Woher kommt der Ramadan (3) – Fasten im Hadith

Die nicht immer unumstrittenen Übersetzungen der Sammlungen gewähren zumindest einen Einblick in die Struktur der Überlieferungen. In sunnitischen Kreisen steht die Sammlung authentischer (arab. sahih) Hadithe von al-Bukhari (810 – 870) mit an erster Stelle. Seine thematisch geordnete Kompilation widmet sich im 30. Abschnitt (kitab) dem Fasten.  Das Kapitel umfasst 111 Hadithe unterschiedlicher Länge, die auf über 40 Personen zurückgehen, von denen fünf Frauen sind. Die überwiegende Mehrheit der Personen wird mit jeweils nur einem oder zwei Hadithen zitiert. Mit Abstand die meisten stammen von Abu Huraira (20), einem Gefährten des Propheten sowie von Aisha (16), dritte und jüngste Ehefrau von Mohammed sowie Tochter des ersten Kalifen Abu Bakr. Es folgen der Neffe des Propheten Ibn Abbas (10), Ibn Umar (6), Sohn des zweiten Kalifen und Anas (5), ein weiterer Gefährte Mohammeds.

Anfang und Ende des Kapitels beziehen sich auf das jüdisch geprägte Fasten am Ashura-Tag, der von dem mekkanischen Stamm der Quraish bereits in vor-islamischer Zeit befolgt wurde. Das jüdische Ashura-Fasten findet am 10. Tag des neuen Jahres statt. Mohammed erklärte den 10. (arab. ashara) Tag des Monats Muharram, mit dem das alt-arabische Jahr begann, für die Muslime zu einem verpflichtend einzuhaltenden Fastentag. Seit der Offenbarung, die den Ramadan zum Fastenmonat bestimmte, ist die Einhaltung des Ashura-Tages optional. In Medina erkundigte sich Mohammed bei deren jüdischen Bewohnern nach dem Hintergrund des Fastentages. Dieser ginge auf Moses zurück, in Erinnerung an die göttliche Errettung vor dem Feind.

Mehrere Hadithe verweisen auf die heilende Wirkung des Fastens auf das körperliche und seelische Wohlbefinden. Allen Fastenden werden vorausgegangene Sünden vergeben. Mit Beginn des Ramadan öffnen sich die Tore zum Paradies, wohingegen die zur Hölle geschlossen und die Teufel in Ketten gefesselt sind. Wer in dieser Zeit bewusst falsch aussagt und böse Taten begeht, dessen Fasten erkennt Gott nicht an. Das Fasten ist ein Schutzschild. Eine Person, die sich körperlich oder verbal bedroht sieht, kann sich der Situation mit dem Hinweis auf sein Fasten entziehen.

„Der Prophet küsste einige seiner Frauen, während er fastete“, berichtet Aisha, woraufhin sie gelacht haben soll. Abu Huraira erzählte, dass der Prophet gesagt hat: „Und wenn auch [nur] an einem einzigen Tag eures Fastens: Benehmt euch nicht obszön und schreit nicht.“ Zaid berichtete mir von Abu Said, der erzählte, dass der Prophet gesagt hat: „Eine menstruierende Frau betet und fastet nicht, denn es stünde im zweifachen Widerspruch zu ihrer religiösen Überzeugung.“ Die Überliefererkette der Gewährsleute ließe sich fortführen. Ferid Heider nennt dafür Zahlen mit einer Bandbreite „von 4 bis etwas mehr als 300 Personen“. Die durchnummerierten Hadithe beginnen alle jeweils gleich mit „Berichtet hat uns“. Die Bezeichnung Hadith ist von dem zweiten Stamm des Verbes hadatha abgeleitet. Es wird mit „erzählen, berichten, sprechen“ übersetzt. Die englische Übersetzung lässt die Aufzählung der Namen aus und nennt unmittelbar die Person, die aus erster Hand berichtet.  Nachfolgend wird wieder direkt und zusammenfassend Bezug auf den Text und Inhalt der Hadithe genommen, ohne Nennung des Berichtenden.

Wer es sich nicht leisten kann zu heiraten, soll fasten, weil es die Triebe verringert. Knaben, die an das Fasten gewöhnt werden sollen, lenkt man mit Spielzeug von ihrem Hunger ab. Wer Fastentage auf sich genommen hat und stirbt, so soll ein ihm Nahestehender stellvertretend fasten. Ausschließlich am Freitag darf nicht gefastet werden. An den Feiertagen des Opferfests und zu den Feierlichkeiten nach der Fastenzeit darf nicht gefastet werden. Dauerhaftes Fasten ist verboten. Lebenslanges Fasten hat denselben Wert wie überhaupt nicht zu Fasten. Wer mehr als vorgeschrieben fasten möchte, der faste an drei Tagen im Monat. Da das Fasten zehnfach belohnt wird, hat man somit ein ganzes Jahr gefastet. Wem auch dies noch nicht ausreicht, der solle sich, als äußerstes Maximum, an das Beispiel von König David halten, der jeden zweiten Tag gefastet haben soll.

Aus den Hadithen Bukharis erschließt sich ein Bezug zur jüdisch geprägten Tradition sowie die Abkehr davon. Die wohltuende Wirkung des Fastens kommt ausschließlich mit Bezug auf das Jenseits zur Sprache. Ein großer Teil der Hadithe spricht sich gegen dass Dauerfasten aus. Ob der Hinweis eines Fastenden auf den Zustand seiner Enthaltsamkeit sich in der Praxis tatsächlich als wirksamer Schutz in bedrohlichen Situationen erweist, darf angezweifelt werden. Interessant ist die Aussage, dass Gott das Fasten von Personen, die bewusst böse Taten begehen, nicht anerkennt. Über die Qualität einer Handlung sowie über deren Absicht und Hintergrund muss jeder fastende Gläubige selbst befinden. Ob nicht-fastenden Muslimen und Andersgläubigen der Eintritt ins Paradies automatisch verwehrt ist, wird sich zeigen. Weshalb das Fasten menstruierender Frauen keine Anerkennung findet, wird nicht hinreichend erklärt. Das Fasten, wie es in den Hadithen dargestellt wird, beschränkt sich weitgehend auf die Enthaltsamkeit bezüglich Nahrungsaufnahme und sexueller Handlungen. Es finden sich dort keine Hinweise auf die Bedeutung der Verse über Maria, in denen ihr Gott rät, auf Grund eines vermeintlich gelobten Fastens zu schweigen. Eine misogyn anmutende Auslegung sowie Veränderungen im Umfeld des Fastens behandelt der abschließende Teil über den Ramadan.

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