Liberalismus und Peitschenhiebe in Saudi-Arabien

Weil er sagt, was er denkt, wurde der saudische Blogger Raif Badawi gleich zu mehreren Strafen verurteilt: zehn Jahre Haft, 1000 Peitschenhiebe und die Zahlung von umgerechnet 194.000 €. In einem Non-Profit-Projekt veröffentlichte der Ullstein-Verlag „die zentralen, verbotenen Texte“ sowie ein aktuelles Vorwort, „das Raif Badawi für dieses Buch über sein Leben im Gefängnis geschrieben hat.“ Das Buch vereint 14 kurze Texte, die mit Hilfe von Badawis Ehefrau Ensaf Haider ausgewählt wurden.

Was bewegt einen verheirateten Saudi und dreifachen Vater dazu, die Machthaber seines Landes in Frage zu stellen? Die Überzeugung, „dass sich etwas grundsätzlich in die falsche Richtung entwickelt“ und Mut zur Veränderung. Raif Muhammad Badawi wurde am 13. Januar 1984 im schiitisch geprägten Osten Saudi-Arabiens, in der Stadt Al-Khobar geboren. Die am persischen Golf gelegene Hafenstadt ist seit 1986 durch eine 25 km lange Brücke mit dem liberaleren Königreich Bahrain verbunden, dessen Bewohner zu mehr als zwei Dritteln Schiiten sind.

Geprägt durch den frühen Tod seiner Mutter und die „Liebeshochzeit“ im Jahr 2002 mit Ensaf Haider, gründete er sechs Jahre später „die Saudischen Liberalen“, ein Forum, das sich im Internet mit den religiösen und politischen Gegebenheiten in Saudi-Arabien auseinandersetzte. In der saudischen Ostprovinz Al-Sharqiyya verschärften sich ab 2009 die Spannungen zwischen der Regierung des Königreiches und den Schiiten. Im März 2011 mehrten sich auch in Bahrain Aufstände von Schiiten, woraufhin Saudi-Arabien dem Ersuchen der sunnitischen Regierung Bahrains entsprach und Truppen entsandte.

„Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, eine neue Lesart des Liberalismus in Saudi-Arabien zu finden und meinen Teil zur Aufklärung meiner Gesellschaft beizutragen. Ich habe versucht, die Mauern der Unwissenheit niederzureißen, die Heiligkeit des Klerus zu brechen, ein wenig Pluralismus zu verbreiten und Respekt vor Werten wie Ausdrucksfreiheit, Frauenrechten und den Rechten von Minderheiten und Mittellosen in Saudi-Arabien. Das war mein Leben, bevor ich im Jahr 2012 verhaftet wurde.“ Für seine Gedanken erhielt der Blogger am 9. Januar 2015 die ersten 50 von 1000 Peitschenhieben.

Badawi beschreibt in seinen Beiträgen das Leben in einem Land, das von und in der Vergangenheit lebt. Ungleichheit und Unfreiheit haben einen hohen Preis in einer globalisierten Welt, in der Wissen und Kreativität den Weg in die Zukunft ebnen. Die Veröffentlichung der Texte ist ein „Non-Profit-Projekt zugunsten des Autors“.

Raif Badawi: „1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke“
Herausgegeben von Constantin Schreiber, übersetzt von Sandra Hetzl
Ullstein Verlag, Berlin 2015, 64 S., ISBN-13 9783550081200

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