Woher kommt der Ramadan (2) – Fasten im Koran

Unter der Aufsicht des Kalifen Uthman, des dritten Nachfolgers des Propheten, erfolgte im Jahr 651 die Redaktion einer erstmalig standardisierten Version des verschriftlichten Korans, von dem sofort Kopien für die Zentren des sich weiterhin rasant ausbreitenden Reiches angefertigt wurden. Die Vereinheitlichung war stets umstritten und ging mit der Vernichtung davon abweichender Versionen einher. Erst im 10. Jahrhundert kamen diakritische Zeichen zur Unterscheidung gleich aussehender Konsonanten und ihrer Vokalisation hinzu. Der Koran – wie er uns heute vorliegt – geht auf die Ausgabe der ägyptischen Al-Azhar Universität aus dem Jahr 1924 zurück.

Die 114 Suren des Korans liegen in zwei Kategorien vor. In modernen Ausgaben erfolgt die Unterteilung durch Nennung des Ortes ihrer Offenbarung – Mekka oder Medina – zu Beginn jeder einzelnen Sure. Nach dem Auszug aus Mekka etablierte sich die junge Gemeinde der Muslime in Medina und entwickelte sich zur dominierenden Gruppe. Ihr Anführer Mohammed beherrschte ein Gebiet, das die gesamte arabische Halbinsel umfasste. Über das Fasten als rein rituelle Praxis der einmonatigen Enthaltsamkeit geben nur die Verse der zweiten Sure Aufschluss, die unmittelbar um den Vers mit der einzigen Nennung des Ramadans (2:184) als Fastenmonat gruppiert sind.

Deren Bedeutung erscheint auf den ersten Blick klar und eindeutig zu sein. Der Koran setzt mit dem Fasten eine bereits bestehende Tradition fort und legt sie für Muslime nunmehr als verbindlich einzuhaltende religiöse Pflicht im Monat Ramadan fest. Die abgezählten Tage sind absehbar und beschränken sich insgesamt auf die Dauer eines Mondmonats. An der zentralen Stelle des koranischen Fastengebots wird allerdings bereits explizit darauf verwiesen, dass Ausnahmeregelungen und Ersatzleistungen für das Fasten bestehen. Kranke und Reisende können die Tage, an denen sie im Ramadan nicht zum Fasten in der Lage sind, verschieben und nachholen oder sich mit der Speisung eines Armen sogar vollständig von der verbliebenen Pflicht befreien. Zu Fasten sei aber besser, was sich denen erschließe, die es begreifen. Die Übergangszeit zwischen Tag und Nacht trennt das Fasten vom Fastenbrechen, zu dem neben Essen und Trinken auch sexuelle Aktivitäten zählen. Da Letzteres hinzukommt, erweitert sich der Aspekt des Fastens auf Enthaltsamkeit.

Bei näherer Betrachtung der Verse stellen sich die Fragen, wer und was ist krank? Das arabische Adjektiv mareedh wird heutzutage auch mit „unwohl“ und „unpässlich“ übersetzt. Die Frage beantwortet der Koran allumfassend und zeitlos dahingehend, dass die als Ersatz auferlegte Speisung eines Armen von denen geleistet werden kann, denen das Fasten schwer fällt. Stillende und Schwangere ernähren bereits mindestens ein Kind. Das Fasten menstruell vermeintlich „unpässlicher“ Frauen hingegen – die alles andere als krank sind – findet traditionell keine Anerkennung unter islamischen Gelehrten. Wer ist unterwegs und auf Reisen? Auch diese Frage lässt sich ebenfalls damit lösen, dass jede Person selbst zu beurteilen hat, ob ihr das Fasten schwer fällt. Wer sind die genannten Frauen, denen sich der Fastende nach Sonnenuntergang wieder nähern darf? Der Vers scheint an männliche Gläubige gerichtet zu sein. Er unterstellt die passive Bereitschaft und die vermeintliche Pflicht der Frau, sich dem männlichen Ansinnen entsprechend hinzugeben, denn, wie könnte sie verwehren, was koranisch erlaubt ist. Im Umkehrschluss geht die „Annäherung“ ausschließlich von männlicher Seite aus.

Mit der sogenannten Annäherung kommt die Frage nach den Übersetzungen auf. Im arabischen Koran steht hierfür das Wort rafath, das sich in modernen Wörterbüchern ausschließlich mit „Obszönität“ übersetzt findet. Wie so vieles in der Geschichte der Menschheit ist die Verschriftlichung des Korans ebenso wie dessen Interpretation männlich geprägt, was jede Übersetzung mit einschließt.Ob die Bedeutung sämtlicher, im Koran vorkommender Worte jeder gläubigen Person geläufig ist, darf zumindest für Gläubige, deren Muttersprache nicht Arabisch ist, angezweifelt werden. Hinzu kommt der Bedeutungswandel von Worten im Laufe der Zeit, was ebenso die Handhabung und Einstellung bezüglich des Fastens betrifft.

Weitere Suren mit Versen, die Aufschluss über das islamische Fasten enthalten, sind bis auf eine ebenfalls medinensischen Ursprungs:

  • Wer nicht in der Nähe von Mekka wohnt und die Pilgerfahrt nicht vollenden kann, der soll durch Fasten oder Almosen oder ein Opfer Ersatz leisten. (2:196)
  • Wer aus Versehen einen Gläubigen tötet und als Gegenleistung keinen gläubigen Sklaven befreien und den Erben kein Blutgeld entrichten kann, der soll zwei Monate hintereinander Fasten. (4:92)
  • Wer bewusst Meineid leistet, soll als Sühne zehn Arme speisen, sie einkleiden oder einen Sklaven befreien. Wer das nicht kann, fastet drei Tage. (5:89)
  • Wer auf der Pilgerfahrt Wild tötet, bringt gleichwertige Tiere als Opfer zur Kaaba oder sühnt, indem er Arme speist oder dementsprechend fastet. (5: 95)
  • Gottes Vergebung und Lohn für die, die fasten. (33:35)
  • [Wer gemäß einer vor-islamischen Scheidungsformel seine Frau verstößt, indem er sie auf eine bestimmte Art mit seiner Mutter vergleicht, soll ihr erst dann wieder beiwohnen dürfen, wenn er als Zeichen der Sühne einen Sklaven befreit.] Wer keinen hat, soll zwei Monate hintereinander fasten, bevor sie einander wieder berühren. (58:3)

Die Verse der in Medina geoffenbarten Suren zeigen neben der Enthaltsamkeit eine weitere Qualität islamischen Fastens auf: Sühne und Bußleistung in Form einer immateriellen Ersatzhandlung zur Wiedergutmachung einer materiell erfahrenen Schädigung. Der einzige Vers, der in den mekkanischen Suren Aufschluss über das Fasten gibt, ist in der Sure Maryam enthalten. Maria, entkräftet von den Wehen der bevorstehenden Geburt, liegt verzweifelt unter einer Palme und wünscht sich unter Schmerzen den Tod herbei. Eine Stimme tröstet sie, Wasser und Datteln stünden bereit. Sie solle davon essen und trinken, wieder frohen Mutes sein und Folgendes sagen, wenn sie einem Menschen begegne:

Ich habe Gott Enthaltsamkeit gelobt und werde heute mit keinem Menschen sprechen. (19:26)

Relevant sind – mit Bezug auf den Ramadan – weniger die ursprüngliche Intention oder die Interpretation des Verses, als vielmehr eine zusätzliche Facette, die hier im Zusammenhang mit dem Fasten genannt wird: Schweigen als weitere Form koranisch geprägter Enthaltsamkeit. Über die praktische Umsetzung des Fastens geben neben dem Koran die Hadithe Aufschluss. Welche Sicht ermöglichen sie auf das Fasten? Lässt sich eine Differenzierung zwischen Fasten und Enthaltsamkeit feststellen? Behandeln sie diesbezüglich Unterschiede zwischen Mann und Frau?

Infos:

Der Koran und seine Entstehung – Arte Doku

Ramadan Blog des Bayerischen Rundfunks

iTunes App zum Ramadan

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