnte mich selbst nicht mehr ausstehen. Ich war nur noch gereizt und aggressiv, hatte Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme und schließlich endete der Tag mit großem Geheule. Seitdem habe ich nie wieder versucht, mich über die traditionellen Regeln hinweg zu setzen. Irgendetwas muss ja auch dran sein, wenn Millionen von Muslimen auf diese Art und Weise fasten und das schon seit fast 600 Jahren. Jedenfalls habe ich gemerkt, dass es mir gut tut, einmal im Jahr so zu fasten, wie es viele, viele andere Menschen zur gleichen Zeit auch tun. Vermutlich ist dies auch eine große Triebfeder dabei, das Wissen, dass in genau diesem Augenblick Millionen von Menschen auf der ganzen Welt ebenso wie ich Durst haben und Hunger und sich auf den Augenblick des Fastenbrechens freuen. Und um wie viel mehr kann ich seit meinem ersten Ramadan nachempfinden, was Durst und Hunger auf der Welt denen bedeuten, die tagaus tagein nichts haben, um ihren Durst und Hunger zu stillen.

Von Jahr zu Jahr bin ich deshalb immer mehr der Meinung, dass wir, die wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben, vielleicht doch täglich wenigstens einen Euro spenden könnten, für die Hungernden in dieser Welt – die manchmal sogar direkt vor unseren Augen, in unserer eigenen Stadt wohnen. Ganz davon zu schweigen, dass nicht nur im Koran davon die Rede ist, dass alles, was ich gebe, fünffach zu mir zurückkommt. Manchmal hat es das auch schon getan, obwohl ich ein bisschen damit gerechnet hatte!

Also, in diesem Sinne:

„Ramadan karim, einen gesegneten Ramadan!“

Karima Ismael

Karima ist deutsche Muslimin. Sie gehört seit fünf Jahren einer Sufigruppe an, wo sie auch ihren ägyptischen Ehemann kennengelernt hat.

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