Buchbesprechung: Abdellah Taïa – Der Tag des Königs

Abdellah Taïa: Der Tag des KönigsAtemlos, fast ein wenig gehetzt, als wenn die Zeit davon laufen würde, erzählt Omar, der Icherzähler seinen Albtraum: Er küsst König Hassan II. die Hand. Doch die Szene entwickelt sich zu einem surrealistischen Szenario, in dem Hassan, umringt von den schönsten Frauen des Landes, nackt auf seinem Thron sitzt und Omar versucht, seinen Arm zu küssen, bis hinauf in die Kuhle an seinem Hals. Seinem Jugenfreund Khalid erzählt er in den schummrigen Nachmittagsstunden vor dem Französischunterricht in dessen Zimmer davon. Die beiden Jungen könnten usterschiedlicher nicht sein. Omar, dessen Mutter fortgelaufen ist, stammt aus einem der Armenviertel von Salé, während Kahlid der Oberschicht angehört. Der Vater ist ein mächtiger Mann mit Einfluss, die Familie mit zahlreichen, traditionellerweise schwarzen Hausmädchen.

Die zarten Bande der ersten sexuellen Erfahrungen zwischen den Jungen werden nie offen ausgesprochen. Eher nur andeutungsweise oder aus Reaktionen wie Eifersucht, wird klar, dass die beiden mehr als nur Kameradschaft verbindet. Eifersucht, weil Khalid auserwählt wurde, beim traditionellen Empfang dem König tatsächlich die Hand zu küssen.

Aus vielen, kleinen Details scheint dem Leser eine völlig fremde Welt entgegen, die ihn dennoch gefangen nimmt: eine Welt von höchster Verehrung gegenüber dem König, der den Marokkanern als heilig gilt, eine Welt voller Geister und Dschinnen, die durch Hexenmeister und schwarze Hausmädchen reden. Und vor allem die Welt marokkanischer Jugendlicher, die die Welt der Sexualität entdecken. Dass in der arabischen Welt Homosexualität mit vielen Tabus belegt und homosexuelle Handlungen zum Teil schwer bestraft werden, heißt ja nicht, dass es sie nicht gibt oder dass die Menschen nicht von ihr wüssten, zumal in einer Welt, in der einerseits die Geschlechter auf so unnatürliche Art und Weise voneinander ferngehalten werden und andererseits Scharen von Frauen zu den großen „Haushalten“ der Herrscher und Reichen gehörten und es Gang und Gäbe war, Frauen zu verschenken und sich so auch politsche Bindungen zu sichern.

Dass junge Mädchen, insbesondere Hausmädchen, keinerlei Schutz von irgendwoher erfahren und scheinbar keine Rechte haben, erfährt der Leser im letzten Kapitel, in dem Hadda ihre Geschichte erzählt.

Ein Roman, der nicht aus 1001 Nacht erzählt sondern eher aus der Schwüle des Tages.

Abdellah Taia ist übrigens der erste marrokansiche Schriftsteller, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöste.

Abdellah Taïa: Der Tag des Königs, Suhrkamp 2012, Berlin 2012, ISBN: 978-3518422953, 19,95 €

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