Syrien: Nizar Sabour

Der so gar nicht dem weit verbreiteten Klischee des chaotischen Künstlers entsprechende, 1958 in Lattakia gebürtige Nizar Sabour ist „wohl organisiert und fleißig“ und seine Kunst, die viel mit den berühmten Altertümern und der Geschichte Syriens zu tun hat, bedeutet ihm alles. Er zählt zu den wichtigsten Künstlern Syriens und der arabischen Welt. „Kunst ist Leben, Kunst ist Leidenschaft. Kunst bleibt, auch wenn das Leben zu Ende geht und sie ist die beste Entspannung in diesem oft schwierigen Leben,“ sind die Worte des Künstlers.

Starke Familienbande

Nizar Sabour stammt nicht aus einer Künstlerfamilie, aber eine seiner älteren Schwestern, die von Kind an künstlerisch tätig war, hatte einen so starken Einfluss auf ihn, dass er sich in die Kunst verliebte. Gern erinnert er sich an zahlreiche Geschichten aus seinem frühen künstlerischen Leben. „Mit 15 Jahren stellte ich ein großes Gemälde im Kunstzentrum von Lattakia aus. Als die Ausstellung eröffnet wurde, stand an der Stelle meines Gemäldes ein kleines Bild. Ich war geschockt und fand heraus, dass sich die Kuratorin mein Bild angeeignet und durch eine kleine, selbst gemalte Kopie ersetzt hatte. Als ich mein Kunstdiplom mit fast 100 Prozent machte (in Syrien gibt es keine Noten, sondern ein Prozent-System) hatte ich kein Telefon, um das Ergebnis meinem Vater mitzuteilen, auch Email gab es noch nicht. Also ging ich zur Post und schickte ein Telegramm. Der Mann am Telegrammschalter war so beeindruckt, dass ich keine Telegrammgebühr zahlen musste.“

Künstlerisch aktiver Kunstprofessor

Sein Werdegang ist zielstrebig: Dem Diplom an der Kunsthochschule Damaskus 1981 folgte die Promotion in Kunstphilosophie in Moskau, gefolgt von der Professur an der Kunstfakultät der Universität Damaskus. Als künstlerisch aktiver Kunstprofessor hat er beste Beziehungen zu seinen Studenten: „Sie hören auf meine Ratschläge und wollen von meiner künstlerischen Erfahrung profitieren. Ich mache ihnen Mut, Neues auszuprobieren.“

Malerei und Druckgrafik

Viele seiner Arbeiten sind inspiriert von arabischen Mythen und historischen Orten wie Damaskus und vor allem Palmyra. „In den Jahrtausende alten Reliefs arabisch aristokratischer Frauenköpfe aus den Mausoleen der römischen Wüstenstadt Palmyra finde ich einen Anknüpfungspunkt an eine alte Identität meines Landes. Bei den antiken Werken fasziniert mich die Mischung aus Aneignung fremder hellenistischer Moden und der Wahrung eigener Werte.“ Er zeichnet die Umrisse der stolzen Frauenreliefs mal auf düstere, mal goldbelegte Hintergründe, reißt die Charaktere aus ihrer hellen Wandbemalung und konfrontiert sie mit ihrer Jahrtausende langen unterirdisch abgeschlossenen Dunkelheit. Sabours Arbeiten der Malerei und Druckgrafik zeigen die Farben der Sandstürme, die über die alte Kultur hinweggeweht sind. Es sind Farben, die vom Material selbst herrühren – dem Sand der Wüste, den der Künstler in manchen Werken verarbeitet.

Gesichter aus Palmyra

Auch wenn sie oft nur zu erahnen sind: Große Augen der Frauen-Portraits der Palmyra Ikonen in Mixed Media auf Karton, Goldpapier, Monotype Druck, Sand, Asche, Acryl und Öl auf Leinwand oder Holz folgen eindringlich dem Betrachter. Die Vielseitigkeit des Künstlers, der stets nach Neuem strebt, kann man in seinen Werken nachvollziehen: vom Symbolismus seiner Moskauer Zeit über magische Poesie der „Orientalischen Städte,“ Zyklen zu Themen wie „Liebe“ oder „Grauen“ und zu Spiritualität in seinen „Ikonen“. Viele Werke befassen sich mit den Gesichtern der berühmten Skulpturen von Palmyra. Sein 1,20 x 1,50 m großes Werk „Palmyra’s Wall (Silence),“ erläutert er so: „Die Skulpturen von Palmyra sind romanische, aber auch lokale Kunst. Wer sie gesehen hat, kann sie nicht vergessen. Die Gesichter der wohlhabenden Frauen der damaligen Zeit drücken Weisheit und Ernst aus und sie stellen viele Fragen, die das Denken anregen. Die Bevölkerung von Palmyra hatte Sinn für Schönheit, die das tägliche Leben bestimmte und sich noch in den Grabskulpturen ausdrückte. Auch diese Lebensphilosophie ist beeindruckend. In meiner Kunst interessieren mich die Spuren, die diese Skulpturen hinterlassen. Durch die Verknüpfung von Geschichte und Moderne möchte ich meiner Kunst den lokalen Bezug geben. Im Westen fragt man mich, ob ich zurück in die Geschichte will. Nein, ich blicke nach vorn. Ich habe aus der Geschichte viel gelernt und das Gelernte abstrahiert, in die moderne Zeit transferiert – das verstehen auch meine Studenten so und daher kommen diese Werke auch bei der Jugend gut an.“

Ausstellungen weltweit

Solo-Ausstellungen begannen 1976 und 1982 in Lattakia. Internationale Solo-Ausstellungen brachten ihn dann nach Moskau, Kuwait, Ägypten, Frankreich, Libanon und Jordanien, aber immer wieder kehrte er mit Ausstellungen in die Städte seiner Heimat wie Damaskus, Lattakia und Aleppo zurück. Seit 1990 hatte er jährlich mehrere Solo- und Gruppenausstellungen in Europa, USA, China und der arabischen Welt. Seine Werke hängen in Galerien und Museen in Syrien, Jordanien, Bahrain, Sharjah, Moskau und Washington. Besonders zog es ihn zu Ausstellungen in die Vereinigten Arabischen Emirate.Seit Beginn der Sharjah Biennale im Jahr 1993 ist er mit seinen Werken dort vertreten, im Herbst 2008 war er zur Eröffnung der Cuadro Fine Art Gallery im Dubai International Financial Center eingeladen. Seine Werke waren dort auch im Herbst 2009 zu sehen. In den letzten Jahren sind die rund 150 Kunstgalerien in Dubai besonders beliebt bei Künstlern aus dem Irak und Syrien.

Besonderes Verhältnis zur Green Art Gallery

Zur Green Art Gallery in Dubai hat Nizar Sabour ein ganz besonderes Verhältnis, denn Inhaberin ist die aus Syrien stammende Yasmin Atassi, die bei einem Galeriebesuch erklärt: „Meine Mutter eröffnete Ende der 1980-er Jahre zusammen mit einer Tante in Homs den ersten Buchladen in Syrien. Es gab dort viele Bücher, die damals verboten waren. In der beliebten Buchhandlung war immer ein Platz reserviert für Kunstwerke, wie z. B. Werke des syrischen Künstlers Fateh Al Moudarres, der zu den Kunstpionieren Syriens gehört und 1999 starb. Ich wuchs also auf in einer Welt der Literatur und Kunst. 1990 kam ich mit meiner Mutter nach Dubai und 1995 wurde die Green Art Gallery von meiner Mutter eröffnet. Sie war eine der ersten Galerien in Dubai, die arabische Kunst präsentierte. Nach dem Tod meiner Mutter führe ich die Galerie in ihrem Sinne weiter. Wir stellen sowohl berühmte Künstler als auch viel versprechende Nachwuchstalente aus Syrien und anderen Ländern des Mittleren Ostens sowie Nordafrika aus. Werke von Nizar Sabour gehören zu unseren Ausstellungsklassikern und wir haben mehrere sehr erfolgreiche Einzelausstellungen seiner Werke durchgeführt.“

Nizar Sabour in Deutschland

In Deutschland hat Nizar Sabour dreimal ausgestellt, zuletzt 2009 in der Galerie Holbein4 in Hannover. Diese Galerie vertritt Nizar Sabour in Deutschland. Der Katalog der damaligen Ausstellung enthält eine hervorragende Einführung von Prof. Dr. Claus-Peter Haase, ehemaliger Direktor des Islamischen Museums in Berlin.

Internet:

www.nizarsabour.com

Text und Fotos:

Barbara Schumacher

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