Saudi-Arabien: Lubna Bahidarah

In Saudi-Arabien gibt es nicht viele Künstlerinnen, die mit ihrer Kunst Geld verdienen. Eine solche Künstlerin würde man eher im kosmopolitischen Jeddah vermuten, weniger in Dammam, einer Stadt, die zwar auch über eine attraktive Corniche verfügt, in der jedoch Kunst bis vor einigen Jahren kaum eine Rolle spielte.

Dammam – lange kein Ambiente für Kunstschaffende

Als Anfang der 1930-er Jahre hier Erdöl entdeckt wurde, kamen viele Saudis nach Dammam wegen wachsenden Wohlstands und lukrativer Jobs. Später kamen touristische Attraktionen und Infrastruktur wie Coral Island, ein Museum, die Saudi Railway Organisation (die für eine Zug-Verbindung nach Riyadh sorgte) und der viel befahrende King Fahd Causeway (30 Minuten nach Bahrain) dazu. In Qatar und Kuwait ist man jeweils in drei Stunden. Dammam ist die Stadt vieler Premieren: erste Stadt mit Elektrizität, erste Druckerei – wichtig für die aufstrebenden Bildungsbemühungen und den wachsenden Bedarf nach Büchern. „Journal of New Thought“ war die erste Zeitschrift. Beim Thema Kunst wird man bis heute kaum fündig. Entwicklungen zum Positiven sind jedoch im Gange.

Einladung zum Lunch

Lubna Bahidarah hat zum späten Mittagessen eingeladen. Ihr Haus liegt in einem eleganten Wohnviertel von Dammam und Ehemann Mohammed öffnet das schwere, schmiedeeiserne Tor. Eine Freiluftterrasse führt zum Eingang des palastähnlichen Hauses. In der geöffneten Tür warten schon Lubna und die drei Kinder – Aycha (13), Fatima (11) und Ahmed (8) – auf den Besuch, der sogleich mit Datteln und Kaffee bewirtet wird. Mohammed erzählt, dass er als Lehrer Arabisch unterrichtet. Er sammelt alte Dokumente, Münzen und Banknoten sowie Antiquitäten, mit denen das Haus dekoriert ist. Besonders stolz ist zeigt er den noch recht gut erhaltenen Reisepass seiner Großmutter aus dem Jahr 1936 – in Englisch und Arabisch.

Künstlerin in einer glücklichen Familie

Der herzliche Empfang, die Unkompliziertheit der Gastgeber, die Gastfreundschaft, die interessierten Kinder, die sich ohne Scheu gleich ganz nah zum Besuch auf das Sofa setzen und viele Fragen stellen, sind unvergesslich. Als Besucher aus einem völlig anderen Kulturkreis fühlt man sich wie ein Familienmitglied. Die junge, offenbar glückliche Familie strahlt Niveau, Zufriedenheit, Weltoffenheit und Kreativität aus. Das künstlerische Ambiente des Hauses ist unübersehbar: Die Wände hängen voller Gemälde aus vielen Schaffensperioden der Künstlerin. Lubna ist mit der Vorbereitung des Mittagessens beschäftigt, also bekommt Tochter Aycha den „Auftrag“, dem Gast alle Gemälde und Collagen zu zeigen, die sich auf drei Etagen befinden, nicht zu vergessen dezent bemalte alte Holztüren im Gewächshaus. Aycha spricht perfekt Englisch und kennt sich aus. Es stellt sich heraus, dass die Kinder in der Schule in Kunst unterrichtet werden und als das Gespräch auf den Kunstunterricht kommt, zeigen sie ihre Zeichenblöcke: Das künstlerische Talent der Mutter haben sie geerbt.

Das Werk von Lubna Bahidarah

Auf die verschiedenen Maltechniken, Motive und Kunstrichtungen angesprochen, erzählt Lubna: „Ich habe schon als Kind mit dem Malen begonnen. Früher wie heute bedeutet mir die Malerei sehr viel. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Maltechniken ausprobiert, heute konzentriere ich mich auf Öl oder Acryl auf Leinwand oder Holz, am liebsten male ich mit Acryl auf Holz. Früher habe ich viele Kalligrafie-Arbeiten geschaffen, und wie bei anderen Künstlern ist auch bei mir die Entwicklung von real zu abstrakt nicht zu leugnen. Die besonderen Charaktere von Menschen sind mir wichtig, gern male ich Portraits.“ Auf die Bemerkung, dass ihre neuen Werke an Andy Warhol und seine Pop Art erinnern, meint sie: „Das ist eine Malrichtung, die mich derzeit sehr stark beschäftigt, auch bei Comics finden sich Anklänge. Ich finde diese Malrichtung gut geeignet für großformatige Auftragsarbeiten im öffentlichen Bereich und werde mich diesem Thema in Zukunft weiter widmen.“ Tatsächlich hat sie jedoch ihren ganz eigenen Stil entwickelt und der kommt offenbar an, denn an Aufträgen mangelt es nicht. Fertige Werke stehen abholbereit an der Haustür.

Ausstellungen und Öffentlichkeitsarbeit

Lubna Bahidarah hatte bisher Ausstellungen im eigenen Land und zusätzlich sind ihre Werke jedes Jahr in Abu Dhabi zu sehen. „Ich bin Mitglied der Saudi Art Association, die daran arbeitet, die bisher noch überschaubare Zahl von Künstlern und Kunstgalerien im Königreich zusammenzubringen, um als Fernziel eine Kunstmesse nach dem Vorbild der Art Dubai zu organisieren. Immerhin ist es bereits gelungen, die „Jeddah Art Week“ zu etablieren. – Die saudischen Medien zeigen großes Interesse an meiner Arbeit. Zeitungen haben schon vor längerer Zeit mit Interviews begonnen und bereits mehrfach war das Fernsehen hier, wobei die Redakteure und Kameraleute sich nicht nur für meine Kunst sondern gleich für meine ganze Familie interessiert haben und so waren wir dann auch alle im TV zu sehen.“ Das erklärt den wie selbstverständlichen Umgang der gesamten Familie mit den Medien bzw. Besuchern aller Art. Nach Kontakt zu einer professionellen Kunstgalerie gefragt meint sie: „Kunstgalerien in Dammam und Umgebung sind sehr rar, bessere Möglichkeiten bestehen in Jeddah und Riyadh. Bisher konnte ich mich nicht dazu entschließen, mich von einer Kunstgalerie vertreten zu lassen. Ein Grund sind die vielen Auftragsarbeiten, die ich bekomme und außerdem habe ich die Idee, meine eigene Kunstgalerie zu eröffnen – gleich neben unserem Haus ist der notwendige Platz dafür vorhanden.“

Lubna’s Kunst im „Airport Restaurant“

Kurz vor dem Abschied hat Ehemann Mohammed einen Tipp parat: „Wenn Sie vor dem Abflug vom Internationalen Flughafen Dammam ein wenig Zeit haben, besuchen Sie doch das „Airport Restaurant“ des Flughafens und werfen einen Blick auf die Wände des Restaurants. Dort hängen Gemälde von Lubna und weitere werden hinzukommen. Das Restaurant ist rund um die Uhr geöffnet.“ Wer würde sich das entgehen lassen! Das große Restaurant ist schnell gefunden und der zufällig anwesende Restaurantmanager wundert sich zwar zunächst ein wenig über den Wunsch eines europäischen Fluggastes, die bereits beim Betreten des Restaurants ins Auge fallenden Gemälde betrachten zu wollen, ist aber dann begeistert von der Idee und kann es kaum fassen, dass sich die westliche Besucherin für Kunst einer einheimischen Künstlerin interessiert und diese sogar noch persönlich kennt.

Von Vision zu Wirklichkeit

„Das Restaurant ist relativ neu und ich wollte für unsere Kunden ein ganz besonderes Ambiente schaffen. Also hatte ich die Idee, anstatt der sonst oft üblichen Wandbehänge oder Kunstdrucke die Wände mit echten Gemälden zu schmücken – und es sollten Gemälde eines einheimischen Künstlers der Gegend sein. Das erschien zunächst fast unmöglich. Mit den Werken von Lubna Bahidarah wurde meine Vision wahr, denn sie versteht es in perfekter Weise, die Themen „Restaurant, Speisen, Servieren etc.“ künstlerisch umzusetzen. Die Bilder kommen bei den Gästen aus aller Welt sehr gut an. Der Stil ist in gewisser Weise international und sowohl die Maltechnik – Acryl auf Holz – als auch die Farben und die großen Formate kommen hier bestens zur Geltung. Unser Vertrag sieht vor, dass Lubna Bahidarah weitere Werke kreiert, dafür ist noch viel Platz an den Wänden.“

Text und Fotos: Barbara Schumacher

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