Algerien: Zohra Hachid Sellal

Zohra Hachid Sellal, geboren am 8. Dezember 1946, beeindruckt nicht nur im Hinblick auf die mannigfachen künstlerischen Talente, die sie mit ihren vielschichtigen künstlerischen Werken in Kunstmuseen wie dem Musée National Public des Beaux Arts in Algier und Galerien wie Dar Eli-Kenz in Chéraga zeigt, sondern auch angesichts der Übernahme von Verantwortung in Bereichen wie Kunsterziehung im weitesten Sinne. Während ihres künstlerischen Lebens hat Zohra Hachid Sellal Malerlegenden kennen gelernt und ihre Mitmenschen durch die Vielfalt ihrer eigenen künstlerischen Arbeit immer wieder überrascht. Heute gehört sie zu den renommiertesten Künstlerinnen Algeriens, einem Land, das durch eine vielfältige und reiche Kunstszene mit langer Tradition bekannt ist. Zohra Hachid Sellal hat aus erster Ehe zwei Kinder und ist in zweiter Ehe mit einem Bruder des Ministerpräsidenten Abdelmalek Sellal verheiratet.

Ein Tag mit Zohra

Die Straße in den östlichen Teil der Stadt geht in Serpentinen bergauf – vorbei am Islamischen Museum und am Nationalen Museum für Kunst – mit grandiosen Ausblicken auf die Nationalbibliothek, Villenviertel, Parks und Hafen. Wer einen ganzen Tag mit Zohra in ihrem Haus verbringen darf, verlässt dieses bewegt und voller tiefer Eindrücke. Auch in einigen Museen wären die Kunstwerke des Hauses – Skulpturen und Gemälde, erlesenes Kunsthandwerk von Teppichen

Zohra im Atelier, Foto: © Barbara Schumacher
Zohra im Atelier, Foto: © Barbara Schumacher

bis zu handgeschnitzten Holztüren und traditionelle Musikinstrumente – gut aufgehoben. Blickfang im größten Raum des Hauses ist die Kopie des Gemäldes „Wasserträger“, das von dem Orientalisten Jean Raymond Hyppolite Lazerges (1817-1887) im Jahr 1878 gemalt wurde und dessen Original im Nationalen Kunstmuseum hängt – im Saal der Orientalisten nicht weit von den Werken des französischen Malers Delacroix. „Lazerges war der Gründer der Société des Beaux Arts,“ weiß Zohra. In ihrem Kunstatelier mit Bibliothek, Staffelei und Gemälden vieler Techniken in Schubladen und an den Wänden steht auch der Computer, in dem alle ihre bisherigen Werke gespeichert sind.

Berühmte Kunstlehrer

Von 1963 bis 1965 besuchte Zohra die École Nationale des Beaux Arts in Algier und begann dort im Nichts, mit Nichts, aus dem Nichts. „Ich wagte mich an Zeichnungen, zuerst Aquarell, dann Öl, kein Pastell, das gab es nur in Frankreich, ich habe es mir aber später selbst gekauft. Pastell und Öl bin ich bis heute treu geblieben – ich male auf Leinwand und Papier – Acryl habe ich nie benutzt.“ Von ihren Lehrern, den berühmten Malern Mohamed Issiakhem (1928-1985), Ali Ali-Khodja (1923-2010) und Choukri Mesli (geboren 1931), alle drei Mitbegründer der modernen algerischen Kunst, können andere Künstler nur träumen. Diese drei Künstler gehören zu den etwa vierzig algerischen Kunstschaffenden dieser und der Nachfolgegeneration, die sich fast alle in ihrer Kunst mit dem Befreiungskrieg und/oder dem Bürgerkrieg auseinandergesetzt haben und auch persönlich viel Leid erfuhren. Gemälde von Mohamed Issiakhem sind im Kunstmuseum zu sehen und es gibt in jeder guten Buchhandlung in Algier beeindruckende Kunstbände zu kaufen (z. B. Issiakem, Texte de Benanier Médiène, Casbah Editions 2006).

Rettung des Kulturerbes

Von 1966 bis 1968 machte ich eine praktische Ausbildung im Technischen Kunsthandwerkzentrum in Algier, ein Zentrum, das dem Industrieministerium unterstellt war mit dem Ziel, ein Programm für die Rettung unseres Kulturerbes im Hinblick auf historische Teppiche, Stoffe, Stickereien und Keramiken auf die Beine zu stellen. Ich habe mich sehr für die Restaurierung von Keramik interessiert und in diesem Bereich viele Beiträge geleistet. Danach habe ich mein Studium bis zum Diplom 1973 an der École Supérieure des Arts Décoratifs in Grenoble in Frankreich fortgesetzt und für die Diplomarbeit über das Spezialthema von Materie und Symbolismus der Motive des algerischen Kunsthandwerks geforscht.“

Nach ihrem Studium hat sie stets kreativ gearbeitet – nicht nur für Zeichnungen, Bilder und Skulpturen, sondern sie produzierte u. a. Theaterkostüme, entwarf Plakate (auch für große Firmen), schuf Kreationen von Haute Couture, die von der Volkskunst inspiriert waren; denn Kunst und Mode lagen in ihren Gedanken nah beisammen, kreierte Marionetten, Masken und Theaterfiguren für die Welt der Kinder. Auch in der traditionellen Musik kennt sie sich aus und zu den traditionellen Instrumenten in ihrem Haus zählt eine „Imzad“: „Dieses Saiten-Instrument gibt es auch im Senegal. In Algerien wird es im Hoggar/Tassili nur von Frauen gespielt, während die Männer zur Musik tanzen.“ Abstrakte Anklänge an Mode und Musikinstrumente sind auch in ihren Gemälden zu finden.

Harmonische Kompositionen in Form und Farbe

Auf der Staffelei steht ein halbfertiges Gemälde mit dem Motiv eines abstrakt gemalten Tieres. „Tiere male ich häufig, aber auch Gebäude oder Orte, noch mehr Menschen und vor allem Frauen,“ erklärt Zohra bei der Durchsicht von hunderten von Gemälden aus den letzten Jahrzehnten auf dem Bildschirm ihres Computers – mit unendlich erscheinenden Graden und Arten der Abstraktheit und einem wahren Feuerwerk an Motiv- und Farbkombination. Von den Tierbildern bleibt „Les éléphants du Tassili“(2010, 104×104 cm) stark im Gedächtnis, die Anordnung der Elefanten erinnert an alte Felszeichnungen in der Sahara. Und richtig: Diese uralten Felsmalereien faszinieren sie genau so wie die Wüste, in der sie zu finden sind. Sie bezeichnet ihren Stil als semiabstrakt und stimmt einer deutlichen Tendenz zu immer mehr Abstraktheit zu. Die Harmonie der Farben steht nie in Frage. Dabei nutzt sie sowohl kräftige Farben als auch Pastelltöne.

Tifinagh und Tamazight

Wenn ich in meinem Atelier male, vergesse ich die Zeit. Neben den Farben interessieren mich Formen und Bewegungen, das reale Leben und Phantasie, die mich beflügelt. Auf den meisten Gemälden finden sich Symbole, die sind mir sehr wichtig. Ich verarbeite Schrift und Buchstaben aus der Kabylie, aus dem Tuareg Alphabeth Tifinagh und aus dem Berberdialekt Tamazight.“ Genau das ist nicht nur das Ausdrucksmittel der Wurzeln ihrer Herkunft, auf die sie stolz ist, sondern macht auch die Einzigartigkeit ihrer Werke aus und garantiert den Wiedererkennungseffekt – auch in einer größeren Gruppenausstellung – ihr Werk ist wie sie: „unnahbar nah“. Versuche, ihre Gemälde einzuordnen oder bestimmter Klassifizierung zu unterwerfen, scheitern. Und man merkt: Malen bedeutet für sie Leben und das erklärt ihren unbändigen Schaffensdrang, der sie aufgeschlossen, agil und kreativ hält.

Ausstellungen und Preise

Pro Jahr mehrere Solo- und Gruppen-Ausstellungen in Museen, Galerien und anderen Institutionen in Algerien, Europa, der arabischen Welt und USA erstrecken sich über die Jahre 1970 (noch als Studentin in Grenoble) bis heute. In vier Galerien in Algier und einer Galerie in Grenoble sind ihre Werke ständig präsent. Zu den wichtigsten Preisen gehört der „Grand Prix de la Peinture Féminine“, der 2000 vom Gouvernorat Algier vergeben wurde. Eine besonders interessante Sonderausstellung fand aus Anlass des 50. Jahrestages der Unabhängigkeit Algeriens unter dem Titel „Equinoxe féminin“ (=Weibliche Tagundnachtgleiche), unter der Schirmherrschaft von Kulturministerin Khalida Toumi im März 2013 im Musée National Public des Beaux Arts in Algier statt. Zohra Hachid Sellal war dabei.

Text:

Barbara Schumacher

Fotos:

Zohra Hachid Sellal (Gemälde) und Barbara Schumacher

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