Arche Noah. Literatur aus Ägypten

Khaled al Khamissi in Lesung und Gespräch

In der wunderschön gelegenen Villa des Literarischen Kolloquiums Berlin direkt am Wannsee mit der interessanten Geschichte fanden sich am 5. Juli etwa 35 Personen ein, um Khaled al Khamissi und seine Werke kennen zu lernen.

Khaled al Khamissi: Arche Noah

Nach einer knappen Vorstellung folgte eine – für meine Erwartungen – übertrieben lange Lesung des Schauspielers Gerhard Gutberlet von gefühlten 45 Minuten aus dem neusten Buch „Arche Noah“ (2013), in dem der Autor ganz unterschiedliche Menschen porträtiert, die Ägypten verlassen. Gelesen die (ganze?) Geschichte eines Philosophieporfessors an einer englischen Universität.

Wie sich im anschließenden Gespräch dann zeigte, sind diese Mensche gar nicht so unterschiedlich, denn al Khamissi zeigt hauptsächlich Menschen aus der (oberen) Mittelschicht, der er selbst auch entstammt. Sein Vater war ein bekannter Poet, er selbst hat u.a. an der Sorbonne studiert.

Das Gespräch mit Julia Gerlach schien nicht so recht in Gang kommen zu wollen und drehte sich ein ums andere Mal um die Frage, was das Volk eigentlich will und ob die Revolution ihm das gebracht hat.

Al Khamissi ist der Meinung, das Volk verlange nach Kultur. Das merke man schon daran, dass es heute weit mehr Buchhandlungen und Kinos gebe als vor 10 Jahren. Auch sein eigenes Buch sei mit 35.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller.

Hier aber scheiden sich die Geister: Bei einem Volk von fast 90 Millionen Einwohnern sind 35.000 verkaufte Bücher erstens eine verschwindend geringe Anzahl. Und zweitens – was eigentlich auch klar ist – liest ja nicht das ganze Volk, in dem die Analphabetenrate offiziell 50% beträgt, sondern nur ein kleiner Teil der Mittelschicht. Und auch nur ein Teil dieser Mittelschicht setzt sich mit den politischen, sozialen und schließlich auch mit den kulturellen Folgen der Revolution auseinander.

Dem Großteil des Volkes bleibt kaum Zeit und Muße, wenn es mit manchmal drei Jobs nebeneinander mühsam versuchen muss, etwas Essbares auf die vielen Teller der Familie zu bekommen und das Dach über dem Kopf zu behalten. Da bleibt weder Zeit zum Träumen vom Auswandern noch die Möglichkeit, das Geld für ein Buch über das mehr oder weniger erfolgreiche Auswandern zu kaufen.

Dennoch sind die Bücher von Khaled al Khamissi für Europäer, die nicht in engem Kontakt mit dem ägyptischen Volk stehen, von großem Wert, weil sie einen guten Einblick in das Denken und Fühlen eines Teils des Volkes bieten – was der Leser bei der Lektüre immer im Hinterkopf behalten sollte.

Der gesamte Abend war – da eingebettet in eine wunderschöne Umgebung – angenehm, aber nicht sehr aufschlussreich. Schön wäre es gewesen, wenn al Khamissi selbst einen kleinen Teil auf Arabisch gelesen hätte!

Info:

Lenos Verlag

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