Freiheit und Sex im Islam

Der 1921 in Tunesien geborene islamische Freidenker Mohamed Talbi ist im Westen bislang relativ unbekannt. In seinen Werken setzt sich der Islamwissenschaftler kritisch mit vielen traditionellen und engstirnigen Interpretationen des Korans auseinander, die den Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts nur ungenügend entsprechen.

Talbi setzt sich für eine Erneuerung der islamischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Gegenwart ein. Er plädiert für einen modernen Islam, der durch eine „vektorielle Lesart“ des Korans erreichbar sei, welche die Absicht des heiligen Buches zu berücksichtigen versucht und sich nicht zu sehr auf Beurteilungen stützt, die in vergangenen Epochen erstellt wurden. Der „Doyen“ einer gegenüber dem Islam kritisch eingestellten Denkweise stellt vieles in Frage und begründet islamisch fundiert. Der Koran ist für ihn, den gläubigen Muslim, „Überbringer der Moderne und der Rationalität, dessen Botschaft aber durch die Hadithe [die Überlieferungen der Taten und Aussprüche des Propheten und seiner Genossen] und die Scharia verfälscht wurde.“ (Jeune Afrique)

Seine Ansichten gehen über herkömmliche Denkmuster und Fragen, die über „den Islam“ angestellt werden – Sklaverei, Minderheiten, Frauenrechte, Demokratie – hinaus. Nachfolgend einige Beispiele aus dem Interview

„Prostitution ist keine Sünde“

mit der tunesischen Journalistin Iman Hamdi, in dem der 93-jährige islamische Gelehrte mit dem Zitat eingeführt wird, dass Allah um einiges toleranter sei, als die meisten annehmen.

Sie haben zu einer sexuellen Revolution aufgerufen und befürworten Nacktheit. Versuchen Sie die Islamisten herauszufordern?

Ich habe keine einzige Stelle im Koran gefunden, die Nacktheit verbietet. Darüber hinaus sieht der Koran keine Strafe für Frauen vor, die keinen Schleier tragen.

Sie sagten, dass Prostitution im Islam nicht verboten sei. Sie sagten ebenfalls, dass unverheiratete Frauen Sex haben könnten ohne bestraft zu werden, obwohl der Koran es verboten hat.

Prostitution ist nicht verboten. Unverheiratete Frauen können als Prostituierte arbeiten. Sie sind rechtmäßige Muslime und sollten respektiert werden. Der Koran sagt: „Zwinge die jungen Frauen nicht zur Prostitution wenn sie keusch sein wollen.“ Junge Frauen zur Prostitution zu zwingen, ist folglich verboten und nicht die Prostitution an sich. In der Zeit des Propheten gab es Prostituierte und er hat keine einzige von ihnen bestraft. Im Islam gilt außerehelicher sexueller Verkehr dann als nachgewiesen, wenn vier Augenzeugen aussagen, dass sie den gesamten Akt gesehen haben. Ich glaube nicht, dass eine Person, die Sex haben möchte, Zeugen ruft, damit diese zusehen und belegen, dass der Akt stattgefunden hat.

Was ist mit denen, die die Steinigung als Strafe für außerehelichen Sex anwenden?

Der Koran sieht als Strafe das Auspeitschen vor, wenn die Tat nachgewiesen wurde. Kein Vers im Koran sieht die Steinigung dafür vor. Das steht in der Thora und hat nichts mit Islam zu tun.

Einige sagen, dass Sie mit diesen Auslegungen Ehebruch gutheißen.

Ich bin ein islamischer Gelehrter. Ich interpretiere die koranischen Texte lediglich. Ich rufe zu nichts auf, weil jeder Mensch frei in seinem sexuellen Leben ist.

Eine Ihrer kontroversen Aussagen besteht darin, dass Sie Homosexualität nicht für verboten halten. Das veranlasste die Salafisten dazu, Ihren Tod zu fordern.

Ich habe nicht gesagt, dass es halal (erlaubt) sei. Ich sagte, dass es keinen einzigen Vers im Koran gibt, der Homosexualität, insbesondere zwischen Männern verbietet. In einem einzigen Vers spricht der allmächtige Gott über schamvolle Taten, aber ohne sexuelle Beziehungen zwischen Männern als eine davon aufzuführen. Um Blutvergießen zu erlauben, wird der Islam absichtlich missinterpretiert und falsch verstanden. Religiösen Extremisten ist solch eine Verhaltensweise nicht fremd. Ich werde für meine Ansichten, für meine Vorstellungen und für meine eigenen Überzeugungen bis zum letzten Moment meines Lebens eintreten, weil ich mein Leben damit verbracht habe, den Islam zu studieren und weil ich eher Muslim bin als sie.

Befürchten Sie nicht, umgebracht zu werden?

In meinem Alter fürchte ich mich nicht vor deren Drohungen. Der Islam, für den ich eintrete, ist die Religion, die sich auf die Bedürfnisse von realen und modernen Muslimen einstellt.

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