Zum Tod von Assia Djebar – Französische Schriftstellerin und arabische Intellektuelle

Bereits vor 4 Wochen verstarb die algerische Schriftstellerin und Filmemacherin Assia Djebar im Alter von 78 Jahren in Paris. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir hier einen Artikel, der bereits  2007 in der Al-Maqam, Zeitschrift für arabische Kunst und Kultur, erschien.

Schreiben gegen das “große Schweigen“

 

Was das Schreiben für Assia Djebar bedeutet? „Schreiben ist ein Tanz mit Phantomen. Solange ich lebe, durchströmt mich das Bedürfnis zu erzählen als einziger Antrieb. Es ist nicht einmal mehr die Sprache, sie könnte formlos werden, oder, warum nicht, eine Zeichensprache für Taubstumme: Der rote Faden der Erzählung hält mich aufrecht, der Wille, etwas zu sagen oder der ungebärdige Wunsch, nicht zu vergessen; manche würden sagen, der Stahl des Widerstands. Es gibt etwas, kaum sichtbar, ungreifbar und für die Tagesaktualität uninteressant – mir scheint, dass dieses Etwas mir Kraft gibt: die klare, zerbrechliche Kraft des Schreibens. Oder, in meinem Fall, das noch unerkannte, lastende Schweigen der Musliminnen, das vor diesem Schreiben liegt.“

Nach der Lektüre einiger ihrer Bücher hatte ich das Glück, Assia Djebar, die Grande Dame der algerischen Literatur, während der Frankfurter Buchmesse (2004) life zu erleben und ein kurzes Gespräch mit ihr zu führen.

Einsatz für Frieden und Frauen

Assia Djebar ist bekannt als engagierte Schriftstellerin, Journalistin , Frauenrechtlerin, Lektorin, Universitätsdozentin, Regisseurin und Mitglied der Académie Française. Unermüdlich hat sie die heroischen, revolutionären, algerischen Frauen in ihrem Kampf für die Befreiung von der Kolonialherrschaft bis zur Erlangung der Unabhängigkeit – selbst voller Mut und Mut machend – unterstützt. Zweimal trat Assia Djebar, die man als die bedeutendste Schriftstellerin des Maghreb bezeichnet, in Deutschland auf: Im Jahr 2000 bekam sie als erste Schriftstellerin der Arabischen Welt den seit 1950 existierenden, jährlich verliehenen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Die algerische Schriftstellerin wurde mit diesem Preis dafür geehrt, dass sie „dem Maghreb in der zeitgenössischen europäischen Literatur eine eindringliche Stimme gegeben hat.“ In der Verleihungs-Urkunde heißt es: „Sie hat in ihrem Werk ein Zeichen der Hoffnung gesetzt für die demokratische Erneuerung Algeriens, für den inneren Frieden in der Heimat und für die Verständigung zwischen den Kulturen. Den vielfältigen Wurzeln ihrer Kultur verpflichtet, hat Assia Djebar einen wichtigen Beitrag zu einem neuen Selbstbewusstsein der Frauen in der Arabischen Welt geleistet.“ Vier Jahre später konnte man sie bei der Frankfurter Buchmesse erleben, als die Arabische Welt Gastland war.

Vom Vater gefördert

Assia Djebar wurde 1936 in der algerischen Küstenstadt Cherchell (das antike Césarée), etwa 95 km westlich von Algier, geboren. Ab 1942 war die Stadt, die wegen ihrer römischen Geschichte und noch gut erhaltener, römischer Bauwerke interessant ist, Sitz der französischen Offiziersschule. Heute leben in Cherchell viele Künstler und Musiker in der Tradition arabisch-andalusischer Musik. Besucher zieht es hierher wegen der historischen Museen, des Fischereihafens und der schönen Strände. Der Weg der Fatima-Zohra Imalayène, wie der Geburtsname von Assia Djebar lautet, führt nach dem Besuch von Koranschule, französischer Grundschule (an der ihr Vater, der zu den ersten Französisch-Lehrern Algeriens gehörte, arbeitete) und Gymnasium 1952 zum Abitur und ein Jahr später zum Studium nach Algier und Paris. Als Kind wuchs sie im arabischen Algerien mit dem Berber-Dialekt ihrer Mutter auf. Dank ihres strengen, aber liebevollen Vaters durfte sie die Schule besuchen, damals für Mädchen keine Selbstverständlichkeit. Er war es auch, der ihr das Geschichtsstudium in Frankreich erlaubte. Sicherlich hat er einen großen Einfluss auf ihre Liebe zur französischen Sprache gehabt, der Sprache, in der sämtliche Werke entstanden.1954 erlebte sie den Beginn des algerischen Befreiungskrieges. Als erste Algerierin erhielt sie kurz darauf die Zulassung für die Eliteschule École Normale Supérieure von Sèvres. 1956 streikte sie mit ihren Kommilitonen für den algerischen Befreiungskampf und schrieb ihren ersten Roman „La soif“ (der Durst), der 1957 unter ihrem Pseudonym Assia Djebar erschien. Es dauerte 36 Jahre, bis dieses Buch in deutscher Sprache herauskam – unter dem Titel „Die Zweifelnden“. Das wechselvolle Schicksal der Familie prägte ihr Leben und ihre Arbeit: Ihr in Algerien verhafteter Bruder geriet in französische Gefangenschaft, ihr Mann lebte im Untergrund. Als er nach Tunis ging, folgte sie ihm, nach 17 Jahren Ehe erfolgte 1975 die Scheidung. Sie heiratete 1980 zum zweiten Mal – den algerischen Schriftsteller Malek Alloula. Das Paar lebte seither vorwiegend in Paris.

Schreiben – forschen – filmen

Der zweite Roman erschien 1958 unter dem Titel „Les Impatients“ (dt. „Die Ungeduldigen“, 2000). Bis zur Unabhängigkeit Algerien 1962 arbeitete sie ab 1959 in Marokko als Universitätsassistentin für nordafrikanische Geschichte, schrieb ein Theaterstück, den Roman „Les enfants du nouveau monde“ (Die Kinder der neuen Welt) und wurde 1962 Lektorin für nordafrikanische Geschichte an der Universität in Algier. Zwischen 1965 und 1974 hielt sie sich mehrfach in Paris auf, arbeitete am Theater, veröffentlichte einen weiteren Roman und 1969 eine Sammlung von Gedichten unter dem Titel „Poèmes pour l’Algérie heureuse“ (Gedichte für das glückliche Algerien). Nach ihrer Rückkehr nach Algier lehrte sie dort 1974 Theaterwissenschaften an der Universität. Die folgenden vier Jahre standen im Zeichen ausführlicher historischer Forschungen über Familien- und Frauenbiografien und langen Aufenthalten beim Stamm der Beni Menacer, dem ihre Mutter angehörte. Ihre Forschungen mündeten in einen Film über Berberfrauen. 1979 erhielt dieser Film den Preis der Internationalen Kritik auf der Biennale von Venedig. Dieser ersten Auszeichnung folgten weitere, wie z. B. 1995 die Auszeichnung in Belgien mit dem Prix Maeterlinck für ihre Verdienste um die frankophone Kultur, ein Jahr später der bedeutendste Literaturpreis der USA, 1998 der Literaturpreis der Stadt Palmi in Italien für ihr Gesamtwerk. 1980 wurden in Paris ihre Erzählungen „Femmes d’Alger dans leur appartement“ (dt. „Die Frauen von Algier“, 1994) veröffentlicht und zwei Jahre später wird ihr Film über den Maghreb gezeigt, der auf der Berlinale 1983 zu sehen ist.

Zu diesem Zeitpunkt begannen die Arbeiten an einer Tetralogie über Geschichte und Gegenwart des Maghreb. Der erste Teil „L’Amour, la fantasia“, erschien 1985 (dt. „Fantasia“, 1990), der zweite Teil „Ombre sultane“ kam 1987 auf den Büchermarkt (dt. „Die Schattenkönigin, 1988) und der dritte Teil „Vaste est la prison“ 1995 (dt. „Weit ist mein Gefängnis“, 1997). In diesem Roman erinnerte sie an die Wege ihrer Mutter. „Meine Mutter hat, bis sie fast vierzig war, als Städterin nach der Tradition gelebt. Kurz vor 1960 fand sie die Kraft, das Mittelmeer zu überqueren und durch ganz Frankreich zu reisen, um ihren Sohn zu suchen, von einem Gefängnis zum anderen, denn er war ein politischer Gefangener. Was diese Reisen an Kühnheit, an verschwiegenem Mut, an heimlicher Scham beinhalten mussten, zumal für eine Muslimin, wurde mir erst später klar.“

Zwischen 1991 und 1997 veröffentlichte sie weitere Bücher wie den Roman „Loin de Médine (dt.„Fern von Medina“, 1994), in dem es um die Frauen um den Propheten Mohammed geht mit der Botschaft: „Wir muslimische Frauen müssen als Haremsfrauen nicht alles ertragen, denn wir haben schon vor 1400 Jahren die Geschichte des Islam mitgestaltet und erfolgreich um unsere Rechte gekämpft.“ Es folgte die „Chronique d’un été algérien“ mit Fotografien bekannter Fotografen, „Le Blanc de l’Algérie“ (dt. „Weißes Algerien“, 1996), das preisgekrönte Werk „Oran, langue morte“, von dem es später auch eine Theaterfassung gab und „Les nuits de Strasbourg“ (dt. „Nächte in Straßburg“, 1999). Seit 1997 hatte Assia Djebar einen Lehrauftrag an der Louisiana State University in den USA. Ihre Bücher wurden nicht nur in die Deutsche sondern auch in die Arabische, Chinesische, Englische, Griechische, Italienische, Niederländische, Polnische, Portugiesische, Rumänische, Russische, Slowakische, Spanische und Türkische Sprache übersetzt.

Die Macht der Sprache

Versucht man, aus dem facettenreichen Werk der Autorin Schwerpunkte herauszuschälen, dann kommt man auf drei Themen: Ihre unglaubliche Wut über Gewalt und Terror, der unerschütterliche Glaube an die Macht des geschriebenen Wortes und die Notwendigkeit der Befreiung der muslimischen Frauen von Vorurteilen und Konventionen. Besonders eindringlich sind diese Themen in dem Buch „Weißes Algerien“ verdichtet. Die Waffe der Schriftstellerin Assia Djebar ist ihre Sprache. In dem Buch „Weißes Algerien“ schreibt sie hinsichtlich des Themas der Sprache in der algerischen Literatur: „Die algerische Literatur hat sich unablässig in einem linguistischen Dreieck eingeschrieben.“ Gemeint ist das Lybisch-Berberische, ihre Muttersprache, in der sie jedoch nicht schreiben kann, das Arabische, das während der Kolonialherrschaft vom Französischen verdrängt wurde und das Französische, das heute zurückgedrängt wird – Beweis für den Sieg der jeweiligen Sprache je nach der regierenden Macht. Die tatsächliche Anwendung jeder der drei Sprachen gegenüber verschiedenen Menschen und in unterschiedlichen Situationen empfindet Assia Djebar so, als würde sie in eine jeweils andere Rolle schlüpfen: die Arabisch sprechende Assia Djebar liebt, leidet und betet, Französisch ist die Sprache ihres Denkens und Schreibens, das Berberische ist die Sprache der Unbeugsamkeit, die Sprache Antineas, der Königin der Tuareg, bei denen lange das Matriarchat herrschte, die Sprache des Widerstandsgeistes (schon gegen den römischen Imperialismus), der sie zu vielen Dingen „Nein“ sagen lässt: zur Übermacht von Staat und Religion und zur Unterdrückung der Frauen.

Gegen die Unterdrückung der Frauen

In ihrer großartigen Rede bei der Verleihung des Friedenspreises geht Assia Djebar auf die Sprachenproblematik ein und auf einige ihrer Werke: „Das Buch „Fantasia“ ist eine doppelte Autobiografie, in der die französische Sprache zur Hauptfigur wird, in einer unerwarteten Personifikation, die mir erst später bewusst wurde. Ich rief die vergessenen Szenen der Kämpfe zwischen Algeriern und Franzosen wieder wach, legte daneben Splitter aus meiner Kindheit, in denen die französischen Wörter bis in die Harems schlüpfen, wie Strahlen des Lichts und der Revolte. Hatte ich das gegenwärtige Ersticken der Frauen spürbar gemacht, das noch langsamer, noch Unheil bringender war als das buchstäbliche Ausräuchern der rebellierenden Stämme in ihren Zufluchtshöhlen in den Bergen rund um meine Stadt, das einst von den Eroberern verfügt wurde? Ich muss auf alle Fragen antworten, wiederholte ich mir. Oder wenigstens ihr Bedrängendes zum Ausdruck bringen: für mich, für die Frauen, die wie ich hatten fortgehen müssen, um Sauerstoff zum Leben zu haben – aber auch für die anderen Frauen, die Schweigenden, die Gedemütigten, die mit verglühtem Herzen gestorben waren, da sie um die Erniedrigung wussten.“

Die im Text genannten deutschsprachigen Bücher von Assia Djebar sind beim Unionsverlag, Zürich erschienen www.unionsverlag.ch

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Text und Foto: Barbara Schumacher

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