Arabische Erzählkunst – Ein Gespräch mit Salim Alafenisch

Der Schriftsteller und Erzähler Salim Alafenisch wurde 1948 als Sohn eines Beduinenscheichs in der Negev-Wüste geboren. Als Kind hütete er die Kamele seines Vaters, mit vierzehn Jahren lernte er lesen und schreiben. Nach seinem Abitur 1971 in Nazareth folgte ein einjähriger Aufenthalt am Princeton College in London. 1973 ging er nach Heidelberg, wo er Ethnologie, Soziologie und Psychologie an der Universität Heidelberg studierte. Von 1984 bis 1989 war Salim Alafenisch in der Erwachsenenbildung tätig. Er veröffentliche mehrere Abhandlungen über die Beduinen und ihr Leben. In seinen zahlreichen Autorenlesungen, Rundfunk- und Fernsehsendungen vermittelt er ein lebendiges Bild der Beduinenkultur. Salim Alafenisch hat sieben Bücher veröffentlicht. Seinem achtes Buch „Die Feuerprobe“ erschien 2009 im Unionsverlag in Zürich.

Du bist ja nicht nur Schriftsteller sondern Du erzählst Deine Geschichten auch selbst dem Publikum. Hast Du das Geschichtenerzählen richtig gelernt? Und wenn ja, wo und von wem?

Das ist eine Frage, die länger als ein Kamelhals ist. Zunächst möchte ich sagen, dass der Orient nicht nur der Geburtsort dreier Religionen, des Judentums, des Christentums und des Islam ist, sonder auch die Wiege des Erzählens von Märchen, Geschichten, Legenden und Sagen. Im Orient erreichte diese Erzählkunst eine beispiellose Blüte. Und in diesem Umfeld des Erzählens bin ich groß geworden. Ich bin als Sohn dieser Erzählkultur aufgewachsen. Im Zelt meines Vaters mit zwei Räumen, einer für die Familie und einer für die Gäste. hat der Kadi Recht gesprochen. Und der Gast bekam sein Recht, drei Tage und drei Nächte zu bleiben. Auch die Gäste waren Träger von Geschichten. Erzählen ist meine Wurzel. Ge­schichten und Märchen waren in meiner Kindheit mein Kino und meine Bücher. Es gab in der Wüste kein Kino und auch keine Bücher. In meiner Arbeit als Schriftsteller und Erzähler schlage ich eine Brücke zwischen gesprochenem, erzähltem und geschriebenen Wort.
Beim Erzählen hat man mehr Möglichkeiten, einige Passagen zu variieren oder neu zu entfalten, die Fantasie zu steigern durch einen bestimmten Ausdruck, ein bestimmtes Wort, dem gesprochenen Wort einen Ausdruck zu verleihen.

Es gibt eine alte Tradition des arabischen Geschichtenerzählens. Gibt es bestimmte Elemente, die vorhanden sein müssen? Einen bestimmten Aufbau oder Handlungsablauf?

Kaffeepot, Foto: Maria Estalla Dürnecker
Kaffeepot, Foto: Maria Estalla Dürnecker

Wie vorher erwähnt, blickt der Orient auf eine alte Erzähltradition zurück, die es schon lange vor dem Islam gab. Die Sprache der Dichtung auf der arabischen Halbinsel, die sieben Juwelen der Dichtung (Malakat) in goldenen Lettern …
Dichtung ist ein Medium, das mit Talent und Gabe zu tun hat. Die Beduinen dichteten am Lagerfeuer.
Durch die Vielfalt der Völker und Kulturen und die lange Erzähltradition des Orients entstanden die Juwelen der Weltliteratur: wie das „Gilga­meschepos“, „Tausendundeine Nacht“ und „Kalila wa dummna“ (Tierfabeln). Die Sprache ist wichtig, um die eigenen Wurzeln zu transportieren oder aber um Weisheit, Spannung („Morgen erzähle ich weiter …“ – Scheherazade) zu verpacken. Eine Geschichte in der Geschichte, eine Kette oder Anreihung von Mosaik­steinen sind typische Elemente der orientalischen Erzählkunst. Erzähler sind Pädagogen. Sie kennen ihr Publikum, ihre Zuhörer und wissen, welche Geschichte man erzählen, wie man auf die Stimmung eingehen kann. Erzählen ist immer eine Interaktion. Humor ist ein weiteres Element.

Über welche Themen wurde gesprochen?

Die Umstände des Erzählens ist das Medium, das das ganze Leben umfasst. Alle Momente des Lebens wie Trauer, Freude, Weide, Land­schaft, Wüste, Nacht, Tiere (Pferde oder Kamele wie in „Das Kamel mit dem Nasenring“) sind wichtige Themen. In den langen Nächten wird in geselliger Runde am Lagerfeuer erzählt. Die Geschichten dienen nicht nur der Unterhaltung, sie vermitteln auch kulturelle Werte, dienen der Sozialisierung. Ein beduinisches Sprichwort sagt: „Die Alten sind die Brunnen aus denen die Jungen schöpfen.“ Durch das Erzählen werden die Traditionen weiter überliefert. Die orale Tradierung ist ein wichtiges Element der Stammesgemeinschaft.

Gibt es schriftliche Aufzeichnungen, wann fangen sie ungefähr an?

Das ist eine schwierige Frage. Seit Mensche im Orient leben, wird erzählt. Das ist ein bisschen wie die Frage, wer war zuerst da, das Ei oder die Henne. Die Geschichten wurden von Generation zu Generation weitergegeben und dabei verfeinert. Viele Jahrhunderte vergingen bis zu den Juwelen der Weltliteratur.

Wer war/ist Dein großes Vorbild?

Ich antworte einmal als Schriftsteller und einmal als Erzähler. Als Erzähler blicke ich auf eine lange Erzähltradition der Stämme der arabischen Halbinsel zurück. Ich bin mehr in der Stammestradition verwurzelt, nicht so sehr in der Tradition der Märchenerzählung. Das ist eine bestimmte Gattung, die über die Nacht, das Zeltlager, die Sehnsucht der Erde nach Regen, die kühle Abendbrise, die Frühlingsweide, den Stammesältesten, die Mutter, den Scheich, die Gäste erzählt. Ihrer Sprache, Mimik und Gestik haben mich geprägt.
Als Schriftsteller auf der anderen Seite bin ich geprägt durch die alten Vorbilder wie Al Mutanabi, die klassische Tradition und auch durch modere Vorbilder wie Taufiq el Hakim oder Ahmed Shauqi (Cleopatra; vgl. Al-Maqam 1/06, S. 9ff.). Dazu kommen meine Reisen, meine Bildung, das Studium, die Kenntnis der Weltliteratur, von denen ich zwei ganz besonders als meine Vorbilder sehe: Johann Wolfgang Goethe, Hermann Hesse und Thomas Mann.

Woher nimmst Du Deine Themen?

Ich habe einen besonderen Werdegang. Ich bin im Zeltlager aufgewachsen. Und die arabische Dichtung hat meine Neugier geweckt. Ich schreibe über die alltäglichen Schwierigkeiten, den Zusammenprall zwischen Tradition und Moderne (“Das versteinerte Zelt”), das Alltagsleben der Nomaden von innen. “Die acht Frauen des Großvaters” sind eine biografische Erzählung. Weitere Quellen für meine Themen sind die Stammesgeschichte, meine Kindheit, mein Studium, das Gastland, das Erlebte, Menschen die ich getroffen habe und die mein Bewusstsein erweitert haben. Auch der Distanz verdanke ich meine Themen, dass ich hier lebe und über dort schreibe. Manchmal klopfen Themen auch einfach an die Tür wie „Das Kamel mit dem Nasenring.“ Das Kamel wollte seine Geschichte geschrieben haben. Das wäre nicht gegangen ohne die Distanz. Als Sohn dieser Kultur möchte ich meine Stimme erheben. Es ist eine breite Palette …

Erzählen Männer und Frauen gleichermaßen?

Ich möchte die Frage so beantworten: Männer erzählen anders als Frauen, Frauen erzählen anders als Männer, und das ist gut so! Frauen erzählen über die Liebe, Märchen, für Kinder, zur Sozialisierung, Gute-Nacht-Geschichten. Wenn sie Kummer haben oder lieben, transportieren sie ihre Gefühle in einer Geschichte oder wenn sie Probleme mit ihrem Mann haben sensibilisieren sie mit Geschichten ihre Kinder („Die acht Frauen des Großvaters“). Die Königin des Erzählens ist eine Frau, nämlich Scheherazade. Erzählkunst ist nicht nur Sache der Männer. Auch die Frauen versammeln sich nach getaner Arbeit um die Kaffe- oder Teekanne. Die Mutter verspricht den Kindern, zu erzählen, wenn sie bestimmte Aufgaben erledigt haben. Und die Kinder lauschen überall.
Männer erzählen auch, aber mehr über das Alltagsleben, die Sorgen, über Weideplätze, Wasser und Trockenheit, Helden, Kriege, Vorfahren, Ahnen, die Genealogie, den Großvater („Das Kamel mit dem Nasenring“), Sitten und Gebräuche der Wüste, Gewohnheitsrecht.

Wie kann man Dich buchen?

Für Lesungen und Erzählabende für Kinder und Erwachsene – es gab bei uns immer die Tradition des gemeinsamen Erzählens, die Kinder wurden nicht separat behandelt, sie wechselten vom Frauen- zum Männerzelt, wie es ihnen gefiel – kann man sich an den Unionsverlages in Zürich oder an Ravensburger wenden.

Vielen Dank für das Gespräch!

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