Buchbesprechung: Kafkaeskes über den Irak

Es ist für Unbeteiligte nur schwer vorstellbar, wie sich der Krieg auf das Zusammenleben und die Psyche von Menschen auswirkt. Die irakische Bevölkerung befindet sich seit dem Beginn des ersten Golfkrieges mit dem Iran im September 1980 in einer dunklen Zeit ohne Aussicht auf ein baldiges Ende der mörderischen Auseinandersetzungen. Hassan Blasim schreibt „andere Geschichten über den Irak“, so der Untertitel des Buches. Geschichten, die durchdrungen sind von der Flucht, vom Leben im Krieg und im Exil. Und vom Wahnsinn, der alle Protagonisten unweigerlich befällt. Dem „surrealen Inferno“ entkommt keiner. Überlebende, die selten lange genug weiterleben, berichten von einer düsteren und tödlichen Welt aus dem Universum von Hieronymus Bosch und HR Giger.

Die Akteure der 24 voneinander unabhängigen Kurzgeschichten verbindet die Ich-Perspektive, aus der heraus sie hoffnungslose Situationen beschreiben, in denen sie sich ohnmächtig wiederfinden. Der eine verhungert, eingeschlossen in einem Fass, ein anderer wird zusammen mit einem Mehlsack voller abgeschnittener Köpfe von einer extremistischen Gruppe zur nächsten für Videoaufnahmen weitergereicht. Wo die Augen aller „scharf wie Kameralinsen“ sind, endet die Liebe tödlich. Der Verrückte vom Freiheitsplatz, die Titelgeschichte des Buches, ist ein Ahnungsloser, der die aufkeimende Hoffnung auf eine bessere Zukunft unwiederbringlich auslöscht. Die vermeintliche Fahrt im LKW nach Berlin überlebt nur einer der 35 Flüchtlinge. Und der wird zum Wolf. Wer im gelobten Land ankommt, den holen Erinnerungen und Träume heim.  So auch Salim Abdulhussain, alias Carlos Fuente, der trotz vorbildlicher Integration in die finnische Gesellschaft kläglich scheitert.

Hassan Blasim wurde 1973 in Baghdad geboren. Er wuchs in Baghdad und Kirkuk in einem schiitisch geprägten Umfeld mit neun Geschwistern auf. Der Vater fiel 1989 im Krieg, als Blasim gerade einmal 16 Jahre alt war. Nach dem Abitur, seine Mutter war Analphabetin, studierte er an der Filmhochschule in Baghdad. Seine Beiträge zum Filmfestival der irakischen Kunstakademie erhielten mehrfach Auszeichnungen und Preise. Der sozialkritische Inhalt der Filme erregte allerdings auch das Interesse von Saddam Husseins Geheimpolizei. Todesdrohungen folgten.

1998 verließ er Baghdad und ging nach Sulaymaniah, Hauptstadt der gleichnamigen, an der Grenze zum Iran gelegenen kurdischen Provinz im Nordosten des Iraks. Zum Schutz seiner Familie führte der Filmemacher dort seine künstlerische Tätigkeit unter Pseudonym fort. Fortan drehte er unter dem Namen Ouzad Osman. Nach Fertigstellung des Films „Wounded Camera“, einem Drama aus dem Jahr 2000, begann seine Odyssee als illegaler Flüchtling. Sein Weg führte ihn über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn schließlich nach Finnland, wo er als anerkannter Asylant in der Universitätsstadt Tampere lebt. Neben verschiedenen Beiträgen für das finnische Fernsehen begann er zu schreiben. Die ersten Kurzgeschichten erschien im Jahr 2009. Für die zweite, 2013 erschienene Sammlung erhielt er den Foreign Fiction Price. Die Auszeichnung der britischen Tageszeitung The Independent stellt ihn in eine Reihe mit weltbekannten Autoren wie Orhan Pamuk, Milan Kundera und José Saramago. Derzeit arbeitet der irakische Filmemacher und Autor an einem Theaterstück zur Aufführung in Finnland.

„Jeder Flüchtling hat zwei Geschichten. Eine, die der Wirklichkeit entspricht und eine, die fürs Archiv gedacht ist, um als Flüchtling aus humanitären Gründen anerkannt zu werden. Beide Geschichten können sich bis zur Unkenntlichkeit vermischen.“ Flüchtlinge sind selten freiwillig auf der Flucht. Bei Hassan Blasim kommen sie fiktional zu Wort. Auch die, die den Weg erst gar nicht angetreten haben. Oder auf der Strecke geblieben sind. Und das sind die meisten, die im vermeintlich gelobten Land – und somit auch bei uns – gestrandet sind. Alle haben eine Geschichte. Wer sich einmischt, lernt sie kennen.

Hassan Blasim
Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten aus dem Irak
Verlag Antje Kunstmann, München 2015, 256 S.

Info

Hassan Blasim
arabische Originaltexte von Hassan Blasim
Blog von Hassan Blasim
Interview mit Nabil Elouahabi und Rashid Razaq über die Verfilmung der Kurzgeschichte „Die Alpträume des Carlos Fuentes“

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