Die Welthaltigkeit der algerischen Literatur

Algerien ist ein Land mit sehr großem Potenzial, nicht nur auf wirtschaftlichem Sektor. Auch in der Literaturszene lassen sich innovative Entwicklungen ausmachen. Das belegen die neusten Romane von Mahamed Magani und Aziz Chouaki, die Einblick in die algerische Lebenswirklichkeit gewähren.

 Die Tränen sind salzig,
überall auf der Welt.

Rachid Boudjedra

 La meilleure maniere de comprendre l’Afrique du Nord,
j’en suis convaincu, c’est de lire ses écrivains.
Albert Memmi

„Ich bin davon überzeugt, dass die beste Art, Nordafrika kennenzulernen darin besteht, seine Schriftsteller zu lesen,“ so konstatiert der renommierte tunesische Schriftsteller und Kolonialismusforscher Albert Memmi in seinem Vorwort zur Anthologie frankophoner maghrebinischer Schriftsteller.

Vor einer Reise in fremde Gefilde führt uns der Weg gewöhnlich in eine Buchhandlung, wo dann ein Reiseführer erstanden wird. Von ihm erhoffen wir uns Informationen, sachlich und konkret. Zahlen und Fakten. Aber die Seele eines Landes findet der Reisende dort nicht, selbst den mentalen Zuschnitt nur sehr begrenzt. Literatur hingegen kann mit einer Formulierung, mit einer geschickt gewählten Metapher die Lebensform, die gestrandeten Wünsche und die erlittenen Enttäuschungen ans Licht bringen.

Mohamed Magani, 1948 in El Attaf geboren, und Aziz Chouaki, 1951 in Algier geboren, gehören einer neuen, zukunftsorientierten Generation von Schriftstellern an. Während lange Zeit die Kolonisierung und die damit einhergehende Identitätssuche Thema der algerischen Schriftsteller waren, belebt nun ein frischer Wind die literarische Szene Algeriens. Es ist äußerst erfreulich, dass der allgemeine Aufwärts-Trend des Landes sich auch literarisch widerspiegelt und die algerischen Autorinnen und Autoren zu neuen Ufern aufbrechen. Stellvertretend für andere seien hier die neusten Romane von Mohamed Magani und Aziz Chouaki vorgestellt, die beide tiefe Einblicke in die Lebenswirklichkeit in Algerien gewähren.

Ein Leben im Einklang von Mensch, Tier und Umwelt

Wenn zum Beispiel im Roman von Mohamed Magani (Rue des Perplexes, dt: Straße der Verwirrten, Übersetzung: Katharina Grabowski) ein Streunerhund zur Hauptperson wird und dem Protagonisten Mahyou als treuer Freund zur Seite steht, dann sind sozialer Mangel und menschliche Frustration angesprochen. Mahyou lehrt die Hündin, ihr Bellen in eine vernehmbare Stimme zu verwandeln. Und wenn dieser Hund schließlich abgerichtet wird, Bücher aus Müllhalden und Mülltonnen zu retten und seinem Herrchen vorzulegen, der diese systematisch sammelt, dann sieht der Leser eine große Bildungswüste vor sich, die nach Bepflanzung, Bewässerung und nach Wachstum ruft. Der Hund apportiert aber nicht nur Bildung ─ diese wiederum eine Metapher für Fortschritt ─, sondern er bringt auch Wärme und Nähe zu Mensch und Tier und zur Natur überhaupt. Ein neues Leben lässt sich erträumen, die Eröffnung einer Buchhandlung scheint durch eine unerwartete Geldzuwendung realisierbar. Der Hund wird zum Ursprung eines kulturellen Projektes. Ganzheitlich werden Natur und Leben betrachtet, ein sinnvolles Leben scheint nur im Einklang von Mensch und Natur lebbar.

Mohamed Magani stellt das Thema Umwelt in den Fokus seines Romans, ein Thema, das bislang in der algerischen Literatur keinerlei Beachtung findet. In einigen Ländern, wie etwa der Schweiz, ist die Natur bereits in der Erklärung der Menschenrechte enthalten. In Algerien ist man bislang – das ist natürlich auch vorrangigeren sozio-gesellschaftlichen Problemen geschuldet – weit davon entfernt, ein solches Bewusstsein für Umwelt und Natur zu entwickeln. „Mit der Natur sind wir alle eins,“ so Mohamed Magani in einem Interview.

„Es gibt die Seidenstraße, die Tee- oder Tabakstraße, die Straße des Salzes, der Nomaden und der Sklaven, alles bekannte Routen, die die Fantasie beflügeln. Doch der Weg, der heute zu nehmen ist, hat mit Geografie nichts zu tun, er beschreibt Mahyous Lebensweg durch den der Hündin.“

Musik als Waffe gegen die Wunden eines Landes

Den Spagat zwischen Tradition und Moderne thematisiert Aziz Chouaki in seinem Roman Etoile d’Alger (deutsch: Stern von Algier, Übersetzung: Barbara Gantner). Moussa, ein Musiker aus dem Volk, will traditionelle Berbermusik mit westlicher verweben, er will „der Michael Jackson von Algier“ werden. Mit vollem Einsatz verfolgt er diese verrückte Idee – zwischen zweifelhaften Nachtclubs, mittelmäßigen Auftritten auf Hochzeiten und gegen die Machenschaften betrügerischer Produzenten. Zunächst ist er auf Erfolgskurs. Selbst ein Interview von ihm erscheint in Algerie Actualité. Aber das Armutsmilieu, in dem er sich tummelt, hat tausend Facetten zwischen Gelingen und Scheitern. Die Lebensfülle einer konfliktreichen und abgründigen Gesellschaft tut sich detailreich auf: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Korruption, Schwarzmarkt, Dreck, Perspektivlosigkeit – und der vermeintliche Ausweg in Alkohol und Drogen: Haschisch, Koks und Zombretto, eine gewagte Mischung aus Sirup und Brennspiritus.

Wie ein Faustschlag wirkt schon der Name der Siedlung, in der Moussa wohnt: Sonne und Meer. Weckt dieser Name doch eher Assoziationen einer Urlaubsidylle, steht die Realität in krassem Widerspruch dazu: 13 Personen, vom quengelnden Kleinkind bis zur kränkelnden Großmutter, teilen sich lediglich drei Räume, keine Chance auf Intimität oder auch nur persönlichen Rückzug. Moussas Studio ist die Müllhalde hinter der Siedlung, zwar mit freiem Blick aufs Meer, aber bevölkert von unzähligen rotznasigen Kindern. Die Leichtigkeit der Musik einerseits, der deprimierende Druck der Realität andererseits, prallen in ihrer Unvereinbarkeit aufeinander. Der Abstieg ist vorgezeichnet, als die Fundamentalisten in den 90er Jahren die Oberhand gewinnen, seine westlich infiltrierte Musik verpönt ist. Und die Freundin verlässt ihn, die Freunde setzen sich ab nach Paris.

Aziz Chouaki, selbst Musiker, entwirft ein Bild Algeriens, das sich ein Europäer so kaum vorstellen kann. Er schafft es, den Protagonisten in unsere Herzen zu schreiben. Schon nach wenigen Seiten kann sich der Leser ihm nicht mehr entziehen oder ihm seine Empathie verweigern.

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