Von Anfang an habe ich mich als eine von ihnen gefühlt

Es war November 2007: Ich wollte über Silvester weg, hatte schon oft geträumt, auf einem Kamel zu reiten und wünschte mir, die Wüste zu sehen. So kam es, dass ich kurzfristig eine Trekkingreise nach Jordanien buchte.

Mein erster Besuch in einem islamischen Land. Wir kamen an in der Wüste in stockdunkler Nacht: Ein warmes Lagerfeuer an einer Felswand, köstliches Abendessen, ein Englisch sprechender Beduinenguide, Arabisch sprechende Kameltreiber mit ganz schlechten Englischkenntnissen, eiskalt.

Herzenssprache und Singen als Kommunikation

Während dieser Gruppenreise hatte ich mehr Kontakt zu den Beduinen als zu den Mitreisenden. Wir konnten uns fast nichts erzählen, aber von Anfang an waren die Herzenssprache und das Singen unsere Kommunikation. Beim Gehen sangen die Beduinen lauthals im Wechselgesang ihre Lieder. Ich hatte keine Ahnung von Arabisch, aber ich liebe Singen. Und da die Männer sehr fröhlich, verspielt, natürlich und heiter waren, brauchte ich mich nicht lange zu überwinden, um lauthals mitzusingen. Ich hörte mich in den Sound der Sprache ein und ahmte ihn so gut nach, dass die Mitreisenden glaubten, ich könne Arabisch. Als wir uns vor der Weltkulturerbestadt Petra verabschieden mussten und ich meine liebgewonnenen Freunde davonreiten sah, zerriss es mir fast das Herz.

Leben mit den Beduinen

Nach dieser Reise begann ich Arabisch zu lernen und telefonierte regelmäßig mit meinen Beduinenfreunden. Drei Monate später flog ich nach Aqaba, um sie zu

Singen und Tönen verbindet, Foto: Maria Estella Dürnecker
Singen und Tönen verbindet, Foto: Maria Estella Dürnecker

besuchen. Ich war überzeugt, dass sie mich am Flughafen abholen würden. Wenn nicht, hätte ich keine Ahnung gehabt, wo sie wirklich wohnen. Es hat alles funktioniert und die Wiedersehensfreude war riesig. Als erstes gingen die Männer mit mir in den Basar, um mich im Beduinenstyle einzukleiden. Ein unvergesslicher Moment war es, als ich im Beduinenkleid vor Scheich Aude stand und er probierte, welches Kopftuch am besten zu mir passt. Ernstes Gesicht, prüfender Blick und dann – die Freude, das Richtige

gefunden zu haben. Das war wie eine Initiation für mich. In den nächsten Wochen lernte ich den Rest der Großfamilie kennen. Zu den Kindern hatte ich gleich einen dicken Draht.

Essen mit der Hand

Beduinen essen mit der rechten Hand. Sie wollten mir anfangs einen Löffel geben, weil sie wussten, dass ich aus einer Besteckesserkultur komme. Doch ich lehnte ab, weil ich so essen wollte wie sie. Ungewohnt war für mich zu Beginn, mit der Hand ohne Scheu in den großen gemeinsamen Teller zu greifen. Recht schnell gewöhnte ich mich daran, ebenso wie daran, mir von jemandem vor und nach dem Essen Wasser aus einer Plastikkanne über die Hände gießen zu lassen.

Geschlechtertrennung

Die Frauen und Kinder halten sich im Frauenbereich des Zeltes auf und essen auch dort. Weil ich von Anfang an mit den Männern unterwegs war, hielt ich mich im Männerraum auf und aß mit ihnen. Als ich einmal bei einer anderen Familie des Clans zu Besuch war, hieß es plötzlich, ich solle bei den Frauen essen und nicht – wie gewöhnlich – mit meinem engsten Freund und Begleiter Emad bei den Männern. Das war für mich wie eine Beleidigung. Leider konnte ich wegen der Sprachbarriere nicht nachfragen, warum das sein musste. Je länger ich bei den Beduinen lebte, umso öfter kam es vor, dass ich nicht bei den Männern aß. Manchmal durfte ich es mir dann auch aussuchen. Es kam darauf an, ob fremde Männer zu Besuch waren oder ob man unter sich war. Je länger und besser wir uns kennenlernten, umso selbstverständlicher wurde ich wie eine von ihnen behandelt. Heute – nach sechs Jahren – ist es für mich völlig normal, dass ich mit den Frauen esse. Ich bin gern unter ihnen. Die Energie ist eine ganz andere als bei den Männern, natürlich, weiblich. Da fühle ich mich wohl.

Beduinenhochzeit

Vor meiner Abreise erlebte ich zum ersten Mal eine Beduinenhochzeit. Die ganze Großfamilie war zusammengekommen. Hunderte Frauen und Kinder, die ich nicht kannte, aber die mich kannten. Ich konnte damals nur schwer die Gesichter unterscheiden. Die Kleidung aller älteren Frauen ist schwarz. Für einen Neuling wie mich sahen sie alle sehr ähnlich aus.

Bei einer weiteren Hochzeit in meiner Familie, habe ich beschlossen, nicht zu fotografieren, dafür umso mehr einzutauchen und mitzumachen. Und ich war voll dabei, habe mit den jungen Mädchen getanzt und gesungen, bei den älteren Frauen gehockt, die alten Gesänge gesungen, geplaudert und die Gemeinschaft genossen. Immer wieder ruft mich jemand: „Aida, komm her!“ Von den Kindern bis zu den Alten bin ich unter meinem Beduinennamen, den sie mir am ersten Abend in der Wüste gegeben haben, bekannt und beliebt.

 Diesmal reichte mein Arabisch soweit, dass ich ihnen in einfachen Sätzen sagen konnte: „Jeden Tag denke ich an euch. Ihr seid in meinem Herzen. Ich sage meinen Freunden immer, ihr seid meine Familie und ich bin die, die in Österreich wohnt. Ich liebe euch alle sehr.“ Als ich das gesagt hatte, sah ich, dass Marida, die Erstfrau des verstorbenen Stammoberhauptes, vor Rührung Tränen in den Augen hatte. Sie nahm meine Hand und sagte ihre Liebeserklärung, wie stellvertretend für den ganzen Clan: „Aida, wir lieben dich. Du bist eine von uns. Wir tragen dich im Herzen. Und wenn du nicht da bist, vermissen wir dich sehr. Du bist immer willkommen. Hier hast du jetzt eine Mutter. Ich bin deine Ummi.“ Das war ein ganz besonderer Moment. Ich bekam eine Beduinenmutter.

Ein weiteres Liebeszeichen erhielt ich bei der Hochzeit von zwei jungen Frauen. Sie saßen mit ihren Kleinkindern am Boden, als mich die eine zu sich winkte, meine Hand nahm und mit Tränen in den Augen sagte: „Es ist so schön, dass du gekommen bist. Die ganze Familie liebt dich. Wir werden dich vermissen, wenn du in Österreich bist. Damit du uns nicht vergisst, schenke ich dir das.“ – und sie nahm ihr Armband mit den Initialen H&K, von ihr und ihrem Mann, ab. Die andere nahm ihre goldene Uhr ab und sagte auch mit feuchten Augen: „Nimm das als Geschenk.“ Ich war überwältigt. Ich wusste, ich konnte es nicht ablehnen, versuchte ihnen zu sagen, dass das zu große Geschenke seien, aber sie waren nicht abzubringen. Uns standen die Tränen in den Augen.

Die des Clans, die in Österreich wohnt

In den folgenden Jahren kehrte ich immer wieder zu meinen Beduinen und ihren Kamelen zurück. Im Anschluss an die Wüstenklänge-Reisen verbrachte ich einige Tage im Beduinendorf, um auch diejenigen aus meiner Familie zu sehen, die nicht bei den Wüstenklängen dabei sein konnten. Es war jedes Mal eine riesige Wiedersehensfreude. Nachdem meine Arabischkenntnisse stetig anwachsen, können wir uns auch jedes Jahr besser verständigen. Ich fühle mich so wohl bei den Beduinen. Dort kann ich mein Herz öffnen. In der Wüste bin ich frei und ganz ich. Auch die Gemeinschaft der Beduinen und das einfache Leben tun mir sehr gut. So kam es, dass ich ernsthaft mit dem Gedanken spielte, nach Jordanien auszuwandern und bei meiner Familie zu wohnen. Sie haben mich voll aufgenommen. Aber nach und nach erkannte ich, dass ich nicht in der Wüste leben möchte, weil ich meinen eigenen Raum brauche, meine Sachen nicht selbstverständlich mit einer Großfamilie teilen, mein eigenes Einkommen haben und über mein Leben selbst bestimmen möchte, damit es mir gut geht. Somit hat dieses „going native“ schließlich aufgehört. Aber ich fühle mich deshalb nicht weniger integriert. Ich bin die des Clans, die in Österreich wohnt. Wenn ich in Jordanien bin, lebt der Teil in mir, der die Beduinin ist.

Abschied nehmen

Eine weitere Gewohnheit, die ich bis heute nicht begreife, ist dieses rasche Aufbrechen ohne ein Wort zu sagen. Als die Hochzeit vorbei war, brachen alle schlagartig auf. Sie ersparten uns dadurch Tränen und lange Abschiedsworte. Aber mir ist es schon ein Bedürfnis, gerade meine Liebsten noch einmal zu umarmen. Der Abschied von den Beduinen fällt mit nach wie vor schwer. Meine Tränen fließen, während Zänuah, meine Lieblingsschwester, und ich uns wortlos umarmen. Bereits am Vortag hatten wir unsere Verbundenheit ausgesprochen. Jetzt gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Wir halten uns fest. Ich spüre unsere Liebe ganz stark. Dann wende ich mich zu Marida, meiner neuen “Ummi“. Wir drücken uns. Sie küsst mich auf die Wangen: „Ma´a salama Aida, ma´a salama – Auf Wiedersehen.“

Von diesen innigen Verbindungen werde ich noch lange zehren.

Text und Fotos:

Maria Estella Dürnecker

Info:

www.klangreisen.at

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