Musik der Haratin in Mauretanien

Eine Feldforschung von Dr. Edda Brandes (Musikethnologin) und Petra Buda (Kamera)

Gruppe Tidjania, Kesseltrommel, Chinguetti, Foto: © Edda Brandes
Gruppe Tidjania, Kesseltrommel, Chinguetti, Foto: © Edda Brandes

Im April 2015 brachen wir für zwei Wochen zu einer Feldforschung nach Mauretanien auf. Angenehme Temperaturen empfingen uns in der Hauptstadt Nouakchott: warme Luft und eine Brise vom Meer. Unsere beiden mauretanischen Assistenten Sidi und Abdou hatten schon Vieles vorbereitet: Die ersten Aufnahmetermine standen fest, Musiker und Musikerinnen im fernen Chinguetti waren kontaktiert.

Mauretanien ist eine islamische Republik, es herrscht das Recht der Scharia. Die Bevölkerung setzt sich aus den arabisch-berberischen Bidhan, sogenannten „weißen“ Mauren, den ehemaligen Sklaven Haratin, sogenannten „schwarzen“ Mauren und den schwarz-afrikanischen Bevölkerungsgruppen vorwiegend der Wolof, Peul, Soninké und Bamananw zusammen. Hauptverkehrssprache ist das Hassaniyya, der mauretanische Dialekt des Arabischen.
Früheste Nachweise einer Besiedlung finden sich schon um 10.000 v. Chr. Anfang des 11. Jh. gründeten Mauren das Almoraviden-Reich, das in seiner Glanzzeit vom heutigen Mali bis nach Spanien reichte. In diese Zeit fällt auch die Gründung des Ortes Chinguetti. Chinguetti galt lange Zeit als das religiöse Zentrum des ganzen Gebietes. Heute gehören die gut erhaltenen Ruinen des ehedem bedeutenden Handelspostens, in dem nur noch 4.500 Menschen leben, zum Weltkulturerbe.
Mauretanien wurde 1904 zum französischen Territorium im Rahmen Französisch-Westafrikas und 1920 französische Kolonie. Nach dem 2. Weltkrieg wurde Mauretanien französische Überseeprovinz, 1957 fanden die ersten Wahlen statt. 1960 kam die Unabhängigkeit. Zwei Militärputsche folgten, die letzte Präsidentschaftswahl war 2014 nach einem Staatsstreich.
Die Menschenrechtssituation in Mauretanien wird als schwierig bezeichnet, Kinderarbeit und „Sklaverei“ sind verbreitet.
Nouakchott als Hauptstadt mit heute über 1 Million Einwohner wurde 1958 aus einem Dorf mit 500 Einwohnern gegründet und liegt verkehrsgünstig an der Küste.

Am ersten Tag nach unserer Ankunft ging es los: Eine Gruppe von Frauen und ein Lautenspieler hatten sich in einem großen Raum zusammengefunden und spielten Lieder aus dem Genre bonjé. Das Wort bedeutet „Ambiente“ und beinhaltet Lieder, die zu jeder Festlichkeit aufgeführt werden.

Bekannt auch bei uns ist fast nur die Musik derjenigen Mauren, die zur Kaste der Griots gehören. Hier begleiten die Frauen ihren Gesang mit der Winkelharfe ardin, die Männer singen zur Laute tidinit. Wir aber sind ausgezogen, um die Musik der Haratin, der Freigelassenen oder Befreiten (Sklaven) zu dokumentieren.

Madih „Lobpreis“ heißt ein musikalisches Genre mit religiösen Liedern, die bei abendlichen Treffen zur Ehre Allahs und seines Propheten ausgeführt werden. Im Hof von Ahmed, dem Spieler der Laute tidinit, versammeln sich über 50 Männer, Frauen und Kinder zum gemeinsamen Gesang, der von Kesseltrommeln und rhythmischem Händeklatschen begleitet wird – einzelne Tanzeinlagen tragen zur entspannten Stimmung bei.

 

Wir bitten Moudou und Ahmed um ein paar Stücke, die sie solistisch ohne Verstärkung auf der zart klingenden Laute spielen sollen. Gegen die lauten Kesseltrommeln und die kräftigen Stimmen der Vorsänger und Sängerinnen und antwortenden Chöre wird das Instrument heute immer verstärkt und damit seine Attraktivität gesteigert.

Samba Amba im fernen Chinguetti ist ganz glücklich, dass sich jemand für sein Flötenspiel interessiert. Er fertigt sich für unsere Aufnahme schnell eine neyfara aus einem Plastikrohr, verspricht aber, sich nun wieder ein richtiges Instrument aus dem Wurzelholz der Akazie zu bauen – die Nachfrage nach seiner Musik hat auch hier nachgelassen.

Eine besondere Begegnung für uns ergab sich mit der Poetin Leila mint Chighali, die mit ihrer Kunst im gesamten arabischen Raum bekannt ist. Sie trägt uns ein Gedicht auf Hocharabisch vor, eine Klage über die Verwahrlosung des Ortes Chinguetti, der vor Jahrhunderten ein bedeutender Handelsknotenpunkt war und zu den sieben heiligen Stätten des Islam gehört:

„… Chinguetti hat die Geliebten eingeladen wiederzukommen, sie zu beleben. In dem Willen, mit ihnen ihre Einsamkeit zu brechen und sich mit der Welt zu vereinen. Wie diejenigen, die ihr Dasein schon immer preisen wollten, ein Dasein, das in der Geschichte brilliert hat. … Und heute scheint Chinguetti müde, müde vom Kampf um ihre Existenz. Ihre Palmen! Ihre Dünen! Kommt und gebt ihr das Grün zurück, kommt und gebt ihr das Lächeln zurück. Gebt ihr das Leben, das sie beansprucht, zurück, denn sie träumt es zu haben seit Jahrhunderten. Chinguetti muss am Höhepunkt der Welt stehen, denn sie hat ihr alles gegeben, aber man hat ihr nie etwas zurück gegeben. Wenn ich es nicht schaffe, ihr Bild mit Euch zu teilen, wird es die Geschichte für mich tun.“

Zwei moderne, jugendliche Musikgruppen treffen wir in Nouakchott, wo am Meer die Fischer unermüdlich in einem frischen Wind arbeiten. Die Gruppe Walfadjiri um den Sänger und Liederschreiber Sedou Sow spielt auf Gitarre und E-Bass, mit Schlagzeug und Congas sowie der Bechertrommel jenbe. Ihr Lied erzählt von der Leidenschaft zu singen und plädiert dafür, jedem seine Leidenschaft zu gestatten, dem Lehrer, dem Flieger, dem Fischer und eben auch dem Künstler und Musiker.

 

Ziza, die zweite Gruppe, verdient sich ihr Geld auch mit Auftragswerken, mit Musik, die zur Aufklärung über wichtige gesellschaftliche Themen im Radio gespielt wird (z. B. über Wahlen, Aids, Beschneidung etc.). Für unsere Aufnahme versammeln sich ein Lauten- und ein Spieler der Kalebassentrommel und geben dem Gitarristen und Sänger Bechir Niasse den musikalischen Rahmen. Dionde mere heißt das Stück und spricht davon, dass „es nicht gut sei, nur da zu sein und nichts zu tun“ (rester sans rien faire). Es ruft die Jugend des Landes auf, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Unsere Aufnahmen haben alle in „geschützten“ Räumen stattgefunden. Das lag auch an der allgemeinen Zurückhaltung bis hin zur Ablehnung der Mauretanier der Kamera und dem Mikrofon gegenüber. Bei einer spontanen Musikaufführung auf der Straße in Chinguetti lehnten die Frauen eine Aufnahme ab. Nichts aber konnte die gleichen Frauen und Männer daran hindern, in ihrem Hof, in der Wüste oder auf einem Feld mit viel Elan, Freude, ausdrucksstarkem Tanz und kräftigem Gesang ihre Kunst zu präsentieren. Wir freuen uns darüber, dass wir mit Hilfe der Jutta Vogel Stiftung und des Auswärtigen Amtes, die diese Feldforschung ermöglicht haben, nun mit der CD- und DVD-Publikation den Menschen etwas zurückgeben können in der Hoffnung, dass ihre Kunst weiterlebt und auch Jüngere sich der reichen Traditionen annehmen.

Dr. Edda Brandes, Präsidentin von BENKADI e.V.

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