Jordanien: Kunstszene in Amman

Die Hauptstadt des haschemitischen Königreichs pflegt eine lange Tradition, wenn es um Kunst geht. Die Nationalgalerie und professionelle Kunstgalerien wetteifern um die Gunst der Besucher. Vernissagen sind seit Jahren Medienereignisse, über die auch die englischsprachige Tageszeitung Jordan Times regelmäßig ausführlich berichtet.

Zentrum der Kunst: Jordan National Gallery of Fine Arts

Hauptattraktion ist die 1980 gegründete renommierte Nationalgalerie dank ihrer engagierten Präsidentin Prinzessin Wijdan. Hier gibt es permanente und wechselnde Ausstellungen zu sehen. Die bisher spektakulärste war 2013 „70 Years of Contemporary Jordanian Art“ – Generaldirektor Dr. Khalid Khreis hat für Interessierte den ausführlichen Katalog parat. Großen Eindruck machten die Künstlerinnen und das vielfach variierte Malmotiv „Frauen“.

Hilda Hiary: Gemälde für die Nationalgalerie

Hilda Hiary, Foto: © Barbara Schumacher
Hilda Hiary, Foto: © Barbara Schumacher

Wenn die Nationalgalerie etwas Neues für die zahlreichen Ausstellungen präsentieren möchte, dann wird gern Hilda Hiary angesprochen. Die 1969 in Amman geborene Künstlerin ist bekannt für ihre Experimentierfreude und außerdem lohnen sich solche Aktionen auch finanziell: „Die meisten meiner Werke werden im Anschluss an Ausstellungen vom Museum für die permanente Gemäldekollektion erworben, etwa 20 großformatige Werke (2x2m) befinden sich bereits dort,“ so die Künstlerin. In ihrem Appartement mit zwei großen Terrassen in einer gepflegten Wohngegend der jordanischen Hauptstadt ist das Atelier untergebracht und die Wände aller Räume sind mit ihren Gemälden geschmückt. „Ich habe an der University of Jordan 1990 meinen Bachelor in Politischen Wissenschaften und Soziologie gemacht, für Malerei interessiere ich mich schon seit meiner Kindheit und daher machte ich noch zusätzlich einen Bachelor Abschluss in Kunst. An der Uni fanden meine ersten Ausstellungen ab 1988 statt,“ so die Künstlerin, Angehörige verschiedener Kunst- und Kulturvereine und Vorstandsmitglied der Jordanian Plastic Art Association.

Von Amsterdam bis New York

Hilda Hiary ist mit ihren Werken bei internationalen Auktionen vertreten, sie hatte viele Gruppen-Ausstellungen in der arabischen Welt, Asien und Europa und nahm an mehreren Biennalen teil. „Als Amman im Jahr 2002 Kulturhauptstadt war, habe ich ein 150 m langes Wandgemälde angefertigt. In den letzten Jahren mehren sich die Soloausstellungen. Meine Werke waren auch auf der Middle East Art in Amsterdam im April 2014 zu sehen.“ Ihre Videoinstallation „I was born here“ schaffte es sogar nach New York. „Seit dem Jahr 2006 bin ich in meiner Kunst auch durch politisch motivierte Arbeiten tätig und engagiere mich für den Frieden. Als die Situation in Syrien eskalierte, war ich so schockiert, dass ich Gemälde für mehrere Ausstellungen zum Thema der Gräueltaten und der Flüchtlingsproblematik schuf. Ich gehe in die Flüchtlingslager und versuche, vor allem Frauen und Kindern zu helfen. Die Situation wirkt auf mich dauerhaft deprimierend.“ Die Eindringlichkeit und Aussagekraft ihrer Werke hat das Stedelijk Museum of Contemporary Art in Amsterdam zum Kauf ihrer Gemälde bewegt. Auf die Frage nach einer besonders aktiven Kunstgalerie in Amman empfiehlt sie die Nabad Art Gallery unweit der beliebten Rainbow Street.

Trendsetter: Nabad Art Gallery

Direktorin Nadia Zacharia (Mitte), Foto: © Barbara Schumacher
Direktorin Nadia Zacharia (Mitte), Foto: © Barbara Schumacher

Seit der Gründung im Jahr 2008 haben Etablierte und Nachwuchskünstler aus Jordanien und anderen Ländern der arabischen Welt hier ausgestellt. Die Vernissagen, kulturellen Veranstaltungen wie Vorträge und Buchsignierstunden sind ein gesellschaftliches Ereignis und das kundige Publikum gefällt sich im Dialog mit den internationalen Künstlern. Von der Terrasse der Galerie überblickt man einen Teil der Stadt mit Zitadelle. „Die Galerie ist in einer renovierten Villa aus den 1930-er Jahren untergebracht. Besonders hat mir die Lage gefallen, denn sie liegt mitten im historischen Viertel Jabal Amman. In den letzten Jahren hat sich dieses Viertel zu einer Art Kulturdrehscheibe Ammans entwickelt,“ so die Galeriedirektorin Nadia Zacharia. „Ich organisiere pro Jahr mindestens neun Gruppen- und Soloausstellungen und seit 2010 gibt es zusätzlich jährlich eine ganz spezielle „Trendsetting“ Ausstellung, die dazu dient, kreative jordanische Künstler, Architekten und Designer bekannt zu machen.“ Die Galerie ist auch Plattform für talentierte Studierende der Kunst und Studienabsolventen. Sehenswert ist die permanente Ausstellung von Gemälden, Kunstfotografie und Skulpturen, die sich im Besitz der Galerie befinden. Gern werden „gemischte“ Präsentationen verschiedener Disziplinen, wie z. B. Malerei und Bildhauerei organisiert, wie z. B. die Ausstellung „Topographies“ mit Architekturgemälden von Dina Haddadin und Stein-Skulpturen von Ikhbal Shukri-Tannir. Zur Vernissage kamen viele Prominente, auch aus dem Königshaus.

Stiftung Darat Al Funun

Die Khalid Shoman Foundation – Darat Al Funun, in spektakulärer Hanglage, untergebracht in drei Gebäuden aus den 1920-er Jahren, auf dem Gelände der archäologischen Überreste einer byzantinischen Kirche aus dem 6. Jh. mit atemberaubendem Blick über das ursprüngliche Amman sollte man nicht versäumen. Suha Shoman, Witwe des verstorbenen Stifters, die sich mit Video-Kunst einen Namen machte, zieht es nach Petra: „Ich will mich nach Petra zurückziehen und dort neue Kraft schöpfen,“ meint die Künstlerin vor dem Portrait des Stifters, einem bekannten Bankier. Gefragt nach einer der interessantesten Ausstellungen im Haus meint sie: „Das war „Discoveries in Beidha, Scrolls of Petra und Safaitic Stones“ mit Skulpturen, Steinen mit nabatäischen Gravuren und einigen der berühmten, verkohlten, aber lesbaren Papyrusrollen, die in den 1990-er Jahren in der Byzantinischen Kirche mit den Mosaiken in Petra von amerikanischen Archäologen entdeckt wurden. Insgesamt umfasst die Entdeckung 152 Papyri, datiert von 528 bis ca. 578 n. Chr. Die Papyri enthalten Informationen zum sozialen und ökonomischen Leben in der Nabatäerstadt. Die Entdeckung war eine Sensation, weil man bis dahin angenommen hatte, dass es ein byzantinisches Petra nicht gegeben hat.“ Im Bereich der Gemäldeausstellung ist Hakim Jamain’s Kunstgrafik unter dem Titel „Salz des Südens“ zu sehen. – „Petra ist meine Liebe,“ so der jordanische Künstler über die Nabatäerstadt. „Wenn ich in Petra bin und dort male, erfinde ich neue Methoden und bei der Betrachtung der Felsen kommen mir neue Ideen. Ich setze mich in die Natur, höre den Vögeln zu, lasse die Stille auf mich wirken und male im Stil einer Art Symbolismus, den ich in Petra überall sehe – auf den Felsen, im Sand und wenn ein Beduine auf einem Kamel reitet.“

Schwelgen in Erinnerungen: Orfali Art Center

Widad Al Orfali, Foto: © Orfali Art Gallery
Widad Al Orfali, Foto: © Orfali Art Gallery

Sehr zu empfehlen ist schließlich die Gemäldegalerie des Orfali Art Center im Stadtteil Sweifiyya. Besonderheit ist eine ständige Ausstellung irakischer Künstler, denen sich die Galerie-Besitzerin, Inaam Al Orfali, Cousine der international bekannten irakischen Malerin Widad Al Orfali, die heute in Amman lebt, besonders widmet. In einem abgetrennten großen Raum sind Gemälde von Widad Al Orfali zu sehen, darunter ihre bekanntesten Motive: Traumlandschaften einer längst vergangenen Zeit in ihrer Heimat Irak, als hier noch Frieden herrschte und sie in Bagdad ihre legendären Salons abhielt: Jede Woche war ihr Haus Treffpunkt für Intellektuelle, Maler, Bildhauer, Musiker, Dichter und Schriftsteller.

Text: Barbara Schumacher, Fotos: Schumacher und Orfali Art Gallery

Infos:

Jordan National Gallery of Fine Arts

Nabad Art Gallery

Darat Al Funun

Orfali Art Center

Widad Al Orfali

s.a. Al-Maqam, Heft 2/2007, S. 37

 

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