Saudi-Arabien: Hussain Al Ismail

In der King Abdullah Street in Al Khobar, einer Stadt im Großraum Dammam/Dahran in der „Eastern Province“, der größten Provinz im Osten des Landes, fällt wegen des kunstvollen Designs ein Gebäude ins Auge: „Desert Design“ im Besitz von Farid Bukhari ist ein wie ein Museum für Kunst und Kunsthandwerk anmutendes Geschäftfür alle Art geschmackvoller, authentischer Gegenstände wie Teppiche, Möbel, Gemälde und Kunsthandwerk der verschiedenen Stämme. Eine Freitreppe führt ins Obergeschoss, in dem eine Überraschung wartet: Hier befindet sich die Desert Design Art Gallery, die einzige Kunstgalerie der Eastern Province und sie wird von dem intellektuellen Künstler Hussain Al Ismail geleitet – ein Vertreter der „jungen Wilden“ in der saudischen Kunstszene.

Die Desert Design Art Gallery

Farid Bukhari (Sunnit) und Hussain Al Ismail (Schiit) verstehen sich bestens. Die Eastern Province ist bekannt dafür, dass eine schiitische Minderheit hier seit vielen Jahren unter der Mehrheit der sunnitischen saudischen Bevölkerung zu Hause ist (vor allem im Großraum Dammam) – es herrscht friedliche Koexistenz. In der Galerie findet gerade eine Kunstausstellung von Künstlern aus Qatif (nördlich von Dammam) mit naiver Malerei traditioneller Szenen statt. An einem langen Tisch sitzen 10 junge Frauen vor ihren Malblocks – sie üben sich im Rahmen eines Workshops in Aquarellen, angeleitet von einem Künstler aus Qatif, der zu der dortigen „Künstlerkolonie“ gehört.

Anfänge in der Porträtmalerei

Selbstverständlich hängen auch Werke von Hussain Al Ismail in der Galerie, es sind vorrangig gut gelungene Arbeiten aus seiner Phase der realistischen Portraitmalerei. Beim Tee erzählt Hussain: „Ich wurde 1988 in Al Ahsa, in der Palmenoase von Al Hofuf, ca. 130 km südwestlich von Al Khobar, geboren, lebe und arbeite jetzt in Al Khobar. Meine erste Gruppenausstellung hatte ich 2009 in Al Ahsa, das war der Beginn meiner künstlerischen Karriere. Danach habe ich mehrfach in Dammam, Qatif, Riyadh, Al Khobar und Kuwait ausgestellt. 2011 waren meine Werke beim Shobak Festival im Rahmen von Edge of Arabia in London dabei. Viermal wurde ich für meine Arbeiten anlässlich von Fachkonferenzen von verschiedenen Ministerien in Saudi Arabien ausgezeichnet. 2011 nahm ich am „Artist in Residence Program“ der Crossway Foundation in London teil und 2014 beim British Council in Jeddah.“

Die Ausstellung „Rahmen“ (Etar)

Besonders stolz ist er auf seine beiden Einzelausstellungen zum Thema „Rahmen“ (Etar) (s. Youtube) – 2013 in der Kunstgesellschaft Dammam und im April 2014 in der Kunstgalerie von Desert Design. Das Thema macht neugierig, denn schließlich ist es auf den ersten Blick trivial, da jeder Maler für seine Werke Rahmen braucht. Hussain hat sich dieses Themas in vielfältiger Weise angenommen und eine in jeder Hinsicht erstaunliche Ausstellung zusammengestellt, in der er verschiedene gesellschaftliche Aspekte des Landes thematisiert – in über 80 Werken verschiedener Techniken, wie z. B. Installationen, expressiven surrealistischen Skizzen, abstrakten Gemälden, Kunstfotografien, live performances mit Musik und sich bewegenden Schauspielern und kurzen Videos. „Als ich mir das Ausstellungsthema überlegt habe, wollte ich so nah wie möglich an meiner gesellschaftlichen Umwelt sein. Wir alle erleben ähnliche Situationen und machen ähnliche Erfahrungen, insbesondere als Araber, Saudis und Muslime. Es ist wundervoll zu sehen, was ein Rahmen bewirkt. Wenn die Leinwand auf Keilrahmen aufgezogen ist, reicht das vielen Künstlern: Man kann das Bild aufhängen, es sieht ästhetisch akzeptabel aus. Für mich müssen allerdings alle Bilder „richtig“ gerahmt sein.“ Ein Teil der Ausstellung dreht sich um Rahmen: als „lebendiger“ Mittelpunkt und „Partner“ für Musiker und Schauspieler.

Kunst als dokumentarischer Status

Hussain will mit seiner Kunst bestimmte Situationen darstellen und betrachtet Kunst als wichtigen dokumentarischen Status: „Die Welt befindet sich in einem sowohl interessanten als auch beängstigenden Wandel, die rasante technische Entwicklung und der Siegeszug der sozialen Medien ermöglichen es, stets auf dem neuesten Stand zu sein. Ich selbst bin davon betroffen und daher finden diese Themen auch Eingang in meine Kunst, ich kann z. B. im Rahmen bleiben oder aus dem Rahmen fallen …“ Viele seiner Werke sind erklärungsbedürftig, besonders für Menschen aus anderen Kulturkreisen. Gefragt nach der Bedeutung einer kreisrunden Sandfläche innerhalb eines leeren Rahmens erklärt er: „In der vorrangig sunnitischen saudischen Gesellschaft sind Schiiten eine Minderheit. Ich finde es seltsam, dass wir zwar dieselben religiösen Riten pflegen, uns aber über zweitrangige Differenzen streiten, wie z. B. den Wüstensand, der die Stirn der Schiiten beim Gebet berührt.“ Neben religiösen Themen weckte die Ausstellung das Interesse beider Geschlechter, indem gesellschaftliche Aspekte wie Heirat, Wohnungssuche, hohe Grundstückskosten und Arbeitslosigkeit künstlerisch verarbeitet wurden – auch im Rahmen von Performances, an denen Schauspieler mitwirkten.

Vom Ingenieur zum Künstler

Hussain hat den Master im Ingenieurswesen, aber seit er an der Uni dem Theaterclub beitrat und selbst 2010 einen Kunstclub gründete, begann sich die Waage seiner Interessen mehr in Richtung Kunst zu neigen und er bemühte sich um ein Stipendium für ein Kunststudium im Ausland. „Derzeit arbeite ich an meiner künstlerischen Perfektion und ich muss zugeben, dass die Ausstellung Resultat von Isolation und alles andere als Ergebnis von Wohlbefinden war. Einige Werke konnte ich nur mit Hilfe von Freunden fertig stellen. Rückblickend muss ich sagen, dass meine Kunstreise nach England (London und Cornwall) mein Leben verändert hat. In England erlebte ich, wie man Kunst präsentiert und traf eine große Zahl professioneller Künstler und Galeristen der Gruppe Edge of Arabia. Ich war schon früher in Realismus, abstrakter Kunst und im Bereich Karikaturen zu Hause, aber nach dem Aufenthalt in England wurde ich immer zuversichtlicher, etwas ganz anderes schaffen zu können. Dies kommt in der Ausstellung zur Geltung in der Mischung von realer, abstrakter und expressionistischer Kunst, Fotokunst und Performance. Einige meiner Werke sind in Jeddah und gerade habe ich eine Auftragsarbeit für das Cover eines Buches der Autorin Buthainah Al Essa fertig gestellt. Für die Zukunft wünsche ich mir Ausstellungen meiner Werke in Paris, Berlin, London, Dubai und Doha.“

Internet: www.hussainalismail.com

Text: Barbara Schumacher

Fotos: Barbara Schumacher und Hussain Al Ismail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.