6. Biennale Marrakech

Diese Biennale findet vom 24. Februar bis 8. Mai 2016 statt. Sie steht unter der Schirmherrschaft von König Mohammed VI.

Was ist nötig, um eine relativ bedeutungslose Biennale zu einer erfolgreichen Veranstaltung zu machen? Mit Sicherheit ein rühriger Organisator, ein anerkannter Kurator, internationale Künstler von Rang, ein überzeugendes Konzept und ein attraktiver Ort des Geschehens. Mit der 6. Biennale Marrakech ist der Durchbruch für Marrakech gelungen und Fachleute billigen ihr bereits kurz nach der Eröffnung einen Platz unter den ersten 20 (von 200 Biennalen weltweit) zu.

„Not New Now“

Das Motto der Biennale lautet: „Not New Now“ und im Gegensatz zu den früheren Biennalen, die lediglich jeweils eine Woche dauerten, gibt es in diesem Jahr elf Wochen lang Biennalen-Kunst zu bestaunen. Eine weitere Besonderheit: Der größte Teil der wichtigsten Performances, Gemälde, Skulpturen, Installationen und Videos im Rahmen der zentralen Ausstellung ist an fünf historischen Orten in Marrakech zu sehen, die gleichzeitig zu den beliebtesten touristischen Sehenswürdigkeiten der Stadt zählen: El Bahia Palast, El Badii Palast, Dar Si Said Museum, Zisternen der Koutoubia Moschee und Ménara Pavillon. Auch der zentrale Jemaa El Fna Platz und viele Kunstgalerien der Stadt sind in die Aktivitäten einbezogen. Straßenkunst ist gegenwärtig, wie z. B. besonders auffallend in Form von Wandmalereien gegenüber dem El Bahia Palast. Die riesigen Biennalen-Plakate sind nicht zu übersehen, ein ausführlicher Stadtplan, in den die Biennalen-Orte eingetragen sind, hilft bei der Orientierung und dermaßen motiviert begeben sich spontan in der Stadt weilende Touristen aus aller Welt auf die kostenlose Biennalen-Tour. Mit speziellen Projekten ist die Universität von Marrakech in die Biennale-Aktivitäten einbezogen und Studierende der Uni sind nach einem Spezialtraining in der Lage, Auskünfte an den Infoständen zu geben. Sammelt man alle Informationsbroschüren, die neben den Kunstwerken ausliegen, dann verfügt man am Ende über einen Biennalen-Katalog.

Biennalengeschichte – teuer und aufregend

Rashid Koraishi, Reem Fadda und Amine Kabbaj, Foto: © Barbara Schumacher
Rashid Koraishi, Reem Fadda und Amine Kabbaj, Foto: © Barbara Schumacher

Geboren wurde die Idee der Biennale Marrakech als Reaktion auf den 11. September 2001. Vanessa Branson gründete die Initiative „Kunst in Marrakech“, aus der später die 1. Biennale hervorging. Nachdem sie etwa 2 Millionen Euro investiert hatte, zog sie sich nach der 4. Biennale zurück und übergab Amine Kabbaj, einem aus Casablanca stammenden kunstbesessenen Architekten mit Wohnsitz in Marrakech die Vize-Präsidentschaft der 5. Biennale. Beide kennen sich seit 1999 im Zusammenhang mit dem Umbau des Branson-Anwesens Riad El Fenn. Sie wurden im Oktober 2014 vom König für ihre Verdienste ausgezeichnet – anlässlich der Eröffnung des neuen Museums für Moderne und Zeitgenössische Kunst in Rabat. Amine Kabbaj ist folgerichtig Präsident der diesjährigen Biennale mit nützlichen Kontakten zu über 60 Sponsoren, darunter Autofirmen, Luxushotels, Medienkonzerne und Royal Air Maroc.

Ehrenpräsident André Azoulay bei der Eröffnung

AndréAzoulay, Foto: © Barbara Schumacher
André Azoulay, Foto: © Barbara Schumacher

Als ich vor fast zwei Jahren gefragt wurde, ob ich die Ehrenpräsidentschaft dieser 6. Biennale in Marrakech übernehmen möchte, habe ich gern zugesagt. Das Konzept der Kuratorin Reem Fadda mit dem Fokus auf künstlerische Projekte, Forschung und Ideen, die sich mit soziopolitischen Fragen auseinandersetzen, hat mich überzeugt und die Exponate und Aktivitäten der Biennale zeigen, dass hier lebendige Kunst präsentiert wird, die den Anspruch hat, den Menschen und der Gesellschaft zu dienen – in diesen Zeiten wichtiger denn je,“ so André Azoulay, Berater des Königs und Ehrenpräsident der 6. Biennale. Er hat sich als Gründer zahlreicher international berühmter und anerkannter Kultur-Festivals in seiner Heimatstadt Essaouira, als Friedensstifter und Präsident mehrerer namhafter, internationaler Institutionen, die sich für religiöse Toleranz engagieren, einen Namen gemacht. „Der Islam schützt Christentum und Judentum gleichermaßen und sowohl dieser Gedanke, als auch die Förderung von Essaouira stehen im Mittelpunkt all meinen Tuns – mein Leben lang,“ so André Azoulay als einer der engagiertesten Förderer von Toleranz, Kunst und Kultur in Marokko bei einem Gespräch im Al Badia Palast anlässlich der Eröffnung der Biennale.

Kuratorin Reem Fadda

Sie verfügt über den passenden Hintergrund: ausgestattet mit einem US-Diplom in Kunstgeschichte hat sie Führungserfahrung bei der internationalen Kunstakademie in Palästina gesammelt, zahlreiche Kunst- und Architekturprojekte im Mittleren Osten kuratiert, sie hat Biennalen-Erfahrung von der Biennale in Venedig, ist Kuratorin bei der Guggenheim-Stiftung in New York und betreut seit 2010 das Guggenheim Museums Projekt in Abu Dhabi. Kunst des Mittleren Ostens und Nordafrikas liegt ihr am Herzen und sie ist sicher, dass das Kunsterbe dieser Regionen junge Künstler weltweit zu „lebendiger Kunst“ inspiriert mit politisch, gesellschaftskritisch und ökologisch motiviertem Anspruch. „Ich halte es für möglich, dass die Biennale Marrakech es unter die wichtigsten fünf Biennalen weltweit schaffen kann. Dafür bietet Marrakech die besten Voraussetzungen durch die Verbindung von Afrika und der arabischen Welt, durch die Vielfalt der eigenen Kultur, die Stabilität, die reiche Geschichte, die großartige Kunsthandwerksproduktion und Attraktivität für Besucher aus aller Welt.“

Viele Künstler aus der arabischen Welt

Von den 44 internationalen Biennalen-Künstlern stammen aus der arabischen Welt: Talal Afifi (Sudan), Haig Aivazian (Libanon), Tarek Atoui (Libanon), Dana Awartani (Saudi-Arabien), Mona Hatoum (Libanon), Saba Innab (Kuwait), Radhika Khimji (Oman), Rachid Koraichi (Algerien), Khaled Malas (Syrien), Khalil Rabah (Palästina), Rayyane Tabet (Libanon) und Eric van Hove (Algerien). Marokko ist gut vertreten mit Yto Barrada, Touda Bouanani, Khalil El Ghrib, Ali Essafi, Mohssin Harraki, Bouchra Khalili, Mohamed Melehi, Mohamed Mourabiti, Radouan Mriziga und Fatiha Zemmouri. Eine schöne Geste: Der aus Marrakesch stammende, berühmte Künstler Farid Belkhana, der im Alter von 80 Jahren 2014 in Marrakech starb, ist mit seinen Werken in einem großen Saal des El Bahia Palasts vertreten. Auch Werke der marokkanischen Künstler Ahmed Bouanani (gest. 2011) und Mohamed Chebaa (gest. 2013) sind zu sehen.

Biennale-Überraschung: Neues Museum in der Medina

Heritage Museum, Foto: © Barbara Schumacher
Heritage Museum, Foto: © Barbara Schumacher

Marrakech verfügt über mehr als ein Dutzend großartiger Museen – viele befinden sich in der Medina. Erst im Okober 2015 ist das Heritage Museum, im Januar 2016 das Mouassine Museum hinzugekommen. Über das Mouassine Museum gibt es das Buch „La belle oubliée de Marrakech“, in französischer, englischer und arabischer Sprache. Am 26. Februar 2016 wurden die Vernissagen-Gäste der Biennale mit der Eröffnung eines weiteren Museums für Kunst und Kultur überrascht – ebenfalls in der Medina gelegen. Offenbar folgen in zunehmendem Maße wohlhabende Bürger, die über reichhaltige Kunst- und Kunsthandwerksammlungen verfügen, dem Trend, ihre historischen Häuser in den historischen Stadtvierteln der Medina als Museen Besuchern zu öffnen.

Text und Fotos: Barbara Schumacher

Infos:

www.marrakechbiennale.org
www.heritagemuseummarrakech.com
www.museedemouassine.com
Musée Douria de Mouassine

2 Gedanken zu „6. Biennale Marrakech

  • 14. März 2016 um 10:32 pm
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    Ein solider Artikel mit viel richtiger Information. Leider war Frau Schumacher nicht in der Zentrale der
    Biennale, dort wo die Fäden der Aktivitäten zusammenlaufen. Sonst wäre ihr aufgefallen, dass die 6. Biennale der jungen Künstlerin und Journalistin Leila Alaoui gewidmet war. Sie wurde nämlich am 15. Januar auf einer Reise für Amnesty International in Burkina Faso bei einem Anschlag getötet. Ums Leben kam dabei auch ihr Fahrer. Es waren viele Arbeiten von ihr dort und an einigen anderen Orten in Marrakech z.B. im Riad el Fna bei Vanessa Branson zu sehen. Ihre Schwester hat bei der Eröffnung den Tränen nahe eine Laudatio für sie gehalten. Schade, denn sie war eine Heldin. Ihr Video auf drei Schirmen wurde auch dort im Organisationszentrum in der Neustadt gezeigt. Es gab in diesen Räumen auf drei Stockwerken auch Arbeiten vieler anderer junger auch Deutscher Künstler zu sehen. Das Video von Leila zeigt Interviews aus dem Off mit einigen Flüchtlingen, die über die Hintergründe ihrer Flucht sprechen, eine bewegende Arbeit.
    Interessant wäre auch gewesen über einen italienischen Galeristen zu berichten, der mit enormem Mut und Einsatz seit vier Jahren mitten in der Industrievorstadt am Siri Ghanem eine Galerie betreibt, und mit fünf Künstlern einen wesentlichen Beitrag zu dieser Biennale geleistet hat. Sie heisst „Voice Gallery“ und sollte bei der nächsten Biennale unbedingt Beachtung finden.

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    • 15. März 2016 um 1:36 am
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      Hallo Herr Salenbauch,
      vielen Dank für Ihren wichtigen Hinweis.
      Wie Sie sicher wissen, ist es für Journalisten unmöglich, in der Kürze der Zeit, die einem zur Verfügung steht, alles zu sehen und man muss eine Auswahl treffen. Frau Schumacer hat eine andere Auswahl getroffen, als Sie es getan haben. Vielleicht mögen Sie ja mehr über die Biennale aus Ihrer Sicht berichten. Gern stellen wir einen 2. Artikel zur Biennale in Marrakesch auf unsere Seite.
      Mit besten Grüßen
      Ulrike Askari

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