Dem Deutschland sein Islam

Der gemeinsamen Geschichte Deutschlands und des Islam auf der Spur

Was ist „deutsch“?

Deutschland, wie immer man es definieren mag, hat sich stets gewandelt und verändert. Und das ist auch gut so. Zu Kaiserzeiten im 19. Jahrhundert war Deutschland polnischer geprägt. 10 Prozent der damaligen „Reichsbürger“ sprachen polnisch als Muttersprache. Das Sorbische und Dänische wird nach wie vor gesprochen, heutzutage, in Deutschland, von den vielen deutschen Dialekten ganz zu schweigen. Nicht nur das urbane Leben ist geprägt vom Wandel der Einwanderung. Kaum eine deutsche Kleinstadt ist ohne Anbieter von Döner, Chinapfanne oder Pizza. Das Lieblingsgericht der Deutschen sind nicht die erst im Kaiserreich hier einheimisch gewordenen südamerikanischen Kartoffeln sondern italienische Spaghetti.

Was bedeutet eigentlich „deutsch“? Etymologisch geht das Adjektiv auf das germanische Substantiv „thiot“ zurück und bedeutet „zum Volk gehörig“. Geschichtlich spiegelt sich darin die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache wieder. Mit solch einer weit umfassenden Interpretation des „Deutschen“ gehören dann alle zur deutschen Bevölkerung, die sich unabhängig von Zeit und Ort in der deutschen Sprache auszudrücken vermögen. Die hochdeutsche Sprache der Gegenwart ist eindeutig religiös geprägt. Sie basiert auf der interpretativen Bibelübersetzung von Luther aus der lateinischen Sprache in einen verschriftlichten deutschen Dialekt.

Was ist „islamisch“?

Der Islam, was immer man darunter verstehen kann, hat eine mehr als 1400jährige Geschichte hinter sich. Auf die Zeit der Expansion folgte die Spaltung. Religiös, regional und durchaus auch reaktionär. Die Nachfolge des Propheten Mohammed war ungeklärt. Der vierte Kalif – vom arabischen khalif, in der Bedeutung von Nachfolger und Statthalter – wurde erstochen. Seine Nachfolge war rein machtpolitisch begründet. Der Gouverneur von Damaskus übernahm das Kalifat und begründete die erste islamisch geprägte Dynastie der Ummayaden. Die Nachfolge blieb weiterhin rechtlich ungeklärt. Die vermeintliche Gemeinschaft der Muslime spaltete sich in Sunniten und Schiiten. Letztere akzeptierten seinerzeit ausschließlich einen Nachfahren des Propheten als legitimen Herrscher.

Bereits zu Beginn des 8. Jahrhunderts machten sich autonome Strömungen sowohl an der Peripherie als auch im Zentrum des Reiches, das inzwischen vom Atlantik bis an den indischen Ozean reichte, bemerkbar. Die Abbasiden folgten um das Jahr 750 als zweite Dynastie und verlegten die Hauptstadt nach Baghdad. Zumindest ein Mitglied der Ummayaden entkam ihnen und begründete ein Kalifat auf der iberischen Halbinsel. Rund 500 Jahre später beendeten die Mongolen das nur noch formell existierende Kalifat der Abbasiden. Das Zentrum der islamischen Welt verlagerte sich nach Ägypten. Es folgten die Osmanen und schließlich das Ende des Kalifats im Jahr 1924.

Islam in Deutschland

Moschee Brienner Str, Berlin, Foto: Ulrike Askari
Moschee Brienner Str., Berlin, Foto: Ulrike Askari

Der Islam in Deutschland existiert nicht erst seit der Ankunft der ersten anatolischen „Gastarbeiter“. Arabische Reisende und Händler berichten bereits im 9. Jahrhundert über die rechtsrheinischen Gebiete der Slawen, die in viele Stämme zerfallen seien. Darunter die „Namdschin„, die Deutschen, die zwar „tapfer und kriegerisch“ aber auch Heiden seien, „die keinem religiösen Gesetz folgen.“ Eine weitere Quelle berichtet von Schleswig, „eine sehr große Stadt am äußersten Ende des Weltmeeres“ in der „Siriusanbeter“ wohnten, die sich von Fischen ernähren. Der auf Sizilien geborene Kaiser des „römisch-deutschen Reiches“ Friedrich II. (1194-1250) sprach Arabisch. Die kulturelle Entwicklung des tief im Mittelalter steckenden „Abendlandes“ geht unmittelbar auf ihn zurück.

Ein halbes Jahrtausend später, zur Zeit der ersten beiden Schlesischen Kriege (1740-45) standen bis zu 1000 osmanische Reiter im Dienste der Preußen. Ali Aziz Efendi, der dritte Botschafter des Osmanischen Reiches, verstarb 1798 in Berlin. Ihm zu Ehren stellte Kaiser Friedrich III. (1770-1840) ein Gelände als muslimische Begräbnisstätte zur Verfügung. Im Jahr 1898 besuchte Wilhelm II (1859-1914), der letzte deutsche Kaiser, Damaskus und versicherte seine Freundschaft gegenüber den Muslimen „zu allen Zeiten“. Die älteste Moschee in Deutschland befindet sich im Berliner Stadtteil Wilmersdorf und wurde am 26. April 1925 feierlich eröffnet. Der Imam bezeichnete die Moschee in seiner Eröffnungsrede als „Gastgeschenk der Muslime“ sowie als verbindendes „Wahrzeichen der Freundschaft zwischen dem deutschen Volke und dem Orient“. Die Freitagspredigt wird in der Wilmersdorfer Moschee seit jeher auf Deutsch gehalten.

Nach den weltpolitischen Vorläufen und Wirren des Zweiten Weltkrieges hatte sich das Erscheinungsbild Deutschlands erneut und radikal geändert. Auf den Wiederaufbau und auf das Wirtschaftswunder folgte die Einwanderung vermeintlicher „Gastarbeiter“ in den Westen des geteilten Landes. Die größte Gruppe der damals Angeworbenen kam aus dem Osten der Türkei. Sie und ihre Nachkommen prägen den Islam in Deutschland. Von den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland sind weit über 80 Prozent türkischstämmig. „Dem Deutschland sein Islam“ ist demnach in erster Linie von einer anatolischen Tradition des Islam geprägt, was kurdische und alevitische Ausprägungen mit einschließt.

Der Islam in Europa

Nach dem barbarischen Anschlag auf die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hébdo bekundeten Menschen weltweit und spontan ihre Trauer über die inzwischen auf 17 angestiegene Zahl der Opfer und setzten somit ein Zeichen für die Presse- und Meinungsfreiheit. Am letzten Sonntag, den 11. Januar gingen mehr als 1,6 Millionen Menschen in Paris auf die Strasse. Angeführt wurde die Solidaritätskundgebung von zahlreichen und hochrangigen Politikern. Arm in Arm stand die deutsche Bundeskanzlerin mit dem französischen Präsidenten in der ersten Reihe.

Der türkische Ministerpräsident nahm an dem Trauermarsch ebenfalls teil und wurde am Folgetag von Frau Merkel in Berlin empfangen. In der gemeinsamen Pressekonferenz zitierte die Bundeskanzlerin den ehemaligen Bundespräsidenten Wulff aus dessen Rede zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010. Die Kanzlerin schloss sich dessen Aussage an, dass der Islam inzwischen zu Deutschland gehöre, „Das ist so, dieser Meinung bin ich auch.“ Dieses Statement erfolgte in einem Kontext, der seinerzeit durch die kontrovers geführte Sarrazin-Debatte geprägt war. Nicht in allen Kreisen stößt die Aussage auf ausschließlich wohlwollende Zustimmung. Frau Merkel unterstrich in der Pressekonferenz, dass sie die Bundeskanzlerin aller Deutschen sei. Das schließe alle, „die hier dauerhaft leben, mit ein, egal welchen Ursprungs und welcher Herkunft sie sind.“ Weiter sagte sie, dass es notwendig sei, den Dialog zwischen den Religionen zu verstärken. Es gäbe viel Unkenntnis.

Das mit der Unkenntnis ist wahr. Ebenso wie die Notwendigkeit des Dialogs. Von Regierungsseite wurde der Islam bereits etliche Jahre zuvor offiziell als zu Deutschland zugehörig erklärt. Der badisch-stämmige und ehemalige Innenminister Dr. Wolfgang Schäuble sagte bereits in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 26. September 2006, dass der Islam inzwischen Teil Deutschlands und Europas sei. Anlass des Interviews war die erste Islamkonferenz in Deutschland, die sich unter anderem intensiv mit Prävention von Gewalt auseinandersetzt. Die Islamkonferenz findet auch nach den Anschlägen von Paris statt. Die letzte Frage im Interview, ob die Islamkonferenz ein Beitrag zur Überwindung des Terrorismus sei, bejahte Schäuble. Was seitdem geleistet wurde und noch weiterhin zu leisten ist, lässt sich eindeutig nachprüfen und verfolgen: auf der Seite der Deutschen Islamkonferenz.

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