Oman: Nadira Mahmoud Al Lawatia

Nadira Mahmoud (Jahrgang 1959), erste Künstlerin des Landes, gehört bis heute zu den international bekanntesten Künstlerinnen Omans. Sie hat die von Sultan Qaboos gesteuerte moderne Entwicklung im Sultanat Oman persönlich erlebt und sie hatte sich auf die Gegebenheiten einzustellen – als Angehörige der schiitischen Familie Al Lawatia.

Pflege der Kultur im „verbotenen Viertel“

Im eigenen Viertel der Al Lawatia in Muscats Stadtteil Muttrah, das seit 1970 für alle Fremden unzugänglich ist, und daher das „verbotene Viertel“ genannt wird, werden Kultur gepflegt und religiöse Feste gefeiert. Hier gibt es eine Inschrift, die belegt, dass die Al Lawatia seit mindestens vier Jahrhunderten hier leben. Einwohner, die vor 1970 geboren wurden, sprechen noch die eigene Sprache: Lawati. Die Al Lawatia sind dem Sultan gegenüber loyal. Ein besonderes Ortungsmerkmal: Sie wohnen meisenst in der Nähe der Forts. In Oman kursieren verschiedene historische Interpretationen zum Ursprung der Al Lawatia. Jawad Al Khaburi, ein Schriftsteller der Al Lawatia, hat nachgewiesen, dass sie schon in vorislamischer Zeit in Oman waren. – Oman ist bekannt für seine religiöse Toleranz. Bedingung von Sultan Qaboos an die Schiiten: Verzicht auf die blutigen Rituale beim höchsten Feiertag.

Schule in Bagdad – Studium in Beirut

Nadira Mahmoud wuchs mit drei Brüdern auf. Sie galt als zerbrechlich – die Brüder hielten sie z. B. bei ihren Spielen weitgehend außen vor und so fühlte sie sich schon als Kind isoliert und „anders als alle anderen“, was bis heute anhält: In vielen Bereichen gilt sie als Pionierin. Ihre großzügigen und weitblickenden Eltern, die sich sehr für Kunst und Kultur einsetzten, schickten sie auf eine Schule in Bagdad, weil es in Oman damals nur eine Schule gab. Später studierte Nadira Recht in Beirut und arbeitete viele Jahre als Juristin im Innenministerium in Muscat. Als Kind malte sie realistische Portraits. Später wurde ihre Kunst immer abstrakter.

Erste Kunstgalerie in Oman

Im Jahr 1993 eröffnete sie im Hotel Muscat Intercontinental eine Kunstgalerie, die erste des Sultanats Oman, und betätigte sich gleichzeitig als Künstlerin und Geschäftsfrau. Für eine Serie abstrakt gemalter Masken nutzte sie die „Farben Omans“: „Wie alle Besucher, so bin auch ich tief beeindruckt beispielsweise vom roten Sand der Wahiba Wüste, dem türkisfarbenen Meer, von den durch verschiedene Mineralien bunten, bizarren Bergen, den honigfarbenen Forts und den farbenprächtigen, traditionellen Kleidern der Frauen in den einzelnen Provinzen.“ Die Kunstgalerie gibt es immer noch – als Kontaktstelle. Zusätzlich schätzen die Hotelgäste die häufig wechselnden Ausstellungen von rund 100 Werken – Gemälde, Mixed Media Arbeiten und Skulpturen – in Lobby, Fluren, Ballsaal und Konferenzräumen. „Meine erste Soloausstellung hatte ich 1989 in Sharjah, es folgten weitere weltweit, auch in Berlin,“ so die Künstlerin.

„Haus der Kunst“

Vor ihrem Privathaus hat Nadira einen Skulpturengarten eigener Werke geschaffen. Immer wiederkehrendes Motiv sind mit Keramikfragmenten versehene oder mit Tauen umwickelte Baumstämme, zuweilen mit einzelnen Ästen. „Der Baum symbolisiert Leben und Entwicklung,“ ist ihr Kommentar dazu. Und warum sind einige Baumstümpfe komplett mit Nägeln gespickt? „Die Nägel bedeuten Leid und Kummer. Aber trotz aller Katastrophen ist der Baumstumpf noch als solcher zu erkennen.“ – Im Innern ihres „Hauses der Kunst“ erzählt sie von ihren Kontakten zu berühmten, arabischen Malern, von denen sie wertvolle Gemälde besitzt, und zu namhaften, arabischen Schriftstellern, die man heute als legendär bezeichnen kann. Künstler, Dichter, Schriftsteller und Journalisten aus vielen arabischen Ländern schätzen die intellektuelle Künstlerin wegen ihrer Ernsthaftigkeit und ihres philosophischen Gedankenguts. Nadira Mahmoud passt in kein Schema und ist daher bewusst nicht Mitglied der durchaus rührigen Kunstgesellschaft in Muscat.

Reisen von China bis Alaska

Gern erzählt sie von ihren Reisen, die sie um die Welt führten – immer auf der Suche nach neuen Anregungen für ihre Kunst. Reisemitbringsel sind Objekte auserlesenen Kunsthandwerks, mit denen eine große Vitrine gefüllt ist. „Ich sammele diese Gegenstände als Dekorationsobjekte für meine zukünftige eigene Kunstgalerie, für die ich bereits das Nachbargrundstück erworben habe.“ Ob in China oder Alaska, stets sucht sie in den Städten die Kunstmuseen auf. „Als ich in einem 200-Seelen Dorf in Alaska war, gab es sogar dort ein Kunstmuseum. Deshalb gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass auch in Muscat eines Tages ein Museum für zeitgenössische Kunst entstehen wird. Daran arbeite ich mit aller Kraft.“

Weiße Werke an weißen Wänden

Je mehr sie reiste, desto minimalistischer wurde ihre Kunst und heute ist „weiß“ die einzige „Farbe“ nach Experimentierphasen mit selbst hergestelltem Papier und aus der Natur gewonnenen Pastellfarben. Die Malweise wurde immer abstrakter und noch minimalistischer, bis Linien und Punkte übrigblieben. „Wichtig ist die Ausgewogenheit dieser Elemente und ein Werk, das nur aus wenigen Punkten und Linien besteht, kostet mich tagelange Arbeit.“ Heute malt Nadira kaum noch, sie produziert Mixed Media Werke und verarbeitet Materialien wie Textilien und Naturfasern – freilich alles in weiß, auf großen, weißen Flächen angeordnet und weiß gerahmt. In ihrem mit weißen Möbeln eingerichteten weißen Haus hängen diese Werke an weißen Wänden: Understatement pur und „Rebellion gegen die Flut der Farben, die täglich überall unaufhörlich und unentrinnbar auf uns einströmt,“ wie sie sagt. Selbstverständlich trägt Nadira hauptsächlich weiß – vielleicht aus Opposition gegen die schwarzen Abayas der Region. Den Schleier hat sie schon immer verschmäht und auch bei spektakulären Fernsehauftritten erscheint die im ganzen Land geschätzte Künstlerin in europäischer Kleidung und mit Kurzhaarfrisur und wird – vor allem von jungen Frauen und vielen Studentinnen der Sultan Qaboos Universität – für ihren Mut bewundert.

Erstes Kunst Symposium in Oman

Symposium 2012, Nadira im weißen Kleid © Barbara Schumacher
Symposium 2012 © Barbara Schumacher

Nadira Mahmoud ficht ihren Kampf für die Kunst im eigenen Land. Dieser erlebte einen vorläufigen Höhepunkt, als sie im März 2012, dem Jahr, als Muscat sich als Tourismushauptstadt der arabischen Welt feierte, ganz allein das erste internationale Kunstsymposium in Muscat organisierte. Im Auftrag des Tourismusministeriums stellte sie eine Aufsehen erregende Veranstaltung auf die Beine. Maler, Bildhauer, Journalisten und Kunstkritiker aus aller Welt folgten ihrer Einladung. Als Kurator konnte sie den irakischen Künstler Ali Rashid (Herausgeber von „ila-magazine“) gewinnen, der heute in Holland lebt. Neben der Kreativität der Künstler standen ein Ausflug in die Wüste Wahiba Sands und Veranstaltungen an der Sultan Qaboos Universität und dem Cultural Club Muscat auf dem Programm. Das von Nadira erbetene Statement der Autorin dieses Beitrags vom 13. März 2012 im Cultural Club Muscat findet man unter http://www.ila-magazine.com (Die deutsche Übersetzung hier).

www.nadiramahmoud.com

Text und Fotos:

Barbara Schumacher

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