Qatar: Ali Hassan

Die Fachwelt rechnet Ali Hassan zu den besten Künstlern der Golfstaaten. Seit im Jahr 1980 die Qatar Fine Arts Society gegründet wurde, wuchs nicht nur die Zahl der Künstler sondern auch die Anzahl der professionellen Kunstgalerien in Doha, die sich vor allem im Souq Waqif, im Zentrum der Hauptstadt Doha, befinden. Die Anfänge für Kunstmaler waren recht mühsam, aber immerhin kann man von einem durchaus künstlerfreundlichen Ambiente sprechen, in dem sich Ali Hassan als Kunstpionier seines Landes nicht nur selbst künstlerisch entwickeln konnte, sondern auch mit seinem Engagement der Kunstförderung junger Menschen auf wachsendes Interesse stieß. Als am 30. Dezember 2010 „Mathaf“, das Museum für zeitgenössische arabische Kunst in Doha eröffnet wurde, erzielte Qatar den Durchbruch auf diesem Gebiet.

Abstrakte Gemälde mit Bezug zum Arabischen

Ali Hassan malt abstrakte Gemälde. „Trotzdem gelingt ihm der Bezug zum Arabischen,“ wie arabische Kunstkritiker gern feststellen. Der arabische Bezug erschließt sich unmittelbar vor allem durch die kalligrafischen Elemente. Ohne Zweifel ist der Künstler von seinem kulturellen Erbe beeinflusst, wie man an den Motiven sowie der kontinuierlichen Entwicklung seiner Techniken und Malstile über 30 Jahren hinweg sehen kann. In dieser Zeit gingen seine Bilder bei Ausstellungen um die Welt. Unzählige Auszeichnungen und internationale Kunstpreise kann er verbuchen. Wer sein Werk verfolgt, stellt immer wieder neue und unterschiedliche Dimensionen fest.

Zeitungskalligraph

Unter dem Dach der Youth General Authority war er viele Jahre als Vorstand privater Kunstschulen für Jungen und Mädchen tätig und kümmert sich bis heute um Kunsterziehung der Jugend. Gelassenheit und Heiterkeit sind die auf den ersten Blick erkennbaren Charaktereigenschaften des Künstlers. Auf die Frage, wie seine Liebe zur Kunst entstand, antwortet er: „Ich wurde in Doha geboren und als Kind ging ich gern in Dohas ältesten Souq, der inzwischen renoviert wurde: Souq Waqif. Besonders angetan hatten es mir damals zwei Läden: Sie hatten Schilder mit Kalligrafie. Die kunstvollen Schriftzüge zogen mich magisch an. Eine meiner Vorlieben war es, Kleidung von der Reinigung im Souq abzuholen. Die wurde nämlich in Zeitungen aus Kairo eingepackt. Diese Zeitungen waren handgeschrieben – in Kalligrafie. In der Schule habe ich keine Kalligrafiestunde versäumt. Ich liebte die Kalligrafie über alles und ging 1970, nach Ende der Schulzeit, folgerichtig als Kalligraf zur Zeitung. Meine Aufgabe dort war es, die Überschriften für die Artikel in Kalligrafie zu schreiben. Nach sieben Jahren arbeitete ich für eine Zeitung und sieben Magazine und machte ausschließlich Kalligrafie. Ich war der erste Qatari mit diesem Job.“

Später Entschluss: Geschichtsstudium

„Nach verschiedenen Jobs in Werbeabteilungen und beim qatarischen Fernsehen beschloss ich, Geschichte zu studieren – mit Kalligrafie war ich jedoch weiterhin ständig beschäftigt. Ich machte 1982 meinen B.A. in Geschichte an der Qatar University. Als die Computer kamen, war Kalligrafie nicht mehr gefragt, also sagte ich mir: Du musst etwas anderes machen. Das sollte etwas sein, das der Computer nicht vermochte, also begann ich zu malen. Ich malte zuerst nur mit Bleistift in schwarz-weiß, weil ich in einer schwarz-weißen Umgebung war. Die Häuser waren weiß, sie warfen schwarze Schatten. Die Frauen waren schwarz, die Männer weiß gekleidet. Licht und Schatten, hell und dunkel waren in meiner Umgebung sehr intensiv und sind die Basis für meine Kunst.“

„Wie kam Farbe in die Malerei?“

„Ich liebte schon als Kind die Natur und hörte gern Musik. In mir wuchs der Wunsch, das Erlebte in Farben auszudrücken. Ich habe viele Malstile und Techniken ausprobiert, viel über Kunst und Künstler gelesen und viele Künstler kennen gelernt, seit ich in Sachen Kunst in der Welt umherreise. Geschehnisse gehen mir ständig durch den Kopf. In ihnen sehe ich Szenen mit Nebel, Regen, Sonnenschein, Bäumen, Blumen, Gärten und Flüssen. Ich erkenne Menschen – sie wecken in mir Gefühle und sprechen meine Sinne an und ich habe von ihnen gelernt zu meditieren und mich selbst zu finden. Bei solchen Gedanken entstehen Gemälde in unterschiedlichsten Farbkombinationen, denen ich oft Namen gebe: Bäume im Winter – Am Ende einer Reise – Ein Tag – Schritt – Kalter Sommer – Eine alte Geschichte usw.“

Der Buchstabe „N“

Als einen der ungewöhnlichsten Aspekte des Künstlers kann man seine Vorliebe für den arabischen Buchstaben „N“ (ausgesprochen wie „nun“) betrachten. Über 25 Jahre lang hat er diesen einen Buchstaben in schier unendlichen Varianten künstlerisch in Kalligrafie interpretiert: in schwarz-weiß, in Farbe, als Keramikarbeit, als Skulptur, in Acryl und Öl auf Leinwand, als Mixed Media Werk und als Aquarell auf Papier. In seinem 2013 erschienenen Buch „Desert Horses“ überrascht Ali Hassan auf den großformatigen Seiten die Leser mit Fotos einer Serie abstrakter Pferde in Gemälden, Installationen und Skulpturen, wobei der Buchstabe „N“ sich bestens mit den Körperlinien der Pferde verträgt: Das perfekte Zusammenspiel zwischen zwei traditionellen arabischen Kulturgütern: Araber Pferd und Kalligrafie.

Wo ist seine Kunst-Galerie?

Die große Zahl der Gemeinschafts- und Einzelausstellungen in aller Welt spricht für sich. Ist es da noch interessant, für weitere Ausstellungen zu malen? „Ausstellungen stehen nicht an erster Stelle. Ich bin auch so glücklich. Viele Leute, die meine Bilder in den Luxushotels von Doha sehen, rufen mich an, um mich zu fragen, wo meine Galerie ist. Sie sollten hören, wie enttäuscht und manchmal sogar ärgerlich sie reagieren, wenn ich sage: Ich habe keine Galerie. Derzeit bin ich mehr als ausgelastet damit, Bilder im Rahmen konkreter Aufträge von Hotels und Firmen zu malen. Im City Centre (großes Shopping Center in Doha mit ständiger Eislauffläche) kann man mehrere große Bilder von mir sehen. Auch europäische Firmen haben meine Gemälde gekauft, z. B. die Deutsche Bank in Dubai. Viele Banken und Konzerne in den GCC-Staaten kaufen meine Werke. Sie hängen seit über 25 Jahren in den wichtigen Museen, in namhaften Galerien, vielen qatarischen Botschaften und Privathäusern weltweit. In Doha sind meine Bilder in den Lobbies, Restaurants und Zimmern der Hotels Four Seasons, Ritz Carlton, Sheraton, Marriott und Al Bustan zu finden.“

Würdigung einer Künstlerkarriere

Im Jahr 2009 wurde in einer Kooperation zwischen der Virginia Commonwealth University Qatar, der Al Markhiya Galerie und dem damals in Gründung befindlichen Arab Museum of Modern Art in Doha eine Ausstellung von Werken des Künstlers organisiert, die zum Ziel hatte, die künstlerische Karriere von Ali Hassan zu würdigen. Als einer der Kuratoren fungierte Dr. Abdulla Al Thani, Vizepräsident der Qatar Foundation.

Internet:

www.alihassanart.com

Text und Fotos:

Barbara Schumacher

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