Jordanien: Widad Kawar

Seit 50 Jahren sammelt die aus Palästina stammende, vielfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Widad Kawar Kleider, Schmuck und Accessoires aus Palästina, Jordanien und Syrien. Sie ist mit einem Jordanier verheiratet, die Familie wohnt seit Jahrzehnten in Amman. Im Jahr 2015 hat sie ihr eigenes Museum eröffnet.

Wertvolle Sammlung

Widad Kawar, Foto: © Barbara Schumacher
Widad Kawar, Foto: © Barbara Schumacher

Die Sammlung wächst ständig, ist von unschätzbarem Wert und war bereits in vielen Museen weltweit ausgestellt. Jedes der inzwischen etwa 3.000 Stücke spiegelt Details aus Geschichte, Geografie, Kultur der genannten Länder. Oftmals in Kooperation mit Layla Pio, einer irakischen Expertin für alte, orientalische Textilien, die in Jordanien lebt, hat sie viele Ausstellungen und sogar akademische Veranstaltungen durchgeführt, denn Hochschulen von Kanada bis Japan interessieren sich für die Sammlung von Kleidern und alle jemals getragenen Arten von Accessoires, die sich durch kunstvolle Handarbeiten auszeichnen.

Großes akademisches Interesse

Kleid aus Salt, Foto: © Barbara Schumacher
Kleid aus Salt, Foto: © Barbara Schumacher

Als 2006 der zweite internationale Kongress der Weltorganisation für Studien des Mittleren Ostens in Amman stadtfand, gab es an der University of Amman eine Präsentation, die inhaltlich 5.500 v. Chr. begann mit Schwerpunkt Irak und Levante. Alle, die damals dabei waren, sprechen heute noch von diesem Ereignis. In Vorträgen, die inzwischen auch in Buchform vorliegen, wurde gezeigt, wie soziale und wirtschaftliche Faktoren sich auf Kleidung, Stil und Handarbeiten (vor allem Stickerei) auswirkten. Zehn Studentinnen trugen die wertvollen historischen Gewänder und die Referentinnen Widad Kawar und Layla Pio erklärten die Einzelheiten „am lebenden Objekt“. So erfuhr man z. B. bei dem typischen Kleid (Madrga) aus Salt, der früheren Hauptstadt Jordaniens, warum die Ärmel ungewöhnlich lang sind und das ebenso ungewöhnlich lange Kleid deshalb geschickter Drapierung mit Hilfe eines speziellen Gürtels (Schweheje) bedarf: In diesen Kleidern konnte man wertvolle Gegenstände vor den gierigen Steuerbeamten in osmanischer Zeit verbergen. Das historische Gewand aus Salt fehlt bis heute bei keiner Ausstellung. Studierende aus aller Welt sind oft bei Widad Kawar zu Gast. Sie dürfen in der wohlgeordneten Sammlung im Souterrain ihres Hauses ihre Studien treiben …

Viele Ausstellungen in Deutschland

Ausstellungskatalog Pracht und Geheimnis
Ausstellungskatalog Pracht und Geheimnis

Die Ausstellungen meiner Sammlungen in Köln (Rautenstrauch Museum), Berlin, Bamberg und München (Völkerkundemuseum) in den 1980er Jahren und das parallel dazu organisierte Begleitprogramm haben damals zu einer Zunahme der Touristen aus Deutschland in Jordanien geführt,“ so Widad Kawar. Das in dieser Zeit erschienene Buch Pracht und Geheimnis gehört bis heute zu einem viel gefragten Standardwerk. „Früher habe ich nur schöne Stücke gesammelt, aber heute sammele ich alles – es gehört einfach dazu. Die Japaner sind sehr interessiert an meiner Sammlung – sie würden sie gern komplett kaufen, aber ich möchte sie nicht außer Landes geben.“ Auf die Frage nach Ausstellungen in Europa in den letzten Jahren meint sie: „Im Jahr 2013 fand z. B. eine große Ausstellung im Historischen Museum Basel statt, die danach komplett vom Naturhistorischen Museum Nürnberg übernommen wurde, wofür sich das Arabische Museum in Nürnberg sehr engagiert hatte. Eine Besonderheit war neben der Präsentation von Kleidung, Accessoires und Schmuck die Kollektion der palästinensischen Künstlerin Najat El-Kheiri, die heute in Kanada lebt. Sie produziert auf Keramik gemalte traditionelle Stickerei palästinensischer Kleider.“

Eigenes Museum: TIRAZ Widad Kawar – Home for Arab Dress

Wenn man über eine solche Sammlung verfügt, wie Widad Kawar sie seit Jahrzehnten pflegt, dann liegt es nahe, an die Gründung eines Museums zu denken. Mitte 2013 verdichtete sich dieser Wunsch und es begann eine 18-monatige intensive Vorbereitungszeit, die am 25. Januar 2015 mit der spektakulären Eröffnung des privaten Museums „TIRAZ Widad Kawar – Home for Arab Dress“ endete. Widad Kawar war es gelungen, das neben ihrer Privatvilla gelegene Grundstück in einem gepflegten Villenvorort von Amman (gegenüber dem Dove-Hotel) zu erwerben und darauf das Museum erbauen zu lassen. 350 Gäste kamen zur Eröffnung, darunter Mitglieder des Jordanischen Königshauses, wie Prinzessin Wijdan, Präsidentin der National Gallery of Fine Arts, Minister und Botschafter, auch der deutsche Botschafter mit Gattin. Die Eröffnungs-Ausstellung stand unter dem Motto: „Golden Threads of Bethlehem“. „Meine Kollektion ist die größte Sammlung traditioneller Kleider aus Palästina und Jordanien. Sie ist Ergebnis meiner 50jährigen Leidenschaft für dieses Thema. Mir geht es darum, das reiche Kulturerbe und die lebendigen Traditionen zu erhalten und Schönheit und Wissen, die in dieser Sammlung stecken, für die jetzige und zukünftige Generationen zu erhalten. Bei der großen Eröffnungsausstellung geht es um Arbeiten der heimischen Kleiderherstellung in Bethlehem aus einer Zeit, die von 1880 bis 1948 reicht,“ so Widad Kawar in ihrer Eröffnungsrede.

Dauerausstellung und wechselnde Sonderausstellungen

Najat El-Kheiry, Foto: © Barbara Schumacher
Najat El-Kheiry, Foto: © Barbara Schumacher

Ein Teil der Eröffnungsausstellung befindet sich heute in der Dauerausstellung. Mehrere Sonderausstellungen haben stattgefunden, es gibt ständig Neues. Immer gilt: Die Ausstellungsobjekte zeigen nicht nur die Identität der Trägerinnen, Näherinnen und Stickerinnen der jeweiligen Exponate sondern auch Geschichte und es geht nicht nur darum, sich an die Vergangenheit zu erinnern, sondern sie sind auch ein Versuch, Tradition wieder zu beleben. „Zu unserem Museumsprogramm gehören wissenschaftliche Vorträge, wir arbeiten gut mit einigen Universitäten zusammen. Besonders gefreut hat uns der Vortrag von Najat El-Kheiry. Wir sind inzwischen gut befreundet und sie besucht mich oft in Amman.“ Der Ausblick auf 2016 ist viel versprechend: „Wir wollen die Kultur und das Kunsthandwerk von Salt in den Ausstellungs-Mittelpunkt stellen und Workshops zur Kunst der Stickerei in Palästina und Jordanien anbieten,“ erzählt Widad Kawar. „Es gibt in Jordanien viele Sammler traditioneller Objekte aus der gesamten Arabischen Welt und das Museum ist ein viel gefragter Ort, dem interessierten Publikum solche Sammlungen zu präsentieren. Ein Beispiel dafür war bis April 2016 die Ausstellung über traditionellen Silberschmuck und Amulette aus Syrien, Irak, VAE, Oman, Jemen, Ägypten und Saudi-Arabien des Sammlers Sami Moawiyah Yousef, zu deren Eröffnung Königin Rania kam. Dabei stand die Kunst der Silberschmiede im Vordergrund und auch in Jordanien blickt diese auf eine reiche Tradition zurück. Viele Jordanier kennen die Geschichte der Familie Afghany: Im Jahr 1850 zog Abdel Hamid Al Afghani von seiner Heimat Afghanistan nach Damaskus. Seinen ersten Silberladen eröffnete er 1870 in Jaffa und arbeitete sogar für den Sultan. Um 1925 übernahmen seine Söhne Ahmad, Mahmoud und Mohammed den Laden und importierten handgefertigten Schmuck aus Palästina. Nach dem Krieg zog die Familie 1948 von Bethlehem nach Salt und einige Jahre später wurde ein Laden gegenüber der Hussein Moschee in Amman eröffnet, der bis heute in Familienbesitz existiert,“ so Widad Kawar.

im TIRAZ Widad Kawar Museum, Foto: © Barbara Schumacher
im TIRAZ Widad Kawar Museum, Foto: © Barbara Schumacher

Text und Fotos: Barbara Schumacher

Info:

www.arabheritage.org
Al-Maqam.de

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