Saudi-Arabien: Dr. Sami Al Marzoogi

Er ist in der saudischen Kunstwelt eine Ausnahmeerscheinung. Dr. Sami Al Marzoogi (Jahrgang 1947) lebt in Jeddah. Seine künstlerische Arbeit bezeichnet er als eine künstlerische Reise zu sich selbst und als Lebenselixier, um den Stress im Beruf auszugleichen. Der intellektuelle Künstler strahlt natürliche Ruhe und Autorität aus.

Jeddah – saudische „Hauptstadt der Kunst“

Jeddah war die erste Stadt im Königreich Saudi-Arabien, in der zeitgenössische Kunst eine Rolle spielte. Natürlich gab es immer Künstler, wie überall auf der Welt, aber sie erregten weder Aufmerksamkeit noch Interesse und Kunst war schlicht kein Thema. Im Hinblick auf Malerei änderte sich das langsam vor rund 10 Jahren, heute beherbergt die kosmopolitische Stadt am Roten Meer mehrere Kunstgalerien und seit 2014 wird das nun jährlich stattfindende Kunstspektakel „Jeddah Art Week“organisiert, das im Januar 2015 vor der Häuser-Kulisse der im Juni 2014 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannten historischen Altstadt von Jeddah stattfand. Ende 2014 wurde die erste Kunstgalerie in der Altstadt von Jeddah eröffnet. Seinen Lebensunterhalt als Künstler zu verdienen, ist allerdings auch in Jeddah noch keinem Künstler gelungen, aber für die Zukunft ist das nicht auszuschließen, denn das Interesse für Kunst, Kunstausstellungen, Kunstmessen und das Sammeln von Kunst nimmt zu.

Kunst als Ausgleich für einen anstrengenden Beruf

Sami Marzoogi ist Narkosearzt in einer großen Klinik in Jeddah. Wie in jedem Beruf bekommt man nach vielen Jahren der Praxis Routine und das gibt Raum für kreative Gedanken, die sich in meinem Fall in künstlerischen Aktivitäten entfalten. Für mich ist meine Kunst Ausgleich zu meinem Beruf. Er malt seit über 30 Jahren. Einer „plakativen“ Phase folgte eine Phase der Entwürfe von Skulpturen, die oft religiöse Motive, z. B. Betende in den

Dr. Sami Al Marzoogi, Foto: © Barbara Schumacher
Dr. Sami Al Marzoogi, Foto: © Barbara Schumacher

verschiedenen Gebetshaltungen des Islam darstellten in einer durch Kalligrafie verfremdeten Form. Danach malte er abstrakte Werke mit Tinte – ein mühsamer und zeitintensiver Prozess. Heute ist er dabei, eine ganz neue Technik für abstrakte, großformatige Werke – meist auf Leinwand – zu entwickeln, die Acryl mit Tinte verbindet. Mit dem Medium Tinte entsteht die Farbe erst auf der Leinwand – während der Arbeit. Das ergibt oft überraschende Effekte. Die Ergänzung durch die Acryl-Farben bewirkt eine mir bisher unbekannte Wirkung und hat den erfreulichen Nebeneffekt, dass die Arbeit an einem Gemälde weniger zeitraubend ist.

Intellektuell und experimentierfreudig

Besuche bei Sami Al Marzoogi sind immer ein Erlebnis und es gibt stets Neues zu entdecken, denn er entwickelt kontinuierlich seine abstrakte Kunst – nicht nur hinsichtlich der Motive sondern auch bezüglich Malstil, Technik, wissenschaftlicher Experimentierfreude und intellektueller Durchdringung. Sein Haus in Jeddah ähnelt mit den vielen Gemälden an den Wänden einem Museum für zeitgenössische Kunst und in seinem Malatelier stapeln sich die Gemälde, die für Ausstellungen vorgesehen sind. Nicht nur Staffeleien, Farbtöpfe und Pinsel sind auszumachen sondern auch verschiedene Textilien, denn die bringen oft – zum Auftragen der Farbe genutzt – interessante Effekte. Zum Schlafen scheint der viel beschäftigte Anästhesiearzt (Studium in Deutschland) kaum zu kommen, denn wenn er abends gegen 21 Uhr aus dem Hospital kommt, widmet er sich seiner Kunst. „Ich muss jeden Tag malen und neue Dinge ausprobieren,“ ist seine Bemerkung dazu. Seine Ehefrau unterstützt ihn, sie ist auch gleichzeitig seine Kunstmanagerin und organisiert Ausstellungen im Rahmen von „Marzoogi Art“. Die erwachsenen Kinder studieren und bewundern ihren Vater. Eine Tochter hat am renommierten Effat-College ihr Studium „Human Resources“ erfolgreich beendet und ist bereits beruflich tätig.

Gepflegtes Gemäldearchiv

bei Sami Al Marzoogi, Foto: © Barbara Schumacher
bei Sami Al Marzoogi, Foto: © Barbara Schumacher

Wenn man auf drei Jahrzehnte künstlerischen Schaffens zurückblicken kann, dann ist es nützlich, aus jeder Schaffensperiode einige Werke archiviert zu haben. Und die Anfänge waren besonders eindringlich, denn damals war Kalligrafie das einzige Thema: Kleinformatig, sparsam in der Farbe und streng in der Form – eine eigenwillige Interpretation. Danach kam die Zeit der Entwürfe für meterhohe Skulpturen – die rund 400 Skulpturen (darunter Werke von Henry Moore), die Jeddah an der Corniche, auf zahlreichen Roundabouts und in vielen Parks schon auf den ersten Blick als eine Stadt der Kunst erscheinen lassen, dienten der Inspiration. Sie sind bei Einheimischen und Besuchern gleichermaßen beliebt und werden seit 2014 aufwändig restauriert.

Balanceakt mit außergewöhnlichen Farbkombinationen

Die Entwicklung zu großformatigen, farbstarken Gemälden mit ganz speziellen Techniken, die sein Geheimnis sind, erfolgte über einen längeren Zeitraum. Farbe an sich hat Ausdrucksstärke – wenn ich mich nur auf die Nutzung von Farben konzentriere, ergeben sie am Ende Formen und Gestalten, die jeder Betrachter anders sieht. Bei meiner Arbeit verhalte ich mich oft unbewusst und „etwas“ lässt mich handeln.

Ich habe z. B. bei einem Gemälde in der linken unteren Ecke mit der Arbeit (in der geheimen Technik) begonnen, habe dann die Leinwand gedreht und die Farben entwickelten selbst eine Struktur, die unendlich so hätte fortgeführt werden können. Der obere und untere Bildteil war zunächst „unklar“, aber der Trocknungsprozess hat dann Klarheit gebracht. Dieses „unbewusste“ Arbeiten hat interessante Auswirkungen, so liegt mir daran, dass der Betrachter das Bild aus verschiedenen Richtungen sieht, denn oft erkennt man nach einer simplen Drehung etwas ganz Anderes. Manchmal stehe ich vor der riesigen weißen Leinwand und habe nichts Besonderes vor, aber mit dem Aufbringen der Farbe entwickelt sich etwas Überraschendes. Allerdings muss man rechtzeitig aufhören können, denn durch zuviel Farbe kann man leicht Zerstörungen anrichten. Ich lasse mich gern von der Natur inspirieren. Beim Tauchen sieht man z. B. verschiedene Farben – alle Farben sind in Harmonie. Ich habe für mich selbst festgestellt, dass innere Balance auch in meiner Kunst eine Balance ergibt. Manche Bilder erinnern mich noch nach längerer Zeit genau an die Stimmung, in der ich sie gemalt habe.

Ausstellungen haben keine Priorität

Der Künstler hatte einige Ausstellungen in Saudi Arabien und macht sich durch seine zurückhaltende und introvertierte Art rar – eine Eigenschaft, die in der internationalen Kunstszene eher selten ist. In seinem Atelier sind etwa 80 Gemälde fertig für die nächste Ausstellung. Diese Gemälde können auf dem internationalen Kunstmarkt bestehen: abstrakte Farbkombinationen komplizierter Technik, die die Phantasie anregen, denn bei genauerem Hinsehen entdeckt man Gesichter, geometrische und menschliche Figuren sowie Gebäude.

Beim Betrachten der vielen Gemälde fällt auf, dass sie teilweise so unterschiedlich sind, dass sie von mehreren Künstlern stammten könnten, die alle ihren unverwechselbaren, eigenen, geheimnisvollen Stil haben. – Wie entstehen Bilder, die einen eher „wilden“ Eindruck machen? Bei diesen Werken bewegt sich meine Hand sehr schnell. Der unbewusste Antrieb kommt von innen und dieser Antrieb ist bis zum Ende der Arbeit vorhanden. Während der Arbeit entdecke ich mich selbst. Würde ich nicht künstlerisch tätig sein, würde ich das alles nie entdecken. Vor diesem Hintergrund gehören Ausstellungen nicht zu meinen Prioritäten.

Text und Fotos:

Barbara Schumacher

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