Edge of Arabia (EOA) und Athr Gallery – Saudische Erfolgsgeschichten

Als die erste und einzigartige saudische Kunstinitiative Edge of Arabia (EOA) im Jahr 2008 in London gegründet wurde, war das eine Pionierleistung, mit der erstmals saudische Künstler weltweit bekannt wurden und die dazu beitrug, saudische Kultur in westlichen Medien vorzustellen. Die Athr Gallery in Jeddah bildet den „Anker“ im Heimatland.

Ungewöhnliche Gründungsgeschichte von EOA

Abdulnasser Gharem ADA, 2014 © B. Schumacher
Abdulnasser Gharem ADA, 2014 © B. Schumacher

EOA versprach deshalb eine Erfolgsgeschichte zu werden, weil es dem Gründer, dem Briten Steven Stapleton gelang, finanzstarke saudische Förderer wie SAGIA für seine Idee zu gewinnen. Auch die Etablierung in London stellte sich als weitblickend heraus. Die ungewöhnliche Gründungsgeschichte erregte Aufsehen: Da traf Stephen Stapleton bei einer Reise durch Saudi-Arabien zufällig auf den Maler und Fotografen Ahmed Mater, der in der Stadt Abha im Asir Gebirge hauptberuflich als Mediziner tätig war und auf Abdulnasser Gharem (Stapleton, Mater und Gharem bilden die Gründungsmitglieder). Hinzu kamen Sami Al Turki, bekannt durch ungewöhnliche Architektur-Fotografie, Prinzessin Reem Al Faisal, deren s/w Kunstfotos der Hajj nach Mekka zu Kultobjekten avancierten, Faisal Samra, in Bahrain gebürtig, und das weltweit bekannte, unzertrennliche Geschwisterpaar Shadia (vielfach ausgezeichnete Künstlerin) und Raja Alem (vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Produzentin von Kollektivarbeiten mit internationalen Künstlern und Fotografen), in Paris und Jeddah zu Hause. Bei der Gründung im Oktober 2008 in der Londoner SOAS Brunei Gallery wurden 17 saudische KünstlerInnen aus Jeddah, Mekka, Riyadh, Dharan, Abha und Khamis Mushait vorgestellt, inzwischen sind es über 30, darunter viele Frauen.

Erfahrung auf internationalen Kunst- und Kultur-Veranstaltungen

Mohammed Hafiz und Mitarbeiterinnen bei abc Berlin © B. Schumacher
Mohammed Hafiz und Mitarbeiterinnen bei abc Berlin © B. Schumacher

Nachdem man wichtige Erfahrungen auf internationaler Ebene bei Biennalen (z. B. bereits 2009 in Venedig, wo sich erstmals eine internationale Plattform für saudische Künstler bot), namhaften Kunstmessen (z. B. Abu Dhabi Art, abc Berlin, FotoFest Houston) gesammelt hatte, kam im Jahr 2012 der „Durchbruch“ im Hinblick auf eine Ausstellung im Heimatland, denn erstmals wagte man sich erfolgreich nach Jeddah unter dem bezeichnenden Motto „We need to talk“. Das war sogar einen Artikel in der New York Times wert. Ein attraktives und anspruchsvolles Bildungsprogramm sowie Förderprogramme für Nachwuchskünstler auf internationaler Ebene, Welttourneen und die Herausgabe aufwändiger Kunstbände über die eigenen Aktivitäten sowie ein regelmäßiger Newsletter gehören zu den wichtigsten Elementen der aktiven Gruppe, die bis heute erfolgreich von London aus operiert.

Shadia und Raja Alem, Saudische Kulturwoche 2014 © B. Schumacher
Shadia und Raja Alem, Saudische Kulturwoche 2014 © B. Schumacher

Als die Botschaft des Königreichs Saudi-Arabien die öffentlich zugängliche Saudische Kulturwoche vom 23.-29. September 2014 in Berlin veranstaltete, gab es neben der Präsentation kultureller Vielfalt im Sony Center (inkl. Gemäldeausstellung) auch ein ambitioniertes Vortragsprogramm, zu dessen Höhepunkten das Gespräch zwischen der Literaturkritikerin Claudia Kramatschek und der Schriftstellerin Raja Alem über ihr Buch Das Halsband der Tauben gehörte. Selbstverständlich war auch Schwester Shadia anwesend …

Kritische Auseinandersetzung mit der Heimat

Manal Al Dowayan © EOA
Manal Al Dowayan © EOA

Die einzelnen Künstler erregen Aufsehen mit Werken, die durchaus kritisch sind im Hinblick auf Vorgänge in der Heimat. So produzierte Ahmed Mater eine Fotoserie, die sich mit vor dem Hintergrund dramatisch anwachsender Pilgerzahlen notwendiger, wenn auch umstrittener Bautätigkeit in Mekka auseinandersetzt, die Hand in Hand mit der Zerstörung der historischen Bausubstanz geht. Seine Installation der Kaaba erregte das Interesse von Prinz Charles, der das Kunstwerk bei einer Ausstellung im British Museum bewunderte. Der Künstler Abdulnasser Gharem (beruflicher Hintergrund ist eine Karriere beim Militär) fabrizierte einen 1,2 m hohen Stempel als Skulptur – Anspielung darauf, dass man im Königreich Saudi-Arabien für wirklich alles einen Stempel braucht. Ungewöhnlich auch seine Gemälde einer Kombination aus militärischen Motiven, moderner Symbolik und islamischer Mosaikkunst. Manal Al Dowayan erschuf eine Installation aus fünf überdimensionalen Gebetsketten, wobei die Holzkugeln je 10 cm Durchmesser haben. Jede Kugel trägt einen weiblichen Vornamen. Damit will die Künstlerin die Sitte darstellen, dass Männer von ihren weiblichen Verwandten stets nur von Schwester, Cousine, Tante, etc. sprechen, nie aber den Namen nennen. Alle Künstler legen Wert darauf, mit ihren Werken niemanden verletzten zu wollen.

Darvish Fakhr © EOA
Darvish Fakhr © EOA

Die Initiative EOA hat bewirkt, dass die bei EOA teilnehmenden Künstler zu internationalen Kunstausstellungen eingeladen werden und zum ersten Mal überhaupt auch eine bedeutende Anzahl saudischer Kunstwerke in berühmten Museen, Sammlungen namhafter Kunstsammler, einschlägigen Veröffentlichungen und Auktionen der großen Auktionshäuser vertreten sind. Neu seit dem Jahr 2014 ist, dass auch Künstler anderer Nationen bei EOA mitwirken können. Der erste war der in Boston lebende Iraner Darvish Fakhr. Kunst kennt eben keine Grenzen!

Die Athr Gallery

Nur wenige Monate nach Gründung von EOA erfolgte im Januar 2009 die Gründung der Athr Gallery durch den Künstler Hamza Serafi und den Kurator Mohammed Hafiz. Heute gehört Athr zu den führenden Kunstgalerien der arabischen Welt. Die Galerie befindet sich im räumlich und technisch großzügig ausgestatteten fünften Stock der Serafi Mega Mall in Jeddah. Ausgestellt werden vor allem Werke vielfältiger Technik von saudischen Künstlern, die aus allen Landesteilen kommen.

Plattform für EOA-Künstler in der Heimat

In der Athr Gallery stellen regelmäßig viele EOA-Künstler ihre neuen Werke aus. Athr ist für diese Künstler die Plattform in der Heimat. Darüber hinaus präsentiert Athr bei allen Ausstellungen auf internationalen Kunstmessen und Biennalen auf repräsentativen Ständen Künstler von EOA: neben Gemälden sind Videos, Installationen, digitale Kunst und Fotokunst zu sehen. Oft werden spektakuläre Aktionen geboten, wie die symbolträchtige Installation The Black Arch der Schwestern Shadia und Raja Alem bei der Biennale Venedig 2011 oder bei der Sharjah Biennial 2013, als das Werk Desert of Pharan von Ahmed Mater vor dem im Stadtzentrum von Sharjah Stadt stehenden Al Hisn Fort aufgebaut wurde. Aber auch Ayman Yossri Daydban mit schockierenden Videos, Maha Malluh mit Installationen verfremdeter Alltagsgegenstände sowie an Traditionen erinnernden s/w-Werken und Sami Al Turki mit utopisch anmutender Architektur-Fotokunst sind mit ungewöhnlichen Arbeiten, die die Besucher anziehen, weil sie viele Fragen aufwerfen, vertreten.

Diskussionsstoff gibt es reichlich

Die von Athr ausgestellten Werke sorgen für reichlich Diskussionsstoff. Darüber hinaus veranstaltet die Athr Gallery eine jährliche Ausstellung, in der sich saudische Nachwuchskünstler vorstellen und dem staunenden Publikum ungeahnte Kreativität präsentieren. Wer Glück hat, findet auf diesem Weg vielleicht einen Platz in der Reihe der Künstler von EOA. In zunehmendem Maße nutzen auch internationale Künstler diese Plattform. Die Themen der Ausstellungen haben fast schon philosophischen Charakter und die Begründungen für bestimmte Ausstellungsschwerpunkte sind höchst anspruchsvoll, denn schließlich will man mit den öffentlich zugänglichen Ausstellungen den Platz an der Front der zeitgenössischen Kunst des Mittleren Ostens halten und ausbauen. Besonderes Augenmerk gehört der Pflege von Bildungsprojekten in Form sehr gut besuchter öffentlicher Vorträge und Foren. Motto: „We aim to generate dialogue and learning within a wider artistic sphere”.

Internet: www.edgeofarabia.com und www.athrart.com

Text: Barbara Schumacher
Fotos: EOA, Athr Gallery und Barbara Schumacher

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