Marokko: Bahija Abdouelali

Zu Füßen der Hassan II Moschee erstreckt sich die Medina von Casablanca – ein landwärts von einer Mauer mit Toren und seewärts von einem kleinen portugiesischen Fort (heute Restaurant) umschlossenes Gewirr von Gassen. Kleine Läden fügen sich harmonisch in die von Moscheen überragten Wohnhäuser, die mit ihrer rund 150 Jahre alten portugiesisch-maurischen Architektur ein Gesamtkunstwerk in weiß bilden.

Bahija Abdouelali, Foto: © Barbara Schumacher
Bahija Abdouelali, Foto: © Barbara Schumacher

Die Farbe Weiß hat lange dominiert, derzeit sind die Bewohner der Altstadt allerdings dabei, die Front der Häuserwände einiger Gassen meist über die Höhe des Erdgeschosses mit Pastellfarben neu zu streichen. Überall wird gewerkelt – und wenn sich ein Besucher in die Gassen verirrt, dann zeigt man stolz die bereits fertigen Arbeiten. Alle Nachbarn machen mit: Kinder, Frauen und Männer arbeiten gemeinsam und für jeden gibt es etwas Passendes zu tun. Das Ziel, die Medina so schön zu machen, dass sich die Bewohner hier wohlfühlen, beflügelt auch zu künstlerischen Arbeiten, die über die Bemalung von Türen und Hauswänden mit geometrischen Mustern hinausgehen. Die traditionellen, handgefertigten Holztüren will man erhalten und viele nutzen als Klopfer (mangels Klingel) eine bronzene Hand der Fatima.

Kunst an Häuserwänden

Die enge Gasse Derb Kharrouba fällt besonders auf – einmal durch ihre Länge und zum anderen durch ihre Farben. Haus Nr. 26 ist figürlich bemalt: Zu beiden Seiten der aus portugiesischer Zeit stammenden Holztür befinden sich Phantasieszenen, die einen Sufi zeigen, sowie eine in ein historisches Gewand gekleidete Frau, beide fast in Lebensgröße – es lohnt die nähere Betrachtung. „Die Künstlerin wohnt selbst in diesem Haus,“ weiß ein zufällig vorbeikommender Nachbar. „Da kommt sie gerade vom Einkaufen zurück.“ Schnell ist die Bekanntschaft gemacht und wer könnte einer Einladung zum Tee widerstehen! „Ich habe einige Wände im Innern des Hauses ebenfalls bemalt, Sie werden sehen,“ meint die Künstlerin. Tatsächlich muss man beim Erklimmen der Steinstufen im schmalen, sich windenden Treppenhaus aufpassen, denn Wandgemälde sind ablenkende Blickfänge – neben der dickwandigen, sonnenlichtgetränkten Architektur des Hauses im Innern, von dessen nach oben offenen Patio in der Farbe des Himmels leuchtend blau gestrichene Türen in die einzelnen Zimmer führen. Im ersten Stock angelangt sind noch mehr Wandmalereien zu sehen und im Atelier der Künstlerin ebenfalls, wobei die Fenster in die künstlerische Gestaltung mit einbezogen sind. Zahlreiche, bereits gerahmte Gemälde warten auf die nächste Ausstellung …

Geschichte eines Hauses

Haus von Bahija Abdouelali, Foto: © Barbara Schumacher
Haus von Bahija Abdouelali, Foto: © Barbara Schumacher

Beim Tee erzählt Bahija ihre Geschichte: „Ich wurde 1959 in diesem Haus geboren – es ist das Haus meiner Eltern. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Direktor bei der Post, er stammte ursprünglich aus Boujaad, das liegt etwa 160 km nordöstlich von Casablanca. Ich erinnere mich daran, dass früher hier viele Juden gelebt haben. Die meisten der hier geborenen Juden sind in den Jahren 1980-1990 ausgewandert. In unserem Haus wohnten sie im Erdgeschoss, auch Spanier und Jemeniten haben dort gelebt und besonders ist mir das jemenitische Schmuckgeschäft in Erinnerung geblieben. Das Haus gehört – wie viele andere in der Medina auch – zum Nationalen Kulturerbe. Trotzdem gibt es immer wieder Pläne und Gerüchte, einzelne Teile der Medina abzureißen und moderne Gebäude zu bauen, schließlich ist hier die beste Lage der Stadt und die Fantasie der Spekulanten blüht. Heute bewohne ich das Haus allein und kämpfe um den Erhalt, denn es ist in Gefahr abgerissen zu werden, angeblich wegen ‚Einsturzgefahr‘, aber wie Sie selbst sehen, sind die dicken Wände völlig intakt und auch das Dach ist in bestem Zustand. Die Verschönerung der gesamten Gasse hat sich über viele Jahre hingezogen, nachdem es mir gelungen war, die Nachbarn nach und nach von den Vorteilen zu überzeugen und jetzt sind alle sehr zufrieden mit dem Ergebnis.“

Naive Kunst voller Phantasie und Mystik

Gern erzählt Bahija ihren Werdegang: „Nachdem ich mein Abitur in Agadir gemacht hatte, am Pädagogischen Zentrum mein Pädagogik-Studium abgeschlossen und 20 Jahre lang Französisch-Unterricht in verschiedenen Städten Marokkos gegeben habe, bin ich 2005 nach Casablanca zurückgekehrt und habe meinen Lehrberuf aufgegeben. Für Malerei habe ich mich mein ganzes Leben lang interessiert und ich malte schon als kleines Mädchen. Seit 2005 widme ich mich mit voller Energie der Kunst. Es ist eine reine, naive Kunst, meist male ich mit Öl auf Leinwand, und die Bilder entstammen meiner Erinnerung vorwiegend an Erlebnisse und Erzählungen aus meiner Kindheit und Jugend.“ Auf die Frage nach dem Ursprung der figürlichen Malmotive meint sie: „Meist male ich aus der Phantasie Figuren mit mythischem Hintergrund. So ist z. B. der Sufi an der Hauswand an wichtiges Motiv. Ich erinnere mich an einen Sufi, der von allen respektiert wurde. Er tat Gutes, half den Armen und gab ihnen Almosen.“ Betrachtet man die Bilder genauer, fällt auf, dass nicht nur die Augen der auf den Bildern dargestellten Menschen einen anschauen, sondern weitere Augen, die mystisch im Raum zu schweben scheinen. „Worte können lügen, aber Augen nicht,“ ist Bahijas Kommentar dazu.

Poesie und Malerei

sind bei Bahija eng verbunden: „Alle angenehmen Gefühle dienen dazu, mein Herz zu erfreuen – sie entstehen durch harmonische Farben und Formen in Bewegung. Auch wenn ich mich davon entferne, bleibt immer noch leidenschaftliches Vergnügen, süß und voller Überraschungen, die mich zu neuen Ideen anspornen. Wenn ich male, wird das Leben unermesslich schön – im Rhythmus einer Symphonie der Freiheit und der Mystik. Meine Kunst ist mir wichtig – ich höre auf meine leise, innere Stimme und die hat immer Recht. Egal was, wann und wo ich male – es geschieht stets aus Vergnügen, das ich als süße Verrücktheit empfinde,“ drückt die Künstlerin ihren Bezug zur Malerei äußerst poetisch aus. „Meine Lebensauffassung passt zu meinem Namen, Bahija bedeutet nämlich „Freude“ und die empfinde ich jeden Tag.“ Auf die Frage nach Zukunftsplänen meint sie: „Ich hätte gern eine eigene Kunstgalerie, in der man bei Tee, Kaffee und Gebäck über Kunst philosophiert und die allen Menschen offen stehen würde. Dort würde ich meine Gemälde ausstellen und auch ein Kunstatelier einrichten.“

Text und Fotos: Barbara Schumacher

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